Panorama

Ein Land geht auf die StraßeWie wir das, was im Iran passiert, sichtbar machen

13.01.2026, 18:00 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Dieses Bild zeigt Aufnahmen aus einem Video, das zwischen dem 9. und 11. Januar 2026 aufgenommen wurde. Vor einem Leichenschauhaus in Kahrizak, einer Provinz Teherans, liegen Dutzende Tote, die von ihren Angehörigen identifiziert werden müssen. (Foto: AP)

Es ist nicht einfach nur ein Aufstand - es ist eine Revolution. Trotzdem haben viele Iraner - vor Ort und auch im Ausland - nicht das Gefühl, dass sie so gesehen werden, wie sie gesehen werden müssten. Die Welt hat nach Berlin geschaut, als die Mauer gefallen ist - jetzt sollte die Welt nach Teheran schauen, wo eine brutale Regierung gestürzt wird.

Sie haben einen neuen Anführer ausgemacht: Der Sohn des 1972 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, hatte seine Landsleute dazu aufgerufen, sich zu wehren, und Tausende, Hunderttausende, sind seinem Aufruf gefolgt. Sie haben nichts zu verlieren, sagen einige, andere, dass sie ihr Land nicht mehr wiedererkennen. Die katastrophale wirtschaftliche Lage hat ihr Übriges dazu getan.

Am Donnerstag letzter Woche haben die Menschen die Sicherheitskräfte der Regierung quasi damit überrumpelt, mit welcher Wucht und Macht sie auf die Straßen gingen - ab Freitag waren die Gegner eines freien Iran bereits besser darauf vorbereitet. Was bedeutet, dass es Hunderte, einige sprechen von 6000, Tote gibt: Männer, Frauen, Kinder, Teenager, Junge, Alte - denn alle gehen auf die Straße. Am Freitag sollen es trotz der massiven Drohungen dennoch mehr gewesen sein als am Tag zuvor. Der iranische Führer Ali Khamenei und das brutale Durchgreifen seiner Revolutionsgarde hält die Menschen nicht mehr davon ab, für und um ihr Leben zu kämpfen.

Verbluten oder gefoltert werden

Die Revolutionsgarde schießt gezielt auf Kopf und Hals, erzählen die, die es geschafft haben, trotz Internetsperre aus dem Land zu berichten. Sie berichten davon, dass Menschen mit Bauchschüssen, die zu verbluten drohen, der Zugang zu Krankenhäusern durch Wachen verwehrt wird, dass die Kliniken sogar die Weisung hätten, Menschen mit Schussverletzungen zu melden. Ob man nun also verblutet oder von den Regierungstreuen zu Tode gefoltert oder von einem Gericht zum Tod durch Erhängen verurteilt wird, kommt am Ende auf das Gleiche hinaus. Die Iraner lassen sich dennoch nicht abschrecken.

Die Zahlen der Toten variieren, Hilfsorganisation, iranische Medien und Einzelpersonen, die trotz Internetsperre durchkommen, zeigen Bilder des Schreckens, Grausames: Leichensäcke an Leichensäcken liegen in den Straßen, vor Gebäuden, in Krankenhäusern, vor Moscheen und Gerichtsgebäuden. Angehörige irren durch die Straßen, öffnen die Säcke in der Hoffnung, nicht ihre Liebsten darin zu entdecken. Und wenn doch, dann liegen sie neben ihnen, weinen oder sind ebenso starr, halten ihre Toten.

Ärzte berichten von Verletzungen durch Kriegswaffen. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtet der Arzt Amir Mobares-Parasta davon, dass momentan eine völlig andere Situation herrsche als vor vier Jahren: "Im Unterschied zu 2022, als es vor allem Verletzungen durch Schrot- und Gummigeschosse gab, seien nun vermehrt Kriegswaffen im Einsatz", sagt der Augentraumatologe und verweist auf Berichte, die er - auf Umwegen - von iranischen Kollegen erhält. Die Revolutionsgarde schießt von Gebäuden aus in die Menschenmengen, versuche, die Anführer auszumachen und diese möglichst effektvoll für alle Umstehenden - mit einem Schuss in die Halsschlagader - zu töten. Darum, die Augen zu verletzen, ging es auch schon bei den Frauen-Leben-Freiheit Protesten, die Demonstranten sollten blind gemacht werden.

Was neben zerstörten Gliedmaßen, Jahren hinter Gittern, ausgerotteten Familien eine ebenso wesentliche Rolle spielen wird in der Zukunft, ist das, was diese Zeit mit den Seelen der Menschen anstellt. Eltern opfern ihr Leben, damit ihre Kinder in Freiheit aufwachsen können. Damit ihre Söhne nicht in einem Krieg verheizt werden und ihre Töchter nicht hinter einem Schleier verschwinden müssen.

Diplomatie as usual reicht nicht

Die Iraner, die auf den Straßen um ihr Leben und für ihre Freiheit kämpfen, rufen "den Westen" um Hilfe an. Trump soll kommen, und Europa - und die anderen - ihre diplomatischen und geschäftlichen Beziehungen zu dem Schurkenregime einstellen. Bundeskanzler Friedrich Merz sagt: "Wenn sich ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten kann, dann ist es faktisch am Ende". Er gehe davon aus, dass "wir hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen", so Merz bei seinem Staatsbesuch in Indien, angesprochen auf die Massenproteste im Iran. Was er mit "auch" wohl meinte? Diplomatie as usual reicht nicht, denn um diesen Vergleich noch einmal zu bemühen: Als die deutsche Mauer fiel, schaute die ganze Welt in Richtung Deutschlands. Hier ist es nicht getan damit, "zutiefst besorgt" zu sein, und "die Behörden" aufzufordern, "von Gewalt abzusehen und die Grundrechte der iranischen Bürger zu wahren".

Es geht jetzt darum, den Menschen Irans größtmögliche Sichtbarkeit zu verschaffen, auf die Straße zu gehen, die Politik unter Druck zu setzen, die Profiteure zu benennen und den Bürgern im Iran Zugang zum Internet (zum Beispiel via Snowflake) zu verschaffen - das fordern diejenigen, die sich in den Sozialen Medien äußern. Sie wenden sich damit an jeden Einzelnen von uns.

Wenn die internationale Staatengemeinschaft keinen - oder nur halbherzigen - Druck auf die Führer des Iran ausübt, werden noch viele weitere Menschen - Männer, Frauen, Kinder, Teenager, Junge, Alte - sterben.

Quelle: ntv.de

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