Politik

Vor Wahl auf den Philippinen Abu Sayyaf meldet sich zurück

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Soldaten der philippinischen Armee auf dem Weg ins Gebiet der Islamisten. Die Regierung hat eine "entschlossene" Reaktion auf die Enthauptung angekündigt.

REUTERS

Mit der Enthauptung eines Kanadiers sorgt die philippinische Islamistengruppe Abu Sayyaf weltweit für Entsetzen. Die Terroristen haben den Zeitpunkt ihrer Tat womöglich bewusst ausgewählt - in zwei Wochen wird in dem Land gewählt. Und Abu Sayyaf hält noch weitere Geiseln gefangen.

Die Islamistengruppe Abu Sayyaf enthauptet im Süden der Philippinen einen kanadischen Staatsbürger und lässt - um der Grausamkeit noch mehr Nachdruck zu verleihen - seinen Kopf von Motorradfahrern vor ein Rathaus der Insel Jolo werfen. Damit schaffen es die Terroristen mit einem Schlag wieder in die Weltöffentlichkeit. Vermutlich nicht ohne Kalkül: In zwei Wochen wird in dem Land ein neuer Präsident gewählt.

Es liegt nahe, dass sich Abu Sayyaf vor den Wahlen am 8. Mai wieder ein stärkeres Gehör verschaffen will. Führend in den Umfragen ist derzeit der Bürgermeister der Millionenstadt Davao City, der für seinen rigorosen Umgang mit Kriminellen und Terroristen berüchtigt ist und der in Hunderte Morde an Kriminellen im Stadtgebiet verwickelt sein soll. Möglicherweise provoziert Abu Sayyaf, in deren Gewalt sich noch mindestens 20 weitere Geiseln befinden, nun wieder einen Konflikt, über den auch über die Staatsgrenzen des Landes hinweg gesprochen werden könnte.

Es geht vor allem ums Geld

In den vergangenen Jahren hat Abu Sayyaf ihren bewaffneten Kampf nur noch regional begrenzt durchführen können. Die philippinische Armee setzt die Islamisten mit Hilfe der US-Armee stark unter Druck. Im Westen der Insel Mindanao und auf dem Sulu-Archipel ist die Gruppe für viele Massaker verantwortlich. Doch die internationale Aufmerksamkeit, die die Gruppe Anfang des vergangenen Jahrzehnts sammelte, als bei Anschlägen auf Fähren in dem Land Hunderte ums Leben kamen oder als sie gemeinsam mit anderen islamistischen Organisationen die Sprengung von elf Verkehrsflugzeugen vorbereitete, erfährt Abu Sayyaf bereits lange nicht mehr. Daran hat auch der international kaum beachtete Schulterschluss mit der Terrormiliz Islamischer Staat im vergangenen Jahr nichts geändert

Vielmehr hat sich in dem Land vielerorts der Eindruck gefestigt, dass die politisch-religiösen Motive bei Abu Sayyaf verloren gegangen sein könnten und die Gruppe mit den Entführungen nur noch die eigene Finanzierung regeln möchte. Abu Sayyaf gehe es vor allem um die Erpressung von Lösegeld, sagt auch Zachary Abuza vom National War College in den USA. Die angebliche Zugehörigkeit zum IS gelte eher der psychologischen Kriegsführung.

Das sich an der grundlegenden Strategie Abu Sayyafs etwas ändert, dafür gibt es keine Anzeichen. Dennoch: mit der Hinrichtung einer westlichen Geisel provoziert die Gruppe eine heftige Gegenreaktion in Manila, das die Allierten in Nordamerika und Europa dringend braucht. Der kanadische Premierminister hat den "kaltblütigen Mord" scharf verurteilt, die philippinischen Behörden haben ein entschlossenes Vorgehen angekündigt. Vieles spricht dafür, dass sich die Gewalt im Süden des Landes vor den Wahlen zuspitzen könnte. Auch, weil Abu Sayyaf noch weitere ausländische Geiseln gefangen hält. Nach Behördenangaben befinden sich derzeit noch mehr als 20 Ausländer in ihrer Gewalt, darunter neben malaysischen und indonesischen Seeleuten ein niederländischer Ornithologe.

Lösegeld auf 18 Millionen Euro erhöht

Der nun getötete Kanadier war zusammen mit einem Landsmann, einem Norweger und einer Philippinerin im September von einer Yacht nahe der Küstenstadt Davao auf der Insel Mindanao verschleppt worden. In Videobotschaften forderten die Geiselnehmer hohe Lösegelder und drohten damit, ihre Opfer zu töten. Im jüngsten Video hatte der Kanadier erklärt, seine Geiselnehmer würden ihn am 25. April umbringen, wenn bis dahin nicht umgerechnet 5,6 Millionen Euro Lösegeld gezahlt werde. Laut philippinischen Medienberichten wurde das Lösegeld kurz vor Ablauf der Frist auf eine Milliarde Peso, umgerechnet rund 18 Millionen Euro erhöht. Wenige Stunden nach Ablauf des Ultimatums warfen dann Motorradfahrer den abgeschlagenen Kopf der Geisel vor das Rathaus auf Jolo.

Die philippinischen Behörden betonten am heutigen Dienstag, Polizei und Armee hätten Straßensperren auf Jolo eingerichtet, um gegen die Islamisten vorzugehen. Es werde nicht nachgelassen, bis diese "gesetzlosen Elemente" außer Gefecht gesetzt seien. Ähnliche Erklärungen der Sicherheitskräfte hatten in der Vergangenheit jedoch wenig Wirkung gezeigt.

Abu Sayyaf wurde in den 1990er-Jahren mit Geld von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden gegründet. Im Frühjahr 2000 machte die Extremistengruppe mit der Verschleppung von elf westlichen Ausländern Schlagzeilen, darunter die Göttinger Familie Wallert. Wie die Gruppe freikam, wurde nie öffentlich geklärt. Im Oktober 2014 ließ Abu Sayyaf zwei Deutsche nach einem halben Jahr in Geiselhaft frei. Die Islamisten erklärten, sie hätten mehr als fünf Millionen Dollar Lösegeld für das Paar erhalten.

Quelle: n-tv.de, mit AFP

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