Panorama

Nicht nur Hotspots in Not Wo man jetzt nicht schwer krank werden sollte

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Invasiv beatmete Covid-19-Patienten werden oft mehrmals täglich in die Bauchlage gedreht, wobei sich kein Schlauch lösen darf. Dazu sind sechs Personen nötig.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten nimmt weiter rasant zu, immer mehr Krankenhäuser haben keine freien Kapazitäten mehr. Vor allem in den Corona-Hotspots werden die Intensivbetten knapp, aber auch in anderen Bundesländern sollte man jetzt besser nicht schwer krank werden.

Der Frust ist groß: Obwohl im Frühjahr noch viele daran zweifelten, war im Sommer genügend Impfstoff vorhanden, um jeden Erwachsenen gegen Covid-19 zu impfen. Deutschland hätte die Chance gehabt, durch eine hohe Quote einen zweiten Horror-Winter zu vermeiden. Ja, die Vakzine verhindern nicht alle Ansteckungen, aber die allermeisten schweren Verläufe. Was möglich gewesen wäre, sieht man in Dänemark, wo bei einer noch höheren Inzidenz als in Deutschland zwar die Zahl der Krankenhauseinweisungen deutlich zunimmt, aber die Belegung der Intensivstationen wesentlich geringer steigt.

Situation dramatischer als vor einem Jahr

In Deutschland dagegen geht die Kurve der Intensivbetten-Belegung durch Covid-19-Patienten schon seit Mitte Oktober nahezu senkrecht nach oben. Inzwischen sind es rund 4050 Patienten, bereits knapp 300 mehr als vor einem Jahr. Gleichzeitig stehen durch eine verschärfte Personalnot wesentlich weniger betreibbare Betten zur Verfügung. In ganz Deutschland sind es noch etwa 2300, am 24. November 2020 waren es fast 5000. Geht die Entwicklung so weiter, könnten zu Weihnachten rund 6000 Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen versorgt werden müssen - mehr als jemals zuvor in der Pandemie.

Die Situation ist jetzt dramatischer als vor einem Jahr und selbst wenn die jetzt ergriffenen Maßnahmen effektiv sein sollten, wirkte sich das erst in einigen Wochen auf den Stationen aus. Schon jetzt können viele Krankenhäuser keine neuen Intensivpatienten aufnehmen, auch ihre regionale Verlegung ist in einigen Bundesländern bald oder schon nicht mehr möglich. Deshalb wurde die sogenannte Kleeblatt-Konferenz aktiviert, die eine länderübergreifende Verteilung von Patienten organisiert.

Sieben Bundesländer schon im kritischen Bereich

Sieben Bundesländer befinden sich laut DIVI-Intensivregister aktuell schon im kritischen Bereich. Das heißt, dort sind weniger als zehn Prozent der betreibbaren Betten noch frei. Zu den betroffenen Ländern gehören die aktuellen Corona-Hotspots Sachsen, Bayern und Sachsen-Anhalt, aber auch Hessen, Berlin, NRW und Bremen mit deutlich niedrigeren Fallzahlen.

Entscheidend sind letztendlich nicht die Inzidenzen, sondern neben der Anzahl der schwer erkrankten Menschen die grundsätzlichen Kapazitäten der Krankenhäuser, die schon vor der Pandemie aus Kostengründen oft weitgehend ausgelastet waren. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Wellen aufgeschobene Operationen nachgeholt werden mussten.

Eine durchschnittliche deutsche Intensivstation habe ungefähr zwölf Betten, erklärt der Leiter des DIVI-Intensivregisters Karagiannidis im NDR-Podcast "Corona-Update". Normalerweise versuche jede Station 10 Prozent der Betten freizuhalten, um Notfälle versorgen zu können. Bei zwölf Betten entspricht ein freies Bett bereits 8 Prozent. "Das heißt, wenn wir unter 10 Prozent rutschen, wird es schon schwierig", sagt der Intensivmediziner. "Wenn die Kliniken weniger als 5 Prozent freie Betten haben, lebt man quasi von der Hand im Mund und ist im Prinzip nicht mehr richtig handlungsfähig."

Bremen hilft hohe Impfquote

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Die Verlegung von Intensivpatienten ist enorm aufwändig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das trifft ausgerechnet auf Bremen zu, das die beste Impfquote und mit 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner eine der niedrigsten Inzidenzen der 16 Bundesländer hat. Insgesamt gibt es dort aber aktuell nur 159 Betten, von denen bereits 140 von "normalen" Patienten belegt sind. Bei einer so niedrigen Grundkapazität genügen 19 Covid-19-Fälle, um den Anteil der freien Betten auf 3,1 Prozent zu drücken.

Bremen kann aber die Welle vielleicht mit Ach und Krach überstehen, da durch den breiten Impfschutz der vulnerablen Gruppen dort die Zahl der Intensivpatienten nahezu stagniert. Heute lagen 20 Covid-19-Patienten auf Bremer Intensivstationen, am 10. November ebenso, am 11. waren es vorübergehend 25.

Solche Schwankungen können durch die Notfallreserve ausgeglichen werden, die Bremen offensichtlich schon angegriffen hat. Denn die Kapazität ging hier von 128 auf 84 Betten zurück. Das klappt aber nicht überall, denn dafür muss Personal von anderen Stationen abgezogen werden, was nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist.

Berliner Krankenhäuser am Limit

Nicht so gut sieht es in Berlin aus, wo die Charité schon Anfang des Monats Alarm schlug. Aktuell sind in der Hauptstadt nur noch 8,2 Prozent der betreibbaren Intensivbetten frei, was in der Metropole mit mehr als 3,6 Millionen Einwohnern gerade mal 87 freien Betten entspricht. Durchschnittlich kommen in der Hauptstadt derzeit täglich knapp sechs neue Covid-19-Patienten auf die Intensivstationen.

Die vorhandenen Kapazitäten seien derzeit vor allem mit Menschen belegt, die nicht am Coronavirus erkrankt seien. Dadurch stünden kaum freie Betten für die Covid-19-Versorgung zur Verfügung, sagte Martin Kreis, Vorstand für die Krankenversorgung der Uniklinik, dem RBB. Von den Corona-Patienten seien 90 Prozent ungeimpft.

Große Krankenhäuser wie die Charité trifft die Krise besonders, denn vor allem sie sind in der Lage, die sehr schweren Fälle mit invasiver Beatmung aufzunehmen. Auf ihren Stationen ist auch im schlimmsten Fall eine ECMO möglich, eine Extrakorporale Membranoxygenisierung. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine künstliche Lunge. Durch sie fließt das Blut des Patienten und wird mit Sauerstoff angereichert, weil seine eigene Lunge dies nicht mehr kann.

Erschwerend kommt hinzu, dass solche Patienten oft mehrere Wochen auf den Stationen bleiben und eine besonders intensive Betreuung erfordern. Sie binden also viel Personal auf längere Zeit, weshalb eine Entlastung der Krankenhäuser bei einem Erfolg von ergriffenen Maßnahmen erst mit großer Verspätung erfolgt.

Bayern und Sachsen vor dem Kollaps

Deshalb hat auch Sachsen mit 8,1 Prozent freien Betten ein besonders großes Problem. Denn dort sind bereits 36,9 Prozent der Intensivpatienten Corona-Fälle. Ähnlich besorgniserregend ist der Anteil mit 31,4 Prozent in Bayern, wo noch 9,2 Prozent der Betten frei sind.

Der Kollaps ist absehbar: Zuletzt kamen in Sachsen täglich im Schnitt rund 23 Covid-19-Patienten in die Intensivbehandlung, heute waren dort insgesamt noch 114 Betten frei. Bayern zählt etwa 35 tägliche Neuaufnahmen bei 294 freien Betten.

Thüringens und Hessens Kapazitäten täuschen

Thüringen ist zwar mit 11,8 Prozent zur Verfügung stehender Kapazität offiziell noch nicht im kritischen Bereich. Doch das entspricht in dem Bundesland insgesamt nur 75 Betten. Wegen der hohen 7-Tage-Inzidenz des Landes von jetzt mehr als 720 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner ist die Zahl der Intensivpatienten im Freistaat zuletzt um rund 60 Fälle täglich angestiegen. Die Kapazitäten werden also auch dort schon bald erschöpft sein.

Umgekehrt ist die Situation in Hessen mit aktuell 180 freien Betten und einer noch verfügbaren Kapazität von 9,9 Prozent nicht ganz so dramatisch, da dort bei einer Inzidenz von rund 250 derzeit durchschnittlich nur drei neue Corona-Patienten täglich auf die Stationen kommen. Ähnlich sieht es in NRW (9,6 Prozent) aus, wo bei 509 freien Betten täglich etwa 15 Covid-19-Fälle in die Intensivbehandlung kommen.

Baden-Württemberg und Brandenburg auf der Kippe

Baden-Württemberg (10,2 Prozent) ist dagegen ein Beispiel für Bundesländer, die aktuell knapp nicht im kritischen Bereich sind, aber durch rasch steigende Intensivfälle in Kürze sein dürften. Rund 17 Covid-19-Patienten wurden dort in den vergangenen zwei Wochen durchschnittlich pro Tag neu aufgenommen. 229 Betten sind noch frei, der Anteil der Corona-Fälle ist mit 23 Prozent hoch.

Auch Brandenburg mit 620 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner ist offiziell mit einem Corona-Patienten-Anteil von 10,5 Prozent noch nicht im kritischen Bereich. Das Land hat allerdings nur noch 68 freie Betten und täglich nehmen die Intensivstationen etwa fünf neue Covid-19-Fälle auf.

Welch großen Unterschied eine hohe Impfquote machen kann, sieht man wie in Bremen auch sehr gut in Hamburg. Dort sind zwar auch nur noch 10,8 Prozent der Kapazität verfügbar, aber die 55 Betten plus Notfallreserve könnten ausreichen, da täglich nur zwei bis drei weitere Corona-Patienten intensivpflichtig werden. Außerdem ist der Anteil der Covid-19-Fälle in der Hansestadt mit rund 9 Prozent der zweitniedrigste aller Bundesländer.

Relativ entspannte Lage in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein

Relativ entspannt ist die Lage derzeit nur noch in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz, die noch 16,5 beziehungsweise 16,2 Prozent freie Kapazitäten haben. Das entspricht 118 und 163 Betten. Schleswig-Holstein glänzt zudem mit dem geringsten Anteil von Corona-Patienten auf den Intensivstationen, sie machen dort nur 5,5 Prozent aus.

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In beiden Bundesländern stiegen zuletzt die Covid-19-Neuaufnahmen zwar an - in Rheinland-Pfalz durchschnittlich um täglich rund vier Patienten, in Schleswig-Holstein um zwei. Allerdings bleibt noch etwas Luft, um Fälle aus anderen Bundesländern aufzunehmen.

Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben noch 12,4 beziehungsweise 14,2 Prozent freie Kapazitäten. Sehr viele Patienten werden sie aber nicht aufnehmen können, denn das entspricht auch nur 224 und 86 freien Betten. In Niedersachsen kommen aktuell täglich etwa fünf weitere Corona-Fälle auf die Intensivstationen, in Mecklenburg-Vorpommern knapp vier.

Quelle: ntv.de

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