Politik

Merkel vor 15 Jahren gewählt Als die Schlichtheit ins Kanzleramt einzog

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Bundestagspräsident Lammert nimmt Merkel den Amtseid ab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Heute vor 15 Jahren wählte der Deutsche Bundestag Angela Merkel zur Bundeskanzlerin. Niemand hatte damals geahnt, dass dieser Tag den Beginn einer langen Ära markieren würde. Denn das Bild der meisten von der Neuen im Kanzleramt war ein ganz anderes als heute.

2021 wird nicht nur ein Superwahljahr und - hoffentlich - der Anfang vom Ende der Pandemie. Es ist auch das voraussichtlich letzte Jahr der Ära Angela Merkel. Also der Anfang einer absehbaren Debatte darüber, wie die lange Regierungszeit der ersten Frau im Bundeskanzleramt nun zu bewerten sei. Man kann annehmen, dass bei allen berechtigten Kritikpunkten das Zeugnis irgendwo zwischen gut und sehr gut ausfallen wird. Die vergangenen 15 Jahre waren von schweren politischen, ökologischen - hierzu zählt die Corona-Pandemie - und wirtschaftlichen Krisen geprägt sowie von tiefgreifenden Veränderungen in allen digitalisierten Lebensbereichen. Deutschland steht bei allen Herausforderungen im Vergleich zu anderen westlichen Industrienationen gut da.

Der Regierungschefin der Bundesrepublik abzusprechen, dass sie einen wesentlichen Anteil daran hat, wäre unlauter. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, dass diesen Erfolg niemand hatte kommen sehen. Genauso wenig wie die - je nach Zeitpunkt der nächsten Regierungsbildung - längste oder zweitlängste Kanzlerschaft seit Konrad Adenauer. Viel zu unspektakulär war es losgegangen, heute vor 15 Jahren.

Noch am Abend die Arbeit aufgenommen

Am 22. November 2005 wurde die CDU-Vorsitzende und Spitzenkandidatin der Union zur Bundestagswahl 2005 vom Bundestag zur Bundeskanzlerin gewählt. Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert frotzelte: "Ich habe den begründeten Eindruck, dass Sie beabsichtigen, die Wahl anzunehmen, aber auch das muss der guten Ordnung halber förmlich festgestellt werden. Ich darf Sie fragen, ob Sie die Wahl annehmen." Merkel nahm an und schwor ihren Amtseid auf die Bibel. Sie stieß mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrem Mathematik-Lehrer an. Noch am Abend versammelte Merkel erstmals ihr Kabinett um sich.

Der Deutschlandfunk kommentierte, eine neue Schlichtheit halte Einzug in die Regierungsspitze. Eine Einschätzung, die anders als die meisten von damals gut gealtert ist. Es gab kein Triumphgeheule, keine Macho-Gesten wie beim vorzeitig abgetretenen Vorgänger Gerhard Schröder. Dass auch außerhalb des Kanzleramts die große Unionsparty anlässlich der ersehnten Rückkehr zur Macht ausblieb, hatte gleich mehrere Gründe.

Ein schwacher Start mit vielen Merkel-Gegnern

Erstens saß die Enttäuschung bei der Union über das Wahlergebnis tief. Merkel hatte mit ihrer wirtschaftsliberalen Reformagenda und schwachen Beliebtheitswerten viel schlechter abgeschnitten als erwartet. Beziehungsweise hatte ein kämpferischer Schröder der Agenda-geschüttelten SPD nicht mehr für möglich gehaltene Zustimmungswerte beschert.

Zweitens war die damals 51-jährige Merkel nicht nur erste Frau an der Regierungsspitze, sondern auch evangelisch, ostdeutsch und kinderlos. Weite Teile der eigenen Partei standen ihr skeptisch gegenüber. Der Bund ambitionierter Männer um Roland Koch, Christian Wulff, Günther Oettinger, Friedrich Merz und andere hielt Merkels Wahl gar für einen politischen Unfall. Kaum jemand wusste um Merkels Qualitäten, die heute auch ihre Gegner preisen: ihre Sachlichkeit, ihre Eitellosigkeit, ihre Verlässlichkeit und ihr feiner Humor. Merkel galt als Frau ohne besondere Eigenschaften, als spröde und - in bewährter Manier, Frauen herabzusetzen - als "Kohls Mädchen".

Drittens ist Merkels Koalitionspartner das Regierungsbündnis mit der Union ohne jede Begeisterung eingegangen: Die Große Koalition war bis 2005 eine historische Ausnahme und schon wegen der in der Konsequenz sehr schwachen Opposition eine demokratische Krücke. So überraschte es niemanden, dass von den 448 Bundestagsstimmen der Groko 51 gegen Merkel stimmten. Die meisten wohl frustrierte Sozialdemokraten, aber eben auch Christdemokraten mit Ressentiments gegen die Frau, die über die Spendenaffäre Helmut Kohl stürzte und Wolfgang Schäuble abservierte.

Kontinuität in Epoche des Umbruchs

Der Begriff Groko feierte erst 2013 seinen Durchbruch, Twitter sei Dank. Aus Merkels erstem Kabinett ist heute übrigens Innenminister Horst Seehofer der einzige, der auch heute noch an Merkels Seite das Land mitregiert. Weitere noch immer politisch aktive Minister von damals: Wolfgang Schäuble, Ulla Schmidt, Frank-Walter Steinmeier, Ursula von der Leyen und der 2007 zum Kabinett gestoßene Olaf Scholz. Die Merkel-Jahre sind eine Zeit politischer Kontinuität - im Guten, wie im Schlechten - in einer Epoche fundamentalen Wandels.

So wurde heute vor 15 Jahren nirgendwo in der Republik richtig gefeiert. FDP-Chef Guido Westerwelle ätzte, das schwache Wahlergebnis im Bundestag zeige die Brüchigkeit der neuen Koalition. Dass dieser Tag den Auftakt bildete zu zwölf Jahren Groko und zu 16 Jahren Merkel als weltweit gepriesene Anführerin Europas, konnte schlicht niemand kommen sehen. Und wenn Merkel so etwas geahnt hätte, sie hätte erst recht das gleiche gemacht: sich an die Arbeit.

Quelle: ntv.de