Politik

Vom Störfaktor zur Wahlkampfwaffe Bill legt sich für Hillary ins Zeug

Kühl und berechnend – dieses Image macht Hillary Clinton im Wahlkampf zu schaffen. Ihr Mann versucht deshalb, ein anderes Bild von ihr in der Öffentlichkeit zu schaffen und erzählt von der "tatsächlichen" Hillary.

Bislang hat er in diesem US-Wahlkampf eher in der zweiten Reihe agiert, doch beim Parteitag der Demokraten in Philadelphia hat Bill Clinton seinen großen Auftritt. Und der mit Riesenjubel empfangene ehemalige Präsident zeigt sich bestens vorbereitet und in guter Form. Mit Verve wirbt der 69-Jährige am Dienstag für seine Frau, die frischgekürte Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Nicht zuletzt gegenüber den Skeptikern in der eigenen Partei will er die charakterliche Eignung von Hillary Clinton für das höchste Staatsamt bezeugen.

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Seit 45 Jahren ein Paar: Bill und Hillary Clinton.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Ihr solltet sie wählen, weil sie nicht aufgibt, auch wenn es schwierig wird. Sie wird Euch nicht im Stich lassen", sagt Bill Clinton. Es ist ein in jeder Hinsicht denkwürdiger Auftritt, wie es ihn in der US-Politik noch nie gegeben hat: Ein ehemaliger Präsident wirbt für die eigene Frau als seine Amtsnachfolgerin - und damit indirekt auch dafür, als erster "First Gentleman" der USA in das Weiße Haus zurückkehren zu dürfen.

Wird Bill erster "First Gentleman"?

Wenige Stunden vorher hat der Parteitag mit der Kür von Hillary Clinton zur Präsidentschaftskandidatin Geschichte geschrieben: Die frühere Außenministerin, Senatorin und First Lady ist nun die erste Frau die realistische Aussichten auf das höchste Staatsamt in den USA hat. Doch der Parteitag hat auch gezeigt, dass ungeachtet der historischen Dimension viele Anhänger des im Nominierungsprozess unterlegenen Senatoren Bernie Sanders weiterhin schwer mit der Kandidatin hadern.

Und in der Vorwoche haben der republikanische Rivale Donald Trump und seine Partei bei ihrer Wahlversammlung in Cleveland alles daran gesetzt, die Demokratin in Misskredit zu bringen: Nicht nur als inkompetent und verantwortungslos, sondern auch als verschlagen und korrupt wurde sie hingestellt. Trump hatte Bill Clinton einen "Vergewaltiger" genannt.

Bill spricht über 45 Jahre Beziehung

Bill Clinton, der in der Wählerschaft weitaus höhere Popularitätswerte genießt als seine Frau, kämpft nun auf der Parteitagsbühne gegen das Zerrbild an, das die Republikaner von der Kandidatin gezeichnet hätten. Er schwärmt von der "tatsächlichen" Hillary, einer hochintelligenten, tatkräftigen und mitfühlenden Frau: Diese Hillary Clinton "ruft dich an, wenn du krank bist, wenn dein Kind Probleme hat oder wenn es einen Tod in der Familie gibt".

Der Ex-Präsident hält eine sehr persönliche Rede, in der er die 45-jährige Beziehung der Clintons Station für Station rekapituliert, von der ersten Begegnung an der Eliteuniversität Yale über die Jahre in seinem Heimatstaat Arkansas und dann im Weißen Haus bis zu Hillary Clintons Amtszeiten als Senatorin und dann Außenministerin.

Kein Wort über Lewinsky-Affäre

Die Beziehungsturbulenzen, die durch seine einstigen außerehelichen Eskapaden ausgelösten Krisen - dies spart der Ex-Präsident wohlweislich aus. Sie sind allenfalls in dem Satz angedeutet, er und seine Frau hätten "gute wie schlechte Zeiten, Freude und Kummer" durchgemacht.

Bislang war Bill Clinton im Wahlkampf eher als Störfaktor wahrgenommen worden. Ein Fehltritt war sein Treffen mit Justizministerin Loretta Lynch, das Vorwürfe auslöste, die Clintons wollten Einfluss auf die Untersuchungen zur Affäre um den regelwidrigen Umgang der Ex-Außenninisterin mit ihren dienstlichen E-Mails nehmen. Und für Negativschlagzeilen sorgte der Ex-Präsident auch durch einen erregten Schlagabtausch mit Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung "Das Leben von Schwarzen zählt". Diese hatten ihn wegen seiner seinerzeitigen Strafrechtsreform attackiert.

Doch mit seinem vielbejubelten Parteitagsauftritt stellt Bill Clinton seinen Nutzen als Wahlkampfwaffe unter Beweis. Als Zeuge für die "tatsächliche" Hillary wird ihn die Kandidatin wohl noch öfter einsetzen. Kein Wort verliert der Ex-Präsident dagegen in seiner Rede über seine mögliche künftige Aufgabe als "First Gentleman". Gut möglich ist aber, dass ihm eine aktive politische Rolle vorschwebt - so wie sie die einstige First Lady Hillary Clinton unter Bruch der Traditionen einnahm.

Quelle: ntv.de, Daniel Jahn, AFP