Politik

Letztes Triell vor der Wahl Allein gegen den rot-grünen Block

Zwischen Rot und Grün passt im dritten TV-Triell kein Blatt. Das ist fatal für Armin Laschet, der anstatt zu jagen immer mehr in die Defensive gerät.

Das letzte Triell, noch eine Woche bis zur Wahl. Bei den Umfragewerten führt Olaf Scholz zwar stabil, doch sein Vorsprung auf Armin Laschet ist alles andere als groß. Für den CDU-Kandidaten ist da noch Musik drin. Andererseits - ist inzwischen nicht wirklich schon alles gesagt und auch schon von jedem? Dieser Fernsehabend versprach nicht gerade Hochspannung, doch da kommt schon die erste Überraschung: Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet liefern sich einen unterhaltsamen Schlagabtausch - fair und an Sachthemen entlang.

Die Grünen-Kanzlerkandidatin ist zwar in der Mitte platziert, keilt aber mit deutlicher Schlagseite nach rechts aus. Dort steht der CDU-Kandidat und muss im Vergleich mit den ersten beiden TV-Terminen des Trios deutlich ausführlicher die eigene Position erläutern. Noch vor einer Woche war Laschet der Jäger, auch wenn SPD-Mann Scholz sich kaum fangen ließ. Nun steht er mehrfach selbst unter Beschuss, wohl auch, weil Baerbock und Scholz offenbar einen Nichtangriffspakt gebildet haben. Häufig schaut der Sozialdemokrat zu, wie die Grüne austeilt, und hält ihr bei Bedarf den Rücken frei. Die klassische Sidekick-Rolle, perfekt für einen, der auf den letzten Metern vor allem keine Fehler machen will.

Die beiden Moderatorinnen des Triells auf Sat.1 und Prosieben, Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch, wollen erkennbar verhindern, dass die drei Konkurrierenden sich in einer abgehobenen Politikblase auseinandersetzen. Per Einspielfilm konfrontieren sie Baerbock, Scholz und Laschet mit Menschen von der Straße. Zunächst gibt es per Umfrage die geballte Ladung Politikverdruss, dann macht ein junges Mädchen deutlich, wie es sich als Kind lebt, wenn die Mutter zwei Jobs mit insgesamt 50 Stunden Wochenarbeitszeit machen muss, um über die Runden zu kommen: Das Kind wächst quasi allein heran.

Ob als Anwalt für Arbeitsrecht (Scholz) oder Sohn einer Bergarbeiterfamilie mit vier Kindern, wo man sich "sehr nach der Decke strecken musste" (Laschet) - beide Kandidaten bemühen sich darum klarzumachen, dass ihnen harte Lebensbedingungen in Deutschland nicht fremd sind. Verbessern wollen sie diese aber mit sehr unterschiedlichen Methoden.

Willst du oder soll ich?

Olaf Scholz bekräftigt seinen unbedingten Willen zu 12 Euro Mindestlohn, die für ein "mühseliges Leben" eine große Verbesserung seien. Annalena Baerbock ist vollumfassend einverstanden bis hin zum Betrag, auch ihre Partei will die 12 Euro als Lohnuntergrenze durchsetzen, dazu planen beide auch noch eine Kindergrundsicherung. Bei so viel Übereinstimmung könnte einer von ihnen fast für beide antworten. Nach dem Motto: Willst du oder soll ich?

12 Euro Mindestlohn sind ein ziemlich konkreter Verbesserungsvorschlag für ein ziemlich konkretes Problem - entsprechend schwer hat es Armin Laschet, denn er muss Linda Zervakis' Frage beantworten: "Warum ziehen Sie da nicht mit?" Diese Erklärung kann gegenüber der Vorlage der beiden anderen - zumindest in puncto Griffigkeit - nur verlieren. In unterschiedlichen Branchen habe Deutschland ganz unterschiedliche Mindestlöhne. Das auszuhandeln "ist Aufgabe der Tarifparteien".

Laschet hat mit dieser Darstellung vollkommen recht und das Mindestlohn-Duo bleibt auch eine Erklärung schuldig, wie man die extra für diese Festlegung geschaffene Mindestlohnkommission denn einfach so aushebeln will. Auch Laschets Einwand, die 12 Euro ließen sich nur mit Rot-Grün-Rot durchsetzen, ansonsten habe Scholz dafür keinen Partner, trifft wohl ins Schwarze. Die FDP wird dafür kaum zu begeistern sein.

Doch seine Gegenvorschläge bleiben im Vergleich mit der Konkretheit der 12 Euro zu sehr im Ungefähren, um damit zu punkten. Es sei eine "Aufgabe von Politik insgesamt, zu Wachstum, zu Arbeitsplätzen beizutragen". Den Unterschied zwischen Gut- und Geringverdienern könne man durch steuerliche Maßnahmen verringern oder durch gute Tarifverträge.

Das Triell: Für Scholz ein Feelgood-Movie

Das klingt eher nach Möglichkeiten, die man sich mal näher anschauen könnte, als nach konkreten Plänen. Zumal dann auch noch Baerbock einhakt, Laschet falle "zurück in die 90er-Jahre" mit der Haltung, das Problem Mindestlohn sollten die Tarifparteien unter sich lösen. Das sei damals das zentrale Argument der Gegner gewesen. "Wir erleben ja aber, dass ganz viele Beschäftigte gar nicht in tariflichen Vereinbarungen drin sind".

Der Punkt geht wohl an Team Mindestlohn, Laschet kann nichts dagegen tun. Und die rot-grüne Harmonie setzt sich fort, in der Debatte über Kinderfreibeträge, wenn Baerbock argumentiert, von Laschets Steuererleichterungen würden Geringverdiener nicht profitieren. Scholz, der sich in seiner Rolle als eine Art Assistent sichtlich wohlfühlt, nickt eifrig von links und signalisiert vollste Zustimmung.

Weil die Moderatorinnen thematisch möglichst nah am Wahlvolk sein wollen, setzen sie auf Fragen des Alltags: Hartz IV, Digitalisierung, Corona. Themen, in denen Laschet zu Hause ist, kommen kaum zur Sprache. Wirtschaftspolitik wird nicht mal gestreift, Europapolitik, Deutschlands Rolle in der Welt - vier Wochen nachdem alle erschüttert auf Kabul geschaut haben, offenbar schon kein Wahlkampfthema mehr.

Als man auf Innere Sicherheit kommt, dreht der Christdemokrat spürbar auf, unterstreicht, Gefährder müssten abgeschoben werden. Doch Scholz kann er damit nicht aus der Reserve locken, weil der von der Moderation schlicht vergessen und gar nicht befragt wird. Zack - schon ist man beim nächsten Einspielfilm über schlechten Empfang auf der bayerischen Alm.

Beim Punkt Digitalisierung gibt Olaf Scholz recht freimütig zu, dass die Große Koalition Fehler gemacht hat, man die Ausschreibung jetzt verbessert habe. Baerbock kritisiert zu viel Bürokratie, Laschet wird von Zervakis um einen Zeitpunkt gebeten, zu dem Deutschlands Verwaltung komplett digital sein soll - das hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier dereinst für 2021 in Aussicht gestellt. Doch der CDU-Kandidat möchte erstmal Verständnis äußern. "Dass die Dame in den Bergen auf den Berg klettern muss, um eine Whatsapp abzuschicken, ist nicht akzeptabel." Zervakis unterbricht: "Ich brauch' ein Datum." Das kann Laschet nicht sagen und die anderen beiden sind vermutlich froh, dass sie nicht gefragt wurden.

Mickey Mouse warnte schon in den 90ern

Neben sozialen Fragen bekommt der Klimaschutz von den Moderatorinnen viel Raum. Die erschütternden Bilder und Aussagen aus den Flutgebieten im Video unterstreichen, dass es sich auch hier inzwischen um ein Alltags-Thema handelt. Zervakis präsentiert ein Micky-Maus-Heft, das 1993 schon vor Abholzung des Regenwalds warnte. Laschet kontert, im selben Jahr habe der CDU-Umweltminister Klaus Töpfer in Rio wichtige Schritte für den Klimaschutz angestoßen.

2021 möchte er sich vor allem auf Innovationen und freiwilligen Wandel in der Wirtschaft verlassen, keine Vorgaben, was die Grünen-Chefin auf die Palme bringt: "Ich frage mich, was mit Ihnen eigentlich los ist, Herr Laschet." Und dann zitiert sie seine Parteikollegin und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen mit ihrer Forderung, Europa müsse festlegen, "ab wann nur noch emissionsfreie Autos auf die Straße kommen". Und Olaf Scholz? Ist links im Bild und kann genießen, dass Laschet einfach nicht dazu kommt, ihn anzugreifen.

Irgendwann geht es dann auch noch um die "Wer mit wem"-Frage, auf die Scholz wenig überraschend die Grünen als Wunschpartner für eine Regierung nennt. Einig sind sich SPD- und Grünen-Chefin, dass für die CDU die Opposition ein guter Ort wäre.

42 Prozent der anschließend befragten Zuschauerinnen und Zuschauer hat es offenbar gereicht, dass Olaf Scholz alle Fragen souverän beantworten konnte und darüber hinaus häufig zustimmend links im Bild zu sehen war. Mit großem Vorsprung sehen sie in ihm den Gewinner des Triells. Laschet und Baerbock liegen näher beieinander: 27 Prozent konnte der CDU-Mann überzeugen, 25 Prozent hat die Grünen-Chefin für sich gewonnen. Bis Sonntag noch zur SPD aufzuschließen, liegt für die Union noch absolut im Bereich des Machbaren. Leichter ist es mit dem dritten Triell aber vermutlich nicht geworden.

Quelle: ntv.de

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