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Strahlenfolgen in den GenenMutierte DNA in Kindern von Tschernobyl-Arbeitern entdeckt

16.02.2026, 16:04 Uhr
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Bergungsmannschaften sind nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit Aufräumarbeiten beschäftigt, Aufnahme von 1986. (Foto: picture alliance / dpa)

Kann radioaktive Strahlung genetische Spuren hinterlassen, die an Kinder weitergegeben werden? Forschende haben nun Hinweise gefunden, dass genau das nach der Katastrophe von Tschernobyl geschehen sein könnte. Müssen sich Betroffene Sorgen machen?

Der Super-GAU von Tschernobyl liegt fast 40 Jahre zurück. Hunderttausende Menschen wurden 1986 gefährlicher Strahlung ausgesetzt. Seitdem wird unter Wissenschaftlern intensiv darüber diskutiert, ob die durch radioaktive Strahlung verursachten DNA-Schäden vererbbar sind. Frühere Untersuchungen kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Ein Bonner Forschungsteam wählte einen neuen Ansatz: Statt nach einzelnen neuen Mutationen suchten die Forschenden gezielt nach sogenannten clustered de novo mutations (cDNMs) - also mehreren eng beieinanderliegenden DNA-Veränderungen, die bei den Kindern von Menschen mit Strahlenkontakt auftreten.

Solche Mutationscluster sind typische Zeichen für Strahlenschäden. Sie entstehen, wenn radioaktive Strahlung DNA-Stränge bricht und diese anschließend fehlerhaft repariert werden. Das Ergebnis: "Wir fanden einen signifikanten Anstieg dieser Mutationscluster bei den Nachkommen bestrahlter Väter", schreiben die Forschenden im Fachjournal "Scientific Reports". Zudem gebe es einen Zusammenhang zwischen der geschätzten Strahlendosis der Väter und der Zahl der cDNMs bei den Kindern.

Mehr Strahlung, mehr Mutationen

Die Ergebnisse basieren auf umfassenden Genomanalysen von mehr als 1500 Menschen. Untersucht wurden 130 Nachkommen von Tschernobyl-Aufräumarbeitern, 110 Nachkommen von deutschen Militärradar-Operatoren der 1980er Jahre, die wahrscheinlich Streustrahlung durch Radaranlagen ausgesetzt waren, sowie 1275 Nachkommen von Eltern, die keiner Strahlung ausgesetzt waren und als Kontrollgruppe dienten.

Im Durchschnitt fanden sich bei den Nachkommen der Tschernobyl-Helfer 2,65 Mutationscluster pro Kind. In der Radar-Gruppe lag der Wert bei 1,48, in der Kontrollgruppe bei 0,88. Zwar gehen die Forschenden davon aus, dass diese Zahlen durch Messrauschen leicht überschätzt sein könnten - doch auch nach statistischer Korrektur bleibe der Unterschied signifikant. Auffällig dabei: Je höher die angenommene Strahlendosis des Vaters, desto mehr Mutationscluster traten beim Kind auf.

Alltägliche Risikofaktoren oft größer

Sorgen müssten sich die Nachkommen laut dem Forschungsteam dennoch nicht machen. Es liege kein erhöhtes Krankheitsrisiko vor, heißt es in der Studie. Viele der beobachteten Mutationen liegen demnach in sogenannten nicht-codierten Bereichen des Genoms - also dort, wo keine Baupläne für Proteine, die zentrale Funktionen in Zellen steuern, gespeichert sind. "Angesichts des insgesamt geringen Anstiegs solcher Mutationen ist die Wahrscheinlichkeit minimal, dass daraus eine Erkrankung entsteht", heißt es in der Studie.

Zur Einordnung des Risikos verweist das Forschungsteam auf einen bekannten Effekt: Mit zunehmendem Alter eines Vaters steigt auch die Zahl der neu auftretenden Mutationen im Erbgut der Kinder. Diese ist deutlich höher als die zusätzliche Zahl an Mutationen, die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Kindern von strahlenexponierten Vätern nachweisen konnten. Das bedeutet: Das bekannte, alltägliche Risiko durch ein spätes Vaterwerden ist nach heutigem Kenntnisstand größer als das genetische Zusatzrisiko, das in dieser Studie mit der langfristigen Strahlenbelastung untersucht wurde.

Dennoch zeige die Arbeit laut dem Forschungsteam, dass langanhaltende Strahlenexposition subtile genetische Spuren hinterlassen kann, die bis in die nächste Generation reichen. Gerade für Menschen, die beruflich oder durch Unfälle radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, unterstreiche die Studie die Bedeutung von Schutzmaßnahmen und langfristiger Überwachung.

Quelle: ntv.de, hny

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