Politik

Vorwürfe an Israels MilitärB'Tselem: Tötungen palästinensischer Kinder im Westjordanland "beispiellos"

29.06.2026, 16:41 Uhr
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Zuletzt sorgte der Fall eines getöteten Säuglings im Westjordanland international für Aufsehen. (Foto: REUTERS)

Seit 2022 werden im Westjordanland so viele Minderjährige durch israelische Sicherheitskräfte getötet wie lange nicht. Eine israelische Menschenrechtsorganisation sieht ein Vorgehen mit System, ohne Konsequenzen - und stellt auch einen Zusammenhang mit dem 7. Oktober 2023 her.

Israelische Sicherheitskräfte haben nach Angaben der Menschenrechtsorganisation B'Tselem alleine im vergangenen Jahr 54 palästinensische Kinder und Jugendliche im besetzten Westjordanland getötet. Die Organisation spricht in einem neuen Bericht von einem "beispiellosen Ausmaß" der Tötungen Minderjähriger, das auf eine Lockerung der Vorgaben zum Schusswaffengebrauch des israelischen Militärs zurückzuführen sei. Seit dem 7. Oktober 2023 seien 235 Kinder und Jugendliche im Westjordanland von israelischen Sicherheitskräften getötet worden.

"Die weit verbreitete und beispiellose Tötung palästinensischer Kinder und Jugendlicher im Westjordanland ist das Ergebnis einer grundsätzlichen Politik Israels, die es erlaubt, Palästinenser zu töten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden", sagte Yuli Novak, Geschäftsführer von B'Tselem, dem "Guardian".

Im Vergleich zum Zeitraum zwischen 2005 (Ende der zweiten Intifada) und 2021, in dem im Westjordanland jedes Jahr durchschnittlich 13 Minderjährige durch Israelis getötet worden seien, sei die Zahl der getöteten Kinder und Jugendlichen im Jahr 2025 mehr als viermal so hoch gewesen, heißt es im Bericht.

B'Tselem wirft den israelischen Sicherheitskräften in fast einem Viertel der 54 Fälle vor, den Zugang von medizinischen Teams oder Anwohnern zu den Sterbenden verzögert oder ganz verhindert zu haben. "In Fällen, in denen Soldaten die Verwundeten selbst vom Tatort wegbrachten, wurde palästinensischen Anwohnern und medizinischen Teams der Zugang vollständig verwehrt und es bleibt unbekannt, ob das Militär vor der Feststellung des Todes der Opfer medizinische Hilfe leistete oder sonstige Versuche unternahm, deren Leben zu retten."

Anfang Juni 2026 befanden sich dem Bericht zufolge noch immer 18 der 54 Leichen in israelischem Gewahrsam, wodurch die Angehörigen daran gehindert wurden, die Getöteten zu bestatten und sich von ihnen zu verabschieden.

Seit Oktober 2023 führe Israel einen "umfassenden Angriff auf alle Aspekte des palästinensischen Lebens im Westjordanland" durch. B'Tselem zufolge begann der sprunghafte Anstieg der Tötungen palästinensischer Kinder und Jugendlicher in dem besetzten Gebiet jedoch schon im Jahr 2022, als sich die Zahl der Todesopfer (34) im Vergleich zum Vorjahr (16) mehr als verdoppelt habe.

Ende 2021 habe die israelische Armee ihren Soldaten die Erlaubnis erteilt, im Gegensatz zu früheren Vorschriften tödliche Schüsse auf Steinwerfer abzugeben. "Die neuen Vorschriften erlaubten den Einsatz tödlicher Schüsse sogar gegen Personen, die nach dem mutmaßlichen Werfen von Steinen fliehen und keine Gefahr mehr darstellen", schreibt die Menschenrechtsorganisation. Nach dem 7. Oktober 2023 seien die Einsatzregeln weiter ausgeweitet worden, was zu einem weiteren starken Anstieg der Todesopfer geführt habe.

Demnach wurden in den Jahren 2023 (120 Todesopfer) und 2024 (89) im Westjordanland so viele Kinder und Jugendliche durch Israelis getötet wie noch nie. Diese Eskalation sei durch Rachegelüste nach dem Hamas-Terrorakt am 7. Oktober 2023 und die zunehmende Entmenschlichung der Palästinenser im öffentlichen Diskurs Israels angeheizt worden, heißt es im Bericht. Unter Berufung auf Angaben der Menschenrechtsorganisation Jesch Din nennt B'Tselem auch die völlige Straffreiheit für das Töten palästinensischer Zivilisten durch Israelis als einen Grund für die Eskalation.

Quelle: ntv.de, dsc

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