Panorama

Zoff unter Forschern Wie sich Drosten gegen Kekulé-Kritik wehrt

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Harte Woche für Christian Drosten: Erst muss sich der Charité-Virologe gegen die Vorwürfe der "Bild"-Zeitung verteidigen, dann gegen die seines Kollegen Alexander Kekulé.

(Foto: picture alliance/dpa)

Virologe Drosten hat es zurzeit nicht leicht. Anfang der Woche geht ihn die "Bild"-Zeitung wegen mutmaßlicher Fehler in seiner Studie aggressiv an. Jetzt feuert ausgerechnet sein Kollege Kekulé hinterher. Doch Drosten will das nicht auf sich sitzen lassen und schießt auf Twitter scharf zurück.

Die Diskussion um mutmaßliche Schwachstellen einer Studie, die der Charité-Virologe Christian Drosten leitet, wird heftiger. Nach der "Bild"-Zeitung warf nun auch Alexander Kekulé, Arzt und Biochemiker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, in einem Gastbeitrag im "Tagesspiegel" Drosten vor, schwerwiegende Fehler gemacht zu haben. Er forderte Drosten auf, seine Studie zurückzuziehen.

Auf Twitter wehrte sich Drosten prompt und ging selbst in Angriffsstellung: In einem Tweet unterstellt er Kekulé Stimmungsmache und eine "tendenziöse Darstellung". Schließlich kenne dieser die Daten nicht und zitiere zudem auch noch falsch. Außerdem könne man Kekulé selbst nicht kritisieren, da dieser keine eigenen Publikationen vorzuweisen habe.

Mit der umstrittenen Studie wollte Drosten mit seinem Team herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen der Konzentration der Viren auf der Rachenschleimhaut und dem Alter der infizierten Person gibt. Dafür untersuchten die Wissenschaftler die Proben von 3712 infizierten Menschen, um die vorhandene Menge an Sars-CoV-2-Viren zu bestimmen. Das Ergebnis: Im Wesentlichen gebe es keine nachweisbaren Unterschiede in der Viruslast der verschiedenen Altersgruppen. Bei der Beurteilung der Ansteckungsgefahr für Kinder müssten die gleichen Annahmen wie für Erwachsene zugrunde gelegt werden.

Kritik an der Methodik

Kekulé kritisierte das proklamierte Ergebnis in dem Gastbeitrag scharf: Die Charité-Studie sei aufgrund methodischer Fehler unhaltbar. Dabei verweist er auf die vorgebrachte Kritik des Züricher Biostatistikers Leonhard Held. Die Probenmengen, auf die sich die Studie bezieht, seien nicht vergleichbar, so Kekulé. Die abgenommene Menge unterscheide sich zu oft, die Proben seien in unterschiedlichen Stadien der Krankheit genommen worden.

Zudem sei die Stichprobe sehr klein. "Ausgerechnet bei den hier relevanten unter Elfjährigen gab es nur 49 Patienten", kritisierte Kekulé. Somit sei ein nicht gefundener Unterschied anhand der verwendeten Methode noch lange kein Beweis dafür, dass es den entsprechenden Unterschied nicht gebe. Insgesamt fehle der Drosten-Studie die wissenschaftliche Grundlage, schrieb Kekulé.

"Kekulé ist das egal, er feuert trotzdem"

Bei der Studie handelt es sich um einen sogenannten Pre-Print. Eine Vorabversion einer fertigen Studie, die zur wissenschaftlichen Diskussion freigegeben wird - auch um Schwachstellen ausfindig zu machen. Dass Drosten weitere Daten auswerten und die Statistik neu berechnen wolle, kann die aktuelle Arbeit laut Kekulé trotzdem nicht retten. "Warum Drosten die Studie nicht einfach zurückzieht, ist schwer nachvollziehbar", schrieb Kekulé.

Über die Aussagen seines Kollegen zeigte sich Drosten empört. Der von Kekulé bemühte Epidemiologe Leonhard Held sagt laut Drosten selbst über seine statistische Nachanalyse der Studie, dass diese nicht konklusiv ist. "Kekulé ist das egal, er feuert trotzdem. Danke dafür", twitterte Drosten - und betonte noch einmal: "Wir werden ein Update unserer Daten und Statistik liefern."

Einem Twitter-User stimmte Drosten zu, als dieser schrieb: "Wenn jetzt die Wissenschaftler öffentlich aufeinander einprügeln, gewinnt am Ende die Bild." Kekulé sei zum Glück bisher der Einzige, der sich so verhalte, antwortete Drosten. "In unserer Community spielt er keine Rolle."

"Das Twitter der Wissenschaft"

Anfang der Woche war Drosten bereits von der "Bild"-Zeitung aggressiv dafür angegangen worden, dass seine Studie in Fachkreisen auch kritisch bewertet wurde. Das sei allerdings ein völlig normales Verfahren, sagte Virologe Jonas Schmidt-Chanasit ntv.de. Das Problem liege vielmehr darin, dass in Corona-Zeiten viele Ergebnisse schon vorab veröffentlicht würden. Für diese Vorab-Publikationen wirbt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie braucht diese Daten schneller, um reagieren zu können.

Daher werde der wissenschaftliche Diskurs nun auf öffentlichen Plattformen geführt, so Schmidt-Chanasit. Das führe dazu, "dass viele Daten ohne Qualitätskontrolle, völlig ungefiltert als Pre-Publikation erscheinen. Da werden falsche Ergebnisse hochgeladen, und die werden dann diskutiert. Jeder kann auf diesen Servern etwas hochladen, ohne Expertise", kritisierte Schmidt-Chanasit. "Das ist das Twitter der Wissenschaft."

Der Wissenschaftler empfiehlt daher, das Bewertungsverfahren wieder aus der Öffentlichkeit herauszunehmen und an anderer Stelle Zeit zu sparen. So sollte der Bewertungsprozess den Forschern bezahlt werden. Wenn jeder Reviewer 500 Dollar mit seiner Arbeit verdienen würde, könne der Prozess deutlich verkürzt werden, sagte Schmidt-Chanasit. "Da könnte man zu den Fachjournalen auch sagen: Jetzt, in der Pandemie-Situation müsst Ihr so ein Papier mal in einer Woche durchbringen."

Quelle: ntv.de, hny