Politik

Harte Linie im Iran Ajatollah Chamenei ruft zur Einheit auf

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In tiefer Feinschaft zu den USA: Ajatollah Ali Chamenei ergreift erstmals seit Jahren bei der Freitagspredigt das Wort.

(Foto: VIA REUTERS)

Die Proteste gegen das iranischen Regime lassen den religiösen Führer des Landes ungerührt. Beim ersten Freitagsgebet nach dem versehentlichen Abschuss von Flug PS752 wendet sich der Ajatollah selbst an das Volk - mit einer klaren Botschaft.

Irans geistliches Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei hat die Bevölkerung des autoritär regierten Landes nach den regierungskritischen Protesten der vergangenen Tage zur nationalen Einheit aufgerufen. In seiner ersten Freitagspredigt seit acht Jahren stellte sich der mächtigste Mann der islamischen Republik zudem ausdrücklich hinter die Revolutionsgarden.

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Plakate in übermenschlicher Größe: Porträts der von einer US-Drohne getöteten Militärkommandeure wachen über das Freitagsgebet in Teheran.

(Foto: VIA REUTERS)

Die mächtige Elitetruppe hatte die volle Verantwortung für den Abschuss einer ukrainischen Passagiermaschine übernommen, nachdem die iranische Führung dies tagelang abgestritten hatte. Der Abschuss des Flugzeugs, bei dem alle 176 Menschen an Bord getötet wurden, und das späte Eingeständnis hatten massive Proteste gegen die Staatsspitze in Teheran und anderen Städten ausgelöst, bei denen unter anderem der Rücktritt Chameneis gefordert worden war.

Die Revolutionsgarden stünden für die Sicherheit des Iran, sagte Chamenei. Er bekräftigte, der Abschuss sei ein tragischer Unfall gewesen. Die Feinde Irans versuchten, dies auszunutzen, um die Revolutionsgarden zu schwächen. Zwischen Samstag und Mittwoch fanden in Teheran täglich Proteste statt. Demonstranten warfen der Regierung unter anderem Vertuschungsversuche im Zusammenhang mit dem Flugzeugabschuss vor. Wie ein AFP-Journalist berichtete, waren am Donnerstagabend im Norden Teherans Dutzende Bereitschaftspolizisten mit Schlagstöcken und offenbar auch einem Tränengaswerfer im Einsatz.

Den Teilnehmern der Proteste im Iran warf Chamenei vor, die gezielte Tötung von General Ghassem Soleimani durch die USA herunterspielen zu wollen. Die "schmerzliche" Flugzeug-Tragödie dürfe nicht die "Aufopferung" Soleimanis überschatten, sagte Chamenei vor den Gläubigen in der iranischen Hauptstadt. Den USA unterstellte er eine "terroristische Natur".

Auch im Vorfeld des Freitagsgebets waren zahlreiche Polizisten im Einsatz, wie AFP-Korrespondenten berichteten. Die iranischen Behörden hatten landesweit zu Kundgebungen im Anschluss an das Gebet aufgerufen, mit denen die Gläubigen ihre Unterstützung für die iranischen Streitkräfte und die Revolutionsgarden hervorheben sollten.

Dass der Ajatollah beim Freitagsgebet selbst das Wort ergreift, belegt, welche Bedeutung das Regime den Ereignissen der vergangenen Tage beimisst. Das letzte Mal hatte Chamenei zum 33. Jubiläum der iranischen Revolution im Februar 2012 das Freitagsgebet in der Teheraner Mosalla-Moschee geleitet. Damals befand sich der internationale Atomkonflikt mit dem Iran auf einem Höhepunkt.

Iranische Raketen verletzten Amerikaner

US-Streitkräfte hatten den iranischen Top-General Soleimani Anfang Januar mit einem gezielten Drohnenangriff im Irak getötet. Darauf beschoss der Iran zwei US-Stützpunkte in dem Nachbarland mit Raketen. Anders als bislang von den USA dargestellt, gab es dabei offenbar doch Verletzte. Bei dem iranischen Vergeltungsschlag auf von ausländischen Truppen genutzte Militärbasen im Irak kamen mindestens elf US-Soldaten zu Schaden.

In der Luftwaffenbasis Al-Asad habe es bei einer Reihe von Soldaten Symptome von Gehirnerschütterung gegeben, die von den Explosionen verursacht worden seien, teilte das Zentralkommando der US-Streitkräfte zuletzt mit. Bisher hatte es von der US-Armee noch geheißen, durch die Angriffe sei niemand verletzt worden. Dies hatte auch US-Präsident Donald Trump wiederholt erklärt.

Wie das US-Zentralkommando nun mitteilte, sind insgesamt elf verletzte Soldaten in den Tagen nach den Angriffen als Vorsichtsmaßnahme von der Basis Al-Asad ausgeflogen worden. Acht von ihnen seien in das US-Militärkrankenhaus in Landstuhl in Rheinland-Pfalz gebracht worden, drei in das Militärlager Arifdschan in Kuwait. Tote habe es bei den Angriffen nicht gegeben, hieß es.

Katastrophale Fehler in der Luftabwehr

Unmittelbar nach den iranischen Angriffen sah es zunächst so aus, als könnte sich der Konflikt zwischen dem Iran und den USA dadurch dramatisch verschärfen. Die Revolutionsgarden jedenfalls rechneten noch in der Nacht des eigenen Raketenangriffs eigenen Angaben zufolge fest mit einem Vergeltungsschlag der USA.

Dabei hätten Einheiten der iranischen Luftabwehr das am Teheraner Flughafen gestartete Passagierflugzeug für einen Marschflugkörper gehalten. Aufgrund dieser verhängnisvollen Fehleinschätzung, hieß es, sei die Maschine abgeschossen worden.

Trump verzichtete auf die Ankündigung militärischer Vergeltung. Ob der Schlagabtausch damit beendet ist, ist noch offen. Bei einem Kondolenzbesuch bei Familien der getöteten Passagiere von Flug PS752 schworen hochrangige Kommandeure der Revolutionsgarden "Rache". Es seien die USA gewesen, die die Revolutionsgarden "zu diesem Fehler gezwungen" hätten, erklärte General Amir Ali Hajizadeh. "Wir werden dafür an den USA Vergeltung üben."

Quelle: ntv.de, mmo/AFP/dpa/rts