Politik
Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) in Nordsyrien. Sie kämpfen auf der Seite der türkischen Armee.
Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) in Nordsyrien. Sie kämpfen auf der Seite der türkischen Armee.(Foto: REUTERS)
Montag, 19. Februar 2018

Kurden mit neuem "Tanzpartner": Assad kämpft nun gegen Nato-Panzer

Von Benjamin Konietzny

Die Kurden in Afrin haben einen neuen Verbündeten im Kampf gegen die Invasion der türkischen Armee: Baschar Al-Assad. Die vom Westen geschätzten Kurden und der verhasste Machthaber - ein sonderbares Bündnis? Nicht wirklich.

Am Ende könnte es ausgerechnet Baschar al-Assad sein, der "Schlächter von Syrien", wie er im Westen tituliert wurde, der den Kurden in der nordsyrischen Region Afrin aus der Patsche hilft. Jenen Kurden, die von den USA, Deutschland und Europa jahrelang im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Unterstützung erhielten, die wie keine andere Fraktion im syrischen Bürgerkrieg mit Waffen aus dem Westen versorgt wurden und die von ihren Verbündeten angesichts der Invasion türkischer Truppen in Nordsyrien fallen gelassen wurden wie eine heiße Kartoffel.

Sollte das Bündnis zwischen syrischer Armee und Kurden tatsächlich zustande kommen, und sollten syrische Panzer bald auf türkische Leopard-2 schießen, wäre ein neues, absurdes Kapitel in einem komplexen Krieg aufgeschlagen, in den inzwischen die halbe Welt verwickelt zu sein scheint.

Denn einerseits werden die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) massiv von den USA unterstützt. Die Vereinigten Staaten unterhalten in den kurdischen Gebieten angeblich ein halbes Dutzend Militärbasen. Zum Freundeskreis der Kurden zählt außerdem Israel. Wiederholt haben sich ranghohe israelische Politiker für einen unabhängigen Kurdenstaat ausgesprochen. Andererseits gehören Israel und die USA zu den erklärten Gegnern der Führung in Damaskus - und möglicherweise bald zum selben Unterstützerkreis.

"Der Tanzpartner wechselt jede Woche"

Syrische Armeeeinheiten könnten in Kürze mit russischen T-72 Panzern auf Leopards deutscher Bauart des zweitgrößten Nato-Mitglieds Türkei feuern. Vielleicht fängt Assads Armee mit einem Stopp des Vormarschs türkischer Truppen den USA am Ende die "osmanische Ohrfeige" ab, die Ankara angedroht hatte, falls sich türkische und US-Truppen in die Quere kommen. Was absurd wirkt, ist in diesem Krieg inzwischen an der Tagesordnung: Seitenwechsel, sich ändernde Bündnispartner, neue Konstellationen.

 

"Je nachdem wie die Situation gerade ist, sucht man sich neuen Allianzen. Der Tanzpartner wechselt jede Woche", sagt Yann St-Pierre, der weltweit Regierungen in Sicherheits- und Terrorismusfragen berät. Er glaubt nicht, dass die neue Allianz von großer Dauer ist: "Es würde mich auch nicht wundern, wenn Kurden und syrische Armee in zwei Wochen wieder verfeindet sind." Momentan gäbe es ein gemeinsames Interesse: die Türken vom Einmarsch nach Afrin abzuhalten. "Ich sehe das als kurzfristiges taktisches Manöver. Die Syrer wollen nicht, dass die Türkei einen Teil Syriens erobert und die Kurden brauchen Unterstützung, die sie von ihren mächtigen Verbündeten, den Amerikanern nicht bekommen."

Angeblich wurde die Vereinbarung gestern getroffen. Die kurdischen Truppen in der Region haben sich demnach mit Damaskus darauf geeinigt, dass die syrische Armee Grenzposten aufbaut, um die türkische Offensive abzuwehren. Ein ranghoher kurdischer Beamter sprach von einer "rein militärischen" Vereinbarung. "Volkskräfte werden binnen Stunden in Afrin eintreffen, um den Widerstand des Volkes gegen den Angriff des türkischen Regimes zu unterstützen", meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana. Demnach hatten die kurdischen Milizen mehrfach um Hilfe gebeten.

Spezielles Verhältnis der Kurden zu Damaskus

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Möglicherweise hat Assad sogar bereits damit begonnen, Truppen zu verlegen. Kurdische Journalisten verbreiten aktuell Bilder von fünf Bussen, die aus Aleppo in Afrin eingetroffen sein sollen. Sollte es tatsächlich einen Deal zwischen Assad und den Kurden geben, läge die Vermutung nahe, dass es sich bereits um Kämpfer aus Aleppo handelt. Zu dem Bild passt, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin heute telefoniert haben. Bei dem Gespräch soll es auch um die "aktuellen Entwicklungen" in Nordsyrien gegangen sein.

Ganz so eigenartig wie auf den ersten Blick ist die neue Allianz jedoch nicht. So haben Kämpfer der SDF und Assads Armee schon in der Vergangenheit gemeinsame Ziele verfolgt, etwa die Zurückdrängung der IS-Terrormiliz im Osten des Landes. Dabei haben sie zwar nicht direkt kooperiert, hatten jedoch eine weitgehend klare Aufgabenteilung: Nördlich des Euphrats rückten die Kurden vor, südlich die syrische Armee. Zu Zusammenstößen ist es dabei kaum gekommen.

Auch die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), die an der Seite türkische Truppen kämpfen und die mutmaßlich aus den Reihen dschihadistischer Organisationen rekrutieren, sind ein gemeinsamer Feind. Die FSA war im syrischen Bürgerkrieg die erste mächtige Oppositionsgruppe gegen Assad. Für die Kurden sind sie spätestens nach dem Einmarsch in Afrin ein direkter Gegner.

Extremsituation Bündnisfall

Das Verhältnis zwischen Assad und den Kurden ist komplex, war aber nie von Feindschaft dominiert. Im Verlauf des Krieges haben die Kurden es bisher vermieden, eine klare Position gegenüber dem syrischen Machthaber zu beziehen. Umgekehrt zählte Damaskus die Kurden im Norden des Landes nicht zu der Reihe von Regimegegnern, die pauschal als "Terroristen" bezeichnet werden. Direkte Konflikte wurden in der Vergangenheit vermieden, es gab sogar Ideen von langfristigen Abkommen. Grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft des Landes haben sie dennoch: die Kurden wünschen sich einen unabhängigen Staat, Assad will die Einheit des Landes um jeden Preis wahren.

Wenn jedoch künftig ein Nato-Mitglied im direkten Feindkontakt mit der syrischen Armee steht, kann es dann nicht auch zu Situationen kommen, die die übrigen Partner der Allianz auf den Plan rufen - Stichwort Bündnisfall? Yann St-Pierre hält es für unwahrscheinlich, dass die Türkei damit durchkommt. "Es gibt klar formulierte Ausnahmen zum Artikel 5, dem Bündnisfall. Es muss unmittelbar die nationale Sicherheit bedroht sein und das war nach Ansicht der Nato-Partner in der Türkei bisher nicht der Fall", sagt er. Im "Extremfall" sei aber kein Szenario auszuschließen.

An dem neuen Bündnis zwischen SDF und Assads Armee zeige sich, wie kompliziert dieser Krieg sei, erklärt St-Pierre. "Und es zeigt sich insbesondere, wie kompliziert Stellvertreterkriege sind. Der Krieg ist selten schwarz-weiß, sondern meistens nur grau. Und dieses Grau führt zu absurden Situationen wie jetzt."

Quelle: n-tv.de