Politik

Neuseeland unter Schock Attentäter von Christchurch zeigt keine Reue

Was geht in diesem Mann bloß vor? Bei dem ersten Gerichtstermin nach seiner Festnahme gibt sich der mutmaßliche Schütze des Doppelanschlags auf zwei Moscheen in Christchurch ungerührt. Die neuseeländische Justiz beschuldigt ihn offiziell des Mordes an 49 Menschen.

Am Tag nach dem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch hat die Suche nach den Ursachen für die grausame Bluttat begonnen. Fest steht bislang nur, dass 49 wehrlose Menschen heimtückisch niedergeschossen wurden, darunter auch Frauen und Kinder.

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Ohne Regung vor Gericht: Der mutmaßliche Attentäter von Christchurch.

(Foto: dpa)

Der mutmaßliche Hauptattentäter, ein 28-jähriger Australier, wurde am Morgen nach der Tat vor Gericht offiziell des Mordes beschuldigt. Der Mann habe für seine Waffen, darunter auch mindestens ein halbautomatisches Sturmgewehr und eine sogenannte Schrot-Pumpgun, einen Waffenschein besessen, bestätigte Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern. Trotz extremistischer Aussagen sei der mutmaßliche Täter nicht im Visier der Behörden gewesen.

An der Tatbeteiligung des 28-Jährigen gibt es keine Zweifel. Kurz vor dem Anschlag hatte er unter seinem Namen rassistisches Material im Netz veröffentlicht. Aus einem 74-seitigen Hass-Manifest geht hervor, dass er es auf Muslime abgesehen hatte. Zugleich rief er darin zu Anschlägen auf ranghohe Politiker auf, die er als "Feinde unserer Rasse" bezeichnet. Seinen kaltblütigen Überfall auf die Gläubigen in der Al-Nur-Moschee im Zentrum der 340.000-Einwohner-Stadt filmte er mit einer Helmkamera. Die Aufnahmen übertrug er live im Internet. Anschließend fuhr er mit seinem Wagen zu einer weiteren Moschee im etwa fünf Kilometer entfernten Stadtteil Linwood. Auch hier starben mehrere Menschen.

Erster Termin vor Gericht

Vor Gericht in Christchurch erschien der Australier Brenton Tarrant in Handschellen und in einem weißen Gefängnishemd. Er zeigte Beobachtern zufolge keine erkennbare Gefühlsregung. Seine extremistische Gesinnung machte er allerdings mit einer Geste deutlich, die angeblich bei weißen Nationalisten in aller Welt gebräuchlich sein soll. Er formte mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand einen Kreis, während die übrigen Finger nach unten zeigten.

Nach der Beschuldigung wegen Mordes dürften noch weitere Anklagepunkte gegen Tarrant folgen. Der Australier stellte keinen Antrag auf Freilassung gegen Kaution und bleibt weiter in Gewahrsam. Am 5. April soll er wieder vor Gericht erscheinen. Die Ermittlungen dauern an. Die Behörden suchend derzeit vor allem nach möglichen Mittätern oder etwaigen Hintermännern.

Der australische Regierungschef Scott Morrison bezeichnete den Angreifer als einen "extremistischen, rechtsgerichteten, gewalttätigen Terroristen". Außer Tarrant sitzen im Zusammenhang mit der Tat noch zwei weitere Verdächtige in Haft. Ihre Rolle bei dem Anschlag ist noch ungeklärt. Einem 18-Jährigen wurde Aufwiegelung zur Last gelegt. Ein dritter Festgenommener wurde freigelassen. Dabei handelte es sich nach Angaben der Behörden um eine bewaffnete Person, die nach dem Anschlag lediglich hatte helfen wollen.

Kinder niedergeschossen

Die Zahl der Todesopfer könnte noch steigen. Am Tag nach dem Anschlag befinden sich den Angaben der Behörden zufolge noch 39 Verletzte zur Behandlung im Krankenhaus, darunter ein zweijähriger Junge und ein in Lebensgefahr schwebendes vierjähriges Mädchen. Die Todesopfer und Verletzten stammten aus zahlreichen Ländern, darunter die Türkei, Bangladesch und Saudi-Arabien. Polizeichef Mike Bush sagte, der "absolute Mut" von Polizisten und Zivilisten habe wahrscheinlich weitere Opfer verhindert.

Regierungschefin Ardern kündigte als Konsequenz aus dem Anschlag eine Verschärfung der Waffengesetze an. Tarrant hatte laut Ardern im November 2017 einen Waffenschein der Kategorie A erhalten und im folgenden Monat mit dem Kauf der fünf Waffen begonnen, die er bei dem Attentat benutzte. Dazu zählten zwei halbautomatische Waffen und zwei Schrotflinten. Ardern sagte, Tarrant habe die Waffen manipuliert, um sie noch gefährlicher zu machen.

Ardern trauert mit Überlebenden

In Neuseeland kann jeder Bürger über 16 Jahren einen Waffenschein erhalten, wenn er zuvor einen Sicherheitskurs durchlaufen hat. Damit ist das Waffenrecht dort deutlich laxer als in Tarrants Heimatland Australien. Ardern bestätigte, dass der Attentäter bislang nicht im Visier der neuseeländischen Sicherheitsbehörden gewesen sei, obwohl er sich im Internet extremistisch geäußert hatte. Es werde geprüft, ob der Mann den Behörden früher hätte auffallen müssen.

*Datenschutz

Die australische Polizei sprach derweil mit Angehörigen von Tarrant und untersuchte auch das Haus nördlich von Sydney an, in dem er aufgewachsen war. Ardern traf in einer Schule in Christchurch Überlebende des Anschlags und Angehörige von Opfern. Dabei trug sie einen schwarzen Schleier. Die somalischstämmige Neuseeländerin Sahra Ahmed sagte, der Besuch der Regierungschefin bedeute "sehr viel". Es sei "ein Signal zu sagen 'ich bin bei Euch'".

"Wir lieben dieses Land"

Auch viele andere Neuseeländer bekundeten ihr Mitgefühl, indem sie Blumen und Trauerbotschaften nahe der Al-Nur-Moschee niederlegten. "Es tut mir so leid, dass Ihr hier nicht sicher wart", stand auf einem der Zettel.

Der Imam der angegriffenen Moschee in Linwood gab ein klares Bekenntnis zu Neuseeland ab. "Wir lieben dieses Land nach wie vor", erklärte Ibrahim Abdul Halim. Zugleich bedankte er sich für die vielen Solidaritätsbekundungen der neuseeländischen Bevölkerung.

Halim beschrieb, wie er als Vorbeter des Freitagsgebets plötzlich Schüsse in der Moschee in Linwood hörte. "Alle legten sich auf den Boden, ein paar Frauen fingen an zu weinen, manche Menschen waren sofort tot", schilderte der Imam.

Nach dem Anschlag sei die Mehrheit der Neuseeländer "sehr darauf bedacht, uns alle zu unterstützen, uns ihre volle Solidarität zu geben". So hätten ihn am Tag nach dem Anschlag wiederholt Fremde umarmt. Diese Form der Solidarität sei "etwas sehr Wichtiges", betonte Halim.

Quelle: n-tv.de, mmo/AFP

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