Politik

Interview mit Wolodymyr Fessenko"Auch bei Putin befinden wir uns oft im Bereich der Psychiatrie"

13.07.2026, 11:23 Uhr 5UbL9d25-400x400Interview: Denis Trubetskoy
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Putin inszeniert sich als Heerführer, nicht als Verhandler. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Der ukrainische Politologe Wolodymyr Fessenko sieht die Vergabe einer Produktionslizenz für Patriot-Abwehrraketen an die Ukraine als Meilenstein. Einen baldigen Waffenstillstand hält er für unwahrscheinlich: "Putin will unbedingt als Sieger aus dieser Pattsituation rausgehen, in die er sich selbst gebracht hat. Die aktuelle Kriegsphase wird allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Sieger haben."

ntv.de: Herr Fessenko, viele in Kiew sagen, das Treffen der Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump beim Nato-Gipfel in Ankara letzte Woche sei das beste gewesen, das es bisher zwischen den beiden gab. Teilen Sie diese Einschätzung?

Wolodymyr Fessenko: Definitiv. Es war quasi das Gegenteil des berühmt-berüchtigten Gesprächs im Oval Office Anfang 2025. Dabei war vorher viel darüber spekuliert worden, mit welcher Laune Trump in die Türkei kommen und ob Selenskyj bei diesem Gipfel nicht eine völlig untergeordnete Rolle spielen würde. Das Treffen hat am Ende sogar deutlich länger gedauert als von der ukrainischen Seite erwartet. Insgesamt wurden die ukrainischen Erwartungen an den Gipfel von Ankara übertroffen. Übrigens auch bei dem, was die Zukunft der Nato angeht, was für die Ukraine strategisch wichtig ist.

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Wolodymyr Fessenko ist einer der führenden ukrainischen Politikexperten. Seit 2003 ist der Politikwissenschaftler Chef des Zentrums für angewandte politische Forschung (Penta) in Kiew. Fessenko ist auch als Politikberater tätig. (Foto: privat)

Seit Mai versucht Russland, den Mangel an Abwehrraketen für Patriot-Systeme in Kiew auszunutzen und schießt deshalb verstärkt ballistische Raketen auf die ukrainische Hauptstadt. Allein seit dem 2. Juni sind in Kiew 53 Zivilisten ums Leben gekommen. Welche Bedeutung hat Trumps Ankündigung, der Ukraine eine Produktionslizenz für Patriot-Abwehrraketen zu gewährleisten?

Aktuell zählt vor allem, dass die Ukraine in der nächsten Zeit wohl mit Lieferungen von Abwehrraketen rechnen kann. Denn der Mangel ist wirklich kritisch. Bei den jüngsten Angriffen konnten die ballistischen Raketen gar nicht abgewehrt werden, weil keine Abwehrmunition für die Patriot-Systeme vorhanden war.

Woran liegt das?

Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen werden weltweit monatlich weniger Patriot-Raketen der jüngsten PAC-3-Generation produziert als ballistische Raketen, die Russland auf die Ukraine abschießt. Zum anderen hat sich das Defizit durch die Lage rund um den Iran noch einmal verschärft. Russische Ballistik wird daher weiterhin durchkommen. Doch jede zusätzliche Abwehrrakete bedeutet zusätzlichen Schutz für die Menschen.

Die mögliche Vergabe der Produktionslizenz an die Ukraine ist aber ein Meilenstein, zumal die Chancen darauf immer als ziemlich gering eingeschätzt wurden. Nun muss man sehen, wie schnell das umgesetzt werden kann. Im Fall von Deutschland und Japan haben wir gesehen, dass es dauern kann. Allerdings läuft unter akuten Kriegsbedingungen vieles manchmal schneller als gedacht - und im Hintergrund heißt es in Kiew, dass der Prozess im politisch-bürokratischen Bereich weiter ist als ursprünglich angenommen. Es ist auch vor allem ein starkes strategisches Zeichen an Moskau: Das mit der Besetzung der Ukraine wird für euch auch über die aktuellen Kampfhandlungen hinaus schwierig. Es ist ein Zeichen des Vertrauens aus Washington - auch in der Hinsicht, dass der Ukraine zugetraut wird, schwierige Prozesse schnell umzusetzen. Das haben wir im Laufe dieses Krieges mehrfach bewiesen.

Finanzielle Hilfe und kostenlose Waffen aus Washington wird es für die Ukraine nicht geben, solange Donald Trump Präsident ist. Trotzdem hat sich Trumps Einstellung zur Ukraine sichtlich verändert. Hat das mehr mit den ukrainischen Erfolgen zu tun oder mit Trumps Enttäuschung über Putin?

Bei Trump befinden wir uns stets im Bereich der Psychologie, wenn nicht der Psychiatrie. Da hilft eine politische Analyse nicht unbedingt weiter. Ich glaube aber, dass das Erstere die weit größere Rolle spielt. Trump respektiert Stärke. Dass die ukrainische Armee Russland derart unter Druck setzt, sorgt bei ihm für Respekt, vor allem vor den ukrainischen Streitkräften selbst. Das hat man in Ankara gesehen, als der US-Präsident in der Entourage von Selenskyj dessen stellvertretenden Bürochef Pawlo Palissa erkannte und ihn vor Kameras als seinen "Lieblingsmilitär" bezeichnete. Palissa ist als vergleichsweise junger, erfolgreicher Brigadekommandeur in die Präsidentenkanzlei gewechselt. Er wurde in den USA ausgebildet, spricht gut Englisch und wird wohl schon deshalb zu solchen Treffen mitgenommen, weil solche Militärs Trump besonders gefallen.

Meinen Sie nicht, dass eine gewisse Enttäuschung über Putin doch eine Rolle spielt? Trump hat ihm immerhin ein Angebot gemacht, nach dem Motto: Schau mal, Wladimir, du steckst an der Front in einer Sackgasse, ich biete dir einen Ausweg an.

Richtig. Grundsätzlich passt es nicht zu Trumps Logik, dass Putin einem Stopp dieses sinnlosen Krieges gegen das Angebot von Sanktionsaufhebungen und wirtschaftlicher Zusammenarbeit nicht zustimmt. Hier trifft ein US-Immobilienunternehmer auf einen russisch-sowjetischen Geheimdienstler. Man muss aber gerade bei Putin in Sachen Trump sehr vorsichtig sein. Es mag banal klingen, doch was heute bei Trump gilt, gilt morgen nicht mehr. Einerseits ist seine Präsidentschaft ohnehin eine einzige, unendlich lange emotionale Achterbahnfahrt. Andererseits sehen wir auch beim Iran-Krieg, dass Trump dazu tendiert, Druck und Verhandlungen zu kombinieren. Dass er den Druck auf Russland ausübt und nicht auf die Ukraine, ist ein Sieg für Kiew.

Stichwort Druck: Mit ihren Luftangriffen trifft die Ukraine die russische Ölwirtschaft hart. Die Versorgungslage rund um die besetzte Krim ist für Russland immer komplizierter. An der Front behalten die Russen zwar weiterhin die Initiative, kommen aber noch langsamer voran als sonst. Rückt vielleicht ein Waffenstillstand doch näher?

Mehr Druck auf Russland auszuüben, ist für die Ukraine alternativlos. Nur das kann eine Waffenruhe näherbringen. Die Logik, die gerade beim Luftkrieg dahintersteckt, ist folgende: Russland kann mit seinen Angriffen zwar mehr Schaden anrichten, der Kreml muss seine Kriegsführung jedoch nahezu komplett selbst finanzieren. Der wirtschaftliche Schaden trifft Moskau schon hart. Hinzu kommt, dass völlig unklar ist, wie Russland seine logistischen Schwierigkeiten um die Krim strategisch und nicht punktuell lösen will. Die Versorgung der Halbinsel verlief schon nach der Annexion 2014, lange vor dem großen Krieg, nicht unproblematisch.

Die Ukraine will all diese Faktoren natürlich ausspielen, damit Russland von seinen unrealistischen Forderungen für einen Waffenstillstand abrückt. Es ist aus Kiewer Perspektive gerade unter aktuellen Umständen vollkommen absurd, dass Moskau weiterhin auf einem Abzug der ukrainischen Truppen aus der gesamten Donezk-Region besteht. Das ist realitätsfern. Die Frage ist allerdings, ob Putin zumindest vorerst die Lage um die Krim nicht vielmehr als zusätzliches Argument benutzt, um die Fortsetzung seiner "Spezialoperation" zu rechtfertigen. Daher bin ich für die nächste Zeit nicht sonderlich optimistisch. Im Großen und Ganzen würde mich jedoch nicht wundern, dass in absehbarer Zeit zwei Prozesse gleichzeitig laufen könnten, also Eskalation und Verhandlungen. Zumal die Delegationen Russlands und der Ukraine sich anfangs des Jahres grundsätzlich geeinigt haben, wie ein Waffenstillstand irgendwann technisch aussehen könnte. Den politischen Willen zu einer adäquaten und halbwegs fairen Waffenruhe sehe ich in Moskau Stand jetzt aber nicht.

Wie erklären Sie sich das? Ein Waffenstillstand hätte zwar auch gewisse Risiken für den Kreml, darunter innenpolitische. Aber sind die Risiken für die Ukraine nicht größer?

Eigentlich ja. In der Ukraine müssten dann Wahlen abgehalten werden, die innenpolitisch für Instabilität sorgen könnten. Die Frage der Öffnung der Grenzen für wehrpflichtige Männer würde heiß diskutiert. Und wenn die Grenze für Männer geöffnet wird, wird auch die Wirtschaft noch stärker leiden. Ohne konkrete Sicherheitsgarantien wird der Wiederaufbau schwierig. Ernsthaften Sicherheitsgarantien wird Russland aber keinesfalls zustimmen, was automatisch die Tür zu einer neuen Kriegsrunde eröffnet.

Kurz: Es kann vieles passieren, was Russland in die Hände spielt. Das Problem ist: Auch bei Putin befinden wir uns oft im Bereich der Psychiatrie. Das ist vielleicht ein noch größeres Problem als bei Trump. Putin will unbedingt als Sieger aus dieser Pattsituation rausgehen, in die er sich selbst gebracht hat. Die aktuelle Kriegsphase wird allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Sieger haben. Wir haben es vielmehr mit einem umkämpften Unentschieden zu tun. Ob und wann Putin diese Realität akzeptiert, kann nur die Zeit zeigen.

Mit Wolodymyr Fessenko sprach Denis Trubetskoy

Quelle: ntv.de

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