Radioaktive UngewissheitWie sich Tschernobyl ins Gedächtnis einbrannte
Von Solveig Bach
Als in Tschernobyl der Reaktor explodiert, bleibt die Katastrophe zunächst im Verborgenen. Erst nach und nach dringen Informationen nach außen - während in ganz Europa Unsicherheit, Gerüchte und Angst wachsen. Zeitzeugen erinnern sich an eine unsichtbare Bedrohung, die plötzlich den Alltag verändert.
In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 gerät im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Test an einem der Reaktoren außer Kontrolle. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versuchen vergeblich, die Schmelze des Reaktorkerns, den GAU, zu verhindern. Die Welt erfährt davon zunächst nichts.
Erst Tage später gibt es offizielle Informationen aus der sowjetischen Partei- und Staatsführung. Schweden meldet erhöhte Radioaktivität und vermutet einen Unfall im eigenen Atomkraftwerk Forsmark. Erst, als dort kein Problem gefunden werden kann und auch andere skandinavische Länder alarmierende Werte messen, richtet sich der Blick auf die Sowjetunion.
Nach 40 Jahren verschwimmen die Erinnerungen, man kann nicht mehr so einfach beantworten, wo man am 26. April 1986 war. Es ist die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, es gab das Internet noch nicht, wer heute erwachsen oder vielleicht schon gar Senior ist, war ein Kind oder zumindest jung. Anderen haben sich die Erinnerungen regelrecht eingebrannt.
Unglück in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik
Susanne und Werner Rau sind im April 1986 von West-Berlin aus auf Motorrädern unterwegs in Italien. "Von der Tschernobyl-Katastrophe erfuhren wir durch das Radio", erzählt Susanne Rau. "Natürlich nur auf Italienisch, was ich ein bisschen verstand." Am nächsten Morgen kaufen sie in einem kleinen Laden in einem Dorf in der Toskana nicht nur Panini, sondern auch eine Zeitung, um mit Hilfe eines Wörterbuchs zu verstehen, was gerade passiert.
Was und wie viel man von den Geschehnissen in Tschernobyl erfährt, hängt stark davon ab, ob man diesseits oder jenseits des Eisernen Vorhangs lebt. In den westdeutschen Nachrichten fällt der Name Tschernobyl erstmals am 26. April um 21 Uhr, da ist das Reaktorunglück bereits das wichtigste Thema.
Frank Zörner ist im April 1986 bei der Volksmarine der DDR in Bad Sülze. Der damals 21-Jährige hat einen Dauer-Landgangschein und fährt immer wieder heimlich nach Hause. Er hört wie die meisten DDR-Bürgerinnen und -Bürger zuerst aus den Westnachrichten von den Vorgängen in der Ukraine. Während es dort bald kaum ein wichtigeres Thema gibt, herrscht in den DDR-Medien noch Stille.
Erst am 29. April, gegen Ende der "Aktuellen Kamera" ist in der Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens erstmals davon die Rede. Es sind wenige, dürre Sätze, die am nächsten Tag auch im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" stehen - auf Seite fünf. In einem Atomkraftwerk in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik habe sich ein Unglück ereignet. Einer der Reaktorblöcke sei beschädigt worden. Es würden Maßnahmen ergriffen, um die Folgen zu beseitigen. Eine Regierungskommission sei eingesetzt.
Nie wieder unbeschwert?
"Wir dachten, die Russen haben dumme technische Fehler gemacht und so einen Reaktor gegen die Wand gefahren", erinnert sich Zörner. Über die Auswirkungen habe man sich einfach keine Gedanken gemacht. Tschernobyl ist so weit weg, die radioaktive Strahlung unsichtbar. So geht es vielen in der DDR.
"Die Russen haben erstmal dementiert und irgendwann kam es dann so stückchenweise raus", erinnert sich die damals 18-jährige Elke Hauser. Sie pendelt 1986 zwischen ihrem Heimatort Villingendorf und ihrem Ausbildungsort Stuttgart. Auch sie ist nicht besonders besorgt. "Es wurden regelmäßig Messwerte verlesen, überall. Es ging viel darum, ob man den Salat aus dem Garten essen soll und es wurde auch einiges untergepflügt. Auf keinen Fall sollte man Pilze aus dem Wald essen, weil sich da die Strahlung besonders ablagert. Man sollte auch nicht auf den Spielplatz gehen, aber dafür war ich mit 18 ja sowieso zu alt."
Doch so unbesorgt ist nicht jeder. Der heute 80-jährige Hans-Georg Stoppel gräbt im Ruhrgebiet seinen gesamten Kräutergarten um, die gerade 16-jährige Frauke Niemeyer gerät in den Tagen nach dem Unglück in Ostwestfalen-Lippe in einen Regenguss und reagiert fast panisch. "Zuhause habe ich ungefähr eine Stunde geduscht. Ich konnte diese Gefahr überhaupt nicht einschätzen. Am nächsten Tag war wieder herrlichstes Wetter und ich hatte das Gefühl, im Garten strahlt es von überall. Es schien mir alles toxisch zu sein. Ich dachte, jetzt kann ich nie wieder unbeschwert in der Natur sein."
Sabine Oelmann macht in West-Berlin gerade Abitur und spürt, dass ihre Eltern das Thema nur ungern besprechen, sondern eher "runterspielen". "Ich habe mir Sorgen über diese Wolke voller Dreck und Gift gemacht. Und darüber, ob unsere Kinder später krank zur Welt kommen würden, obwohl das wirklich noch weit weg war." Erst nach und nach wird das ganze Ausmaß der radioaktiven Wolken und ihre Verteilung über Europa bekannt. Hannes Schönemann war erst ein knappes Jahr zuvor aus der DDR, wo er in politischer Haft saß, nach Hamburg gekommen. "Ich habe versucht, alle mir wichtigen Menschen im Osten zu erreichen, um sie irgendwie zu beunruhigen, also wachsam zu machen. Im Osten wurde das ja sehr heruntergespielt."
"Gefühl der Bedrückung"
Der 19-jährige Thomas Schmoll verlässt in Leipzig aus Angst vor dem radioaktiven Fallout kaum das Haus. Vor allem aber tun ihm die Menschen vor Ort leid, besonders die, die in Tschernobyl in schon damals vollkommen unzureichender Schutzkleidung versuchen, zu retten, was zu retten ist. "Es war klar, dass die Leute im Einsatz die Gefahren nicht kannten und sterben würden."
Als Susanne und Werner Rau auf dem Rückweg von Italien die DDR im Transit durchqueren, müssen sie mit ihren Motorrädern durch ein Becken mit einer dekontaminierenden Flüssigkeit fahren, "damit die Strahlung nicht in die DDR gelangen konnte". Erst zu Hause erfahren sie die Einzelheiten der Katastrophe. Sie essen jahrelang keine Pilze und Beeren. Heidi Driesner, die zur Zeit des Unglücks in Bulgarien lebt, trinkt ihren Kaffee "wegen Tschernobyl" bis heute schwarz. "Es hieß, man soll auf keinen Fall frische Milch trinken. Und dabei bin ich geblieben."
Irgendwann werden die Meldungen aus Tschernobyl weniger. Es bleibt ein Unwohlsein, eine unterschwellige Angst, dass mit der Radioaktivität doch etwas ins eigene Leben eingezogen ist, das erst später seine Wirkung entfalten wird. Frank Zörner spricht im Sommer 1988 in Ungarn mit Studenten aus Kiew, von denen einige auch bei der Abriegelung von Tschernobyl und Reinigungsarbeiten im Einsatz waren. "Ich weiß noch, dass es ein Thema war, dass sie Angst hatten vor Krebs, dass sie sich dort aufgrund der erhöhten Strahlung etwas eingefangen haben."
Heidi Driesner findet sich rückblickend leichtsinnig und gutgläubig. Sie und ihr Mann ernten und essen 1986 in Bulgarien die herrlichsten Steinpilze und lassen sich auch von einem einheimischen Bauern nicht davon abhalten, der sie im Wald heftig beschimpft. "Wir haben alles gut überlebt, uns ist nichts passiert", sagt die heute 76-Jährige. "Aber ich bin damit viel zu leichtfertig umgegangen." Und Susanne Rau hält bis heute fest: "Das Gefühl der Bedrückung verschwand erst nach einiger Zeit."