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"Vollkommen irreführend" Drosten erklärt Streit mit "Bild"

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Christian Drosten möchte noch in dieser Woche eine überarbeitete Studie zur Infektiosität von Kindern veröffentlichen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Virologe Christian Drosten erzählt in seinem Podcast, warum er sich auf Twitter mit der "Bild"-Zeitung angelegt hat. Er erklärt, warum der Vorwurf, seine Studie zur Virus-Konzentration bei Kindern sei grob falsch, unsinnig ist, und was wissenschaftlichen Diskurs von Streit unter Kollegen unterscheidet.

Dass Christian Drosten gestern eine E-Mail eines "Bild"-Reporters auf Twitter veröffentlichte, schlug hohe Wogen. Sehr viele Nutzer unterstützen den Berliner Virologen, einige finden aber auch, dass er damit zu weit gegangen ist. In seinem jüngsten Podcast erklärt der Wissenschaftler, warum er so empört über die Vorgehensweise der "Bild"-Zeitung ist und weshalb deren Vorwurf, er habe mit fragwürdigen Methoden eine "grob falsche" Studie zur Infektiösität von Kindern erstellt, seiner Meinung nach völlig haltlos ist.

Zunächst muss man wissen, was für Experten offensichtlich ist, aber Laien nicht unbedingt verstehen: Das, was die von "Bild" zitierten Wissenschaftler kritisierten, ist ein sogenannter Preprint, also eine Vorab-Veröffentlichung der eigentlichen Studie, die dazu da ist, von anderen Spezialisten studiert, diskutiert und eben auch kritisiert zu werden. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen wird dann die eigentliche Studie verbessert beziehungsweise korrigiert.

Kritik von Statistikern berechtigt, aber nicht relevant

Im Falle seiner Analyse zur Viruslast bei verschiedenen Altersgruppen habe sein Team die Laborergebnisse mit relativ groben statistischen Methoden ausgewertet, sagt Drosten. Das habe man durchaus mit der Überlegung gemacht, dass die Daten an sich so grob und ungefiltert seien, dass es sich nicht lohnen würde, mit feineren Methoden weiterzugraben, wenn man mit der groben Statistik nichts findet. "Und das haben wir dann so publiziert und die Aussage ist einfach klar: Es gibt auch bei Kindern sehr hohe Viruslast." Das hätte man im Prinzip auch ohne jede statistische Analyse veröffentlichen können. "Das ist ja auch nur ein Preprint."

Daraufhin hätten sich keine Virologen oder Epidemiologen, sondern Statistiker gemeldet. "Und die haben auch völlig zu Recht gesagt, das seien aber ganz schön grobe Methoden", so Drosten. Das habe man von vornherein gewusst und das sei auch nicht ganz unbeabsichtigt geschehen. Die Statistiker hätten dann einen Diskurs gestartet und mit feineren oder zusätzlichen Methoden noch Hinweise zu Unterschieden in der Viruskonzentration gefunden.

Hätte er sich dazu geäußert, hätte er sagen können, ja, stimmt. "Aber das hat für die medizinische Interpretation und die Bedeutung dieser Daten überhaupt keine Konsequenz. Wir spielen hier im Prinzip auf einem Nebenschauplatz." Das gelte auch für eine formal fundierte Kritik von einem der Wissenschaftler, dass es an einer Stelle einen signifikanten Unterschied zwischen Altersgruppen bei der Viruslast gäbe. Dieser Unterschied bestehe aber zwischen Erwachsenen und älteren Erwachsenen, erklärt der Virologe. "Und das war nun mal gar nicht der Fokus unserer Arbeit."

Studie verbessert, Aussage unverändert

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Trotzdem verschließe er nicht die Ohren vor der Kritik und den Verbesserungsvorschlägen. "Das ist ja gerade Teil einer wissenschaftlichen Veröffentlichung", sagt Drosten. Sein Team habe die substanziellen Zuschriften gesammelt, den Autoren geantwortet und die Kritik genutzt, um die statistische Analyse zu verbessern. Eine Zuschrift sei so gut gewesen, dass er den Verfasser zum Co-Autor der Studie gemacht habe, sagt Drosten. Er hoffe, bis Ende der Woche das Update der Studie fertig zu haben. Darin gäbe es aber nicht nur statistische Verbesserungen, sondern man habe aus den verschiedenen Testphasen noch detailliertere Informationen gewonnen.

Das Ergebnis der Studie bleibe unverändert: Kinder hätten die gleiche Viruslast wie andere Altersgruppen. "Da gibt's nichts dran zu kritisieren. Wir werden das darstellen und wir werden dann mit einer sehr hochwertigen Studie in eine offizielle Einreichung bei einem Journal gehen", erklärt Drosten. Dies sei ein normaler wissenschaftlicher Prozess, "den vielleicht bestimmte Medien so nicht verstehen oder übertragen können." Durch eine verkürzte Berichterstattung kämen dabei dann "solche Dinge" wie der "Bild"-Artikel heraus. Er sei "vollkommen irreführend", weswegen sich auch alle vier genannten Wissenschaftler davon distanziert hätten, so der Virologe. Und in dem Artikel stehe auch gar nicht, worin die Kritik bestehe.

Quelle: ntv.de

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