Juniorpartner auch auf InstagramWie Klingbeil und Bas am Algorithmus scheitern
Eine Kolumne von Marie von den Benken
Instagram als politischer Indikator: Teil zwei der Spurensuche, was Social-Media-Feeds über politische Macht sagen. Eine Analyse zwischen Ich-Quote, Algorithmus, politischer Wahrnehmung und digitalen Grenzen sozialdemokratischer Sichtbarkeit.
Nachdem ich mich vor Wochenfrist, dominosteinschwanger von familiären Weihnachts-Völlerei-Eskalationen, zur Entspannung ausnahmsweise nicht tagesaktuellen Ereignissen, sondern einem fachanalytischen Kennerinnen-Blick auf die Instagram-Auftritte von Friedrich Merz und Markus Söder zugewandt hatte, widme ich mich heute der anderen Seite des koalitionsinternen Social-Media-Hufeisens: Ich untersuche die Posting-Charakteristik von Lars Klingbeil und Bärbel Bas.
Wie man es von mir, dem selbsternannten Dr. Christian Drosten der Social-Media-Viralität, erwarten darf, ist mir dabei ein spektakulärer Blick auf eine spitzenpolitische Grauzone gelungen, der für die meisten CDU/CSU und SPD-Wähler allein aus Altersgründen Neuland ist: das Internet. Auch das Führungspersonal der einstigen Arbeiterpartei SPD treibt hier sein sogenanntes Unwesen. Und eines vorweg: In der Welt von Lena Meyer-Landrut, Pamela Reif und Stefanie Giesinger reicht es für die SPD ebenfalls nur zum Juniorpartner. Aber sehen Sie selbst.
Lars Klingbeil: 252 Postings seit 23. Februar 2025 (113.000 Follower)
Der Hoffnungsträger der Sozialdemokratie soll jugendlichen Elan in die verstaubten Flure im Willy-Brandt-Haus bringen. Dafür hatte man nach der Bundestagswahl extra den ein knappes Vierteljahrhundert älteren Norbert Walter-Borjans aus dem Parteivorsitz exmatrikuliert. Dieser Plan ist jedoch bislang ähnlich gut aufgegangen wie die Aufstiegsambitionen von Hertha BSC. Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, der Spielwiese der jüngeren Generationen, lässt sich der Messias der SPD-Zukunft sogar von den Unions-Altinternationalen Friedrich Merz (70 Jahre) und Markus Söder (wird am 5. Januar 59) abkochen.
Mit seinen 113.000 Followern auf Instagram folgen Klingbeil nicht mal 70 Prozent der 168.109 Wahlberechtigten in seinem eigenen Wahlkreis "Rotenburg I Heidekreis". 113.000 Follower sind darüber hinaus lediglich ein Drittel der 338.000 Follower seines Chefs Friedrich Merz. Und sogar nur 14 Prozent der 787.000 Follower von Schattenkanzler Markus Söder. Würde Relevanz ausschließlich in reichweitenmathematischen Parametern bemessen, müssten man sagen: Markus Söder ist für die deutsche Politik mehr als sieben Mal wichtiger als Lars Klingbeil. Zum Glück gibt es für die Importanz eines Politikers noch zahlreiche weitere Kriterien. Und so bleibt Söder trotz eindeutiger Social-Media-Überlegenheit zunächst lediglich der Politiker, der seine Meinung zum Verbrenner-Aus mehr als sieben Mal so oft geändert hat wie Lars Klingbeil.
Reichweite ist nicht alles - aber ohne Reichweite ist alles nichts
In den 252 Postings, die der designierte Heilsbringer der Sozialdemokratie seit der Bundestagswahl veröffentlicht hat, zeigen sich zwar einige Auffälligkeiten - für den großen Social-Media-Wurf hat es derweil noch nicht gereicht. Trotz massiver Endgerätebeschallung in deutsche Wohnzimmer. So oft, wie Klingbeil allein den False-Balance-Festspielen von "Markus Lanz" beiwohnen durfte, müsste er auf der nach oben offenen Karl-Lauterbach-Skala schon längst bei mindestens 1.000.000 Followern angelangt sein.
Und tatsächlich zieht er dafür alle Register. Leider erfolglos. Anders als Food-Blogger Söder setzt Klingbeil weniger auf Schweinefleisch und Promis, sondern mehr auf ein facettenreiches Persönlichkeitsbild. Außer SPD-Schlagerikone Roland Kaiser und den Roland Kaisers für Frauen in der Midlife-Crisis, Bill und Tom Kaulitz, finden Personen des öffentlichen Lebens abseits der Politik bei ihm nicht statt. Klingbeil präsentiert sich lieber volksnah mit Gitarre, singend, leger im T-Shirt oder auch mal als Polit-Tom-Cruise mit Top-Gun-Sonnenbrille.
Faszinierend dabei ist, dass Klingbeil für seine Nähe zu "Santa Maria"-Deflorist Roland Kaiser noch keinen Shitstorm aus der sonst stets penetrant auf politische Überkorrektheit pochenden Links-Bubble über sich ergehen lassen musste. Analysiert man nämlich die Texte, mit denen Kaiser einst reich und berühmt geworden ist und mit denen er bis heute durch die Republik tingelt, geht es in seinem heiteren Liedgut wohl gelegentlich auch darum, sehr junge Frauen zu entjungfern. Oder wie würden Sie folgende Textzeilen sonst interpretieren?
Santa Maria
Nachts an deinen schneeweißen Stränden
Hielt ich ihre Jugend in den Händen
Glück, für das man keinen Namen kennt
Santa Maria, den Schritt zu wagen
Santa Maria, vom Mädchen bis zur Frau
97 Prozent Ich: Selbstinszenierung als politische Grundhaltung
Aber wieder zur klassischen Analytik. Unter den 252 Klingbeil-Postings finden sich lediglich sieben, auf denen nicht Lars Klingbeil zu sehen ist. Eine 97-Prozent-Ich-Quote ist dann aber auch das Einzige, bei dem Lars Klingbeil die Flughöhe von Friedrich Merz (auf 142 von 143 Bildern) erreicht. Und das, obwohl er sogar regelmäßig Schnappschüsse aus seiner wilden Jugend einstreut. Auf einem steht er mit Gitarre auf der Bühne und sieht aus wie eine Mischung aus Fatih Akin und Che Guevara. Doch selbst das führt bislang nicht zum Social Media Durchbruch. Dafür ist auf dem Klingbeil-Instagram-Account noch mehr Nachjustierung nötig als bei der Bürgergeld-Reform.
Bärbel Bas: 427 Postings seit 23. Februar 2025 (35.500 Follower)
Die Instagram-Performance von Bärbel Bas hingegen ist ein typisches Beispiel für das Gender-Algorithmus-Gap. Ähnlich wie beim Durchschnittsverdienst werden Frauen auch im Bereich Social Media vom Patriachart klein gehalten. Hieß es früher nonchalant "Frauen gehören an den Herd - und der steht im Schlafzimmer", muss man heute sagen: "Frauen gehören vom Handy weg - und das parkt bei StudiVZ". Bas ist genau wie Klingbeil Parteivorsitzende und Ministerin. Sie hat beinahe doppelt so viel Social Media Content angeboten wie ihr männliches Pendant. Und dennoch nur ein Drittel seiner Follower.
Fragt man die Verantwortlichen von Instagram, wie man mehr Follower generieren kann, lautet die Antwort immer gleich: Content, Content, Content. Offenbar fehlt da allerdings der Zusatz: wenn du ein weißer Mann bist. Wie sonst sollte zu erklären sein, dass eine gleich qualifizierte Frau mit deutlich mehr Engagement am Ende weniger Follower generieren kann als ihr männliches Gegenüber? Hier wird sich Deutschlands Instagram-König Toni Kroos einigen Fragen stellen müssen. Mit fast 50 Millionen Followern hat er etwa 1400-mal so viele Follower wie Bärbel Bas. Und es ist nicht davon auszugehen, dass sich das signifikant ändern würde, sollte Bas mal für Real Madrid spielen.
Weniger Ego, mehr Inhalt - Das Todesurteil für den Algorithmus
Ist das Instagram-Game tatsächlich der Ego-Shooter der Reichweiten-Generierung? Denn Bärbel Bas kuratiert ihren Auftritt deutlich weniger Ich-zentriert als ihre Referenz-Politiker Merz, Söder und Klingbeil. Auf beachtlichen 95 ihrer 427 Postings ist sie gar nicht zu sehen. Mehr als 22 Prozent inhaberinnenfreie Bilder. Da wären bei Kanzler, Vizekanzler und bayrischem Ministerpräsidenten längst Köpfe im Social-Media-Team gerollt.
Auch auf Prominente verzichtet Bärbel Bas komplett. In allem, was sympathisch wirkt, agiert sie angenehmer als ihre männlichen Kollegen. Dennoch wirken ihre 35.500 Follower gegen die fast 800.000 von Markus Söder wie der Platz von Heino in der Enzyklopädie der Musikgeschichte gegen den von Wolfgang Amadeus Mozart. Als berufsfeministische Kämpferin gegen geschlechterspezifische Ungleichbehandlung muss ich an dieser Stelle daher zu folgendem Urteil gelangen: Frauen werden vom Instagram-Algorithmus limitiert. Jedenfalls, wenn sie sich nicht hauptberuflich halbnackt in dubiosen TV-Dating-Formaten präsentieren.
Das, oder der handelsübliche Instagram-Nutzer hat Ahnung von Fußball. Bärbel Bas nämlich macht auf ihrem Account keinen Hehl daraus, glühende Anhängerin ihres Heimatclubs MSV Duisburg zu sein. Und das ist gegen Merz (Borussia Dortmund) sowie Söder und Klingbeil (beide FC Bayern) etwa so, wie das musikalische Lebenswerk von Loretta Müller gegen das von Taylor Swift. Ach so, Sie kennen Loretta Müller gar nicht? Genau. Denken Sie mal darüber nach! Am besten bis kommende Woche, dann frage ich das hier ab.