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Psychoanalytikerin erklärtWie verbessert man die Beziehung zu den eigenen Geschwistern?

08.02.2026, 16:02 Uhr 9B4A6383-1Von Lauren Ramoser
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Die Brüder William und Harry beim Begräbnis für die verstorbene Königin Elizabeth II. vor Schloss Windsor. (Foto: Martin Meissner/AP/dpa)

Geschwister sind trotz aller Romantisierungen oft Rivalen und das sorgt für wiederkehrende Konflikte. Aber es gibt einen Punkt im Leben aller Geschwister, an dem sie aktiv ihre Beziehung überdenken sollten.

Geschwister begleiten sich ein Leben lang, kaum jemanden kennt man so gut und so lange. Dennoch sind die Voraussetzungen für ein gutes Verhältnis unter Geschwisterkindern zunächst schlecht. "Geschwister sind häufig ambivalent zueinander, Liebe und Aggression, um nicht zu sagen Hass, liegen nah beieinander", sagt Psychoanalytikerin Dorothee Adam-Lauterbach im Gespräch mit ntv.de. Dieses Motiv von Geschwisterbeziehungen ist so alt, wie die Geschwister selbst. Schon in der Bibel steht der Konflikt zwischen Kain und Abel zu Beginn der Erzählung und offenbart das schädliche Potenzial dieser Beziehung.

Die Konflikte unter Geschwistern wiederholen sich immer wieder, denn sie stehen in einer starken Konkurrenz-Situation und buhlen um Aufmerksamkeit und Ressourcen der Eltern. "Neid spielt eine Rolle, dieses Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, dann Unterlegenheit und Überlegenheit", zählt die Psychoanalytikerin klassische Streitpunkte auf. "Dann gibt es natürlich auch Konflikte um Dominanz, denn Geschwisterbeziehungen funktionieren oft über Macht und Dominanz." Ein häufiges Motiv sei die Dynamik zwischen älteren und jüngeren Geschwistern oder Brüdern und Schwestern.

Die Art der Konflikte verändert sich mit dem Alter der Geschwister. Dreht es sich in der frühen Kindheit häufig um die klassischen Meins- und Deins-Konflikte, verlagert sich das Augenmerk mit zunehmendem Alter auf die Aufmerksamkeit der Eltern. Die Kinder suchen und finden ihre Rolle innerhalb der Familie und reflektieren ihre Aufgaben und die an sie gestellten Anforderungen. Erstgeborene erleben dabei oftmals mehr Druck oder empfinden Regeln als strenger, Jüngere fühlen sich von Älteren dominiert und wenig ernstgenommen.

Woher kommen die Konflikte unter Geschwistern?

Ein Forschungsüberblick der Universität Klagenfurt von 2019 beschreibt, dass Geschwisterbeziehungen typischerweise einer U-Kurve folgen: sehr nah in der Kindheit, eine Distanzphase im Jugend- und frühen Erwachsenenalter und eine erneute Annäherung im höheren Erwachsenenalter - wenn es gut läuft.

Laut Adam-Lauterbach versteckt sich hier der Punkt, an dem Geschwister aktiv an ihrer Beziehung arbeiten sollten. "Geschwisterbeziehungen sind selbstverständlich da, aber nicht selbstverständlich gut", so die Psychoanalytikerin. Denn bevor es zu spät ist, sollten Geschwister an ihrem Verhältnis arbeiten und frühere Konflikte aufarbeiten. "Man überträgt auch unbewusste Geschwisterkonflikte, beispielsweise im Berufsleben in Teams", sagt Adam-Lauterbach. "Etwas plakativ gesagt, der älteste Sohn, der immer bevorzugt wurde, wird diese Rolle auch im Arbeitsleben fortführen wollen", erklärt die Expertin.

Von dieser Geschwisterdynamik muss man sich lösen. Dazu zähle auch das gelernte Verhalten, dass die Älteren den Jüngeren entwicklungsmäßig immer einen Schritt voraus seien. "Das muss sich mit der Zeit ändern, denn irgendwann sind sie ihnen nicht mehr voraus", sagt die Psychoanalytikerin. Diese Macht-Dynamik habe im Erwachsenenleben nichts mehr zu suchen. "Ich habe das sogar bei über 60-jährigen Patienten erlebt, wie belastend so alte Rollenfixierungen sein können, wenn die Zuschreibungen und Positionen noch aus der Kindheit da sind", sagt Adam-Lauterbach.

Eltern üben großen Einfluss auf Geschwister aus

Nicht jedes Kind erlebt die gleichen Eltern, auch wenn es sich um Geschwister handelt - sagt der Volksmund. Eltern behandeln ihre Kinder unterschiedlich, widmen sich dem vermeintlich Schwächeren mehr, bevorteilen ein Geschlecht, oder fühlen charakterlich mehr Nähe zu einem Kind. Sie schüren Rivalität, durch bedachte oder unbedachte Äußerungen oder treiben einen Keil zwischen Geschwister, indem sie unterschiedliche Erwartungshaltungen ansetzen.

"Das kann im Erwachsenenalter zum Beispiel auch bei Erbschaftsgeschichten oder der Pflege der Eltern eine Rolle spielen und als wirklich permanenter Konflikt fortgeführt werden und zu richtig destruktiven Streitereien führen zwischen Geschwistern", sagt die Expertin. Für Eltern ist es wichtig, auf Werte wie Loyalität, Solidarität und die klassische Brüderlichkeit zu setzen - also Verbindung zu schaffen, ohne Unterschiede zu ignorieren.

Konflikte überwinden kann sich auszahlen

Wie gelingt also das Lösen der Geschwisterkonflikte? Zunächst sind die Beziehungen vielschichtig und unterscheiden sich von Streitereien mit Freunden oder in einer Partnerschaft. "Man teilt dieses gemeinsame Leben, gemeinsame Erfahrungen mit der Familie, die natürlich dennoch unterschiedlich sein können", sagt die Psychoanalytikerin. "Und weil diese Beziehung schon so lange existiert, ist die Sicht auf den anderen oftmals auch mit einer infantilen Haltung verbunden."

Der erste Schritt sei ein offenes Gespräch. Hat das Geschwisterkind einen für mich schweren Konflikt genauso erlebt? Oder gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen der jeweiligen Rollen? Diese Art Spannungen lassen sich nur im Austausch klären. "Da muss man sich ein Stück selbstkritisch hinterfragen", sagt die Psychoanalytikerin. "Warum muss ich jetzt meinen Bruder oder meine Schwester so abwerten oder so dominant erleben?" Diese verzerrten Wahrnehmungen seien unter Geschwistern häufiger als in anderen Beziehungen, weil "Geschwister starke Trigger sind", sagt Adam-Lauterbach. Oftmals haben Geschwister unterschiedliche Lebensentwürfe, Interessen oder Bildungsgrade, die eine harmonische Beziehung erschweren. Dann hilft es, sich trotz aller Unterschiede, auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren.

Studien belegen, dass sich viele Geschwister im Laufe ihres Lebens wieder annähern und dass sich das positiv auf ihre Gesundheit auswirken kann. Gemeinsames Erinnern ist nicht nur Nostalgie, sondern Aushandlung - man vergleicht Versionen, korrigiert sich, tröstet sich gegenseitig und baut dadurch ein gemeinsames Narrativ, was auch die Beziehung zueinander im Alter schützen kann.

Quelle: ntv.de

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