Anschlag mit 21 Toten in TunisBlutbad bringt das Ende des Frühlings
Hier nimmt der Arabische Frühling vor vier Jahren seinen Lauf und bringt dem Land eine neue Demokratie. Doch rund um die neue Rechtsstaatlichkeit greift Extremismus und Gewalt um sich - und trifft nun auch Tunesien ins Herz.
Am Anfang twittert die Parlamentsabgeordnete Sayida Ounissi von einer "großen Panik" - ein Bewaffneter treibe sich vor dem Parlament herum. Nur wenige Minuten später wird klar, dass dies den Auftakt zum bislang schlimmsten Terrorangriff in Tunesien seit dem Arabischen Frühling bildet.
Mindestens zwei Angreifer stürmen den Platz zwischen dem Parlament und dem tunesischen Nationalmuseum Bardo. Die Extremisten schießen willkürlich mit Kalaschnikows auf Touristen, dann verbarrikadieren sie sich mit mehreren Geiseln im Bardo-Museum. Am Ende sind nach offiziellen Angaben 21 Menschen tot, darunter zwei Attentäter. Mindestens 17 der Toten seien Urlauber - nach ersten Angaben von Ministerpräsident Habib Essid aus Deutschland, Polen, Italien und Spanien. Das Auswärtige Amt bestätigte deutsche Opfer zunächst nicht.
Spanien hat nach Angaben der Regierung in Madrid mindestens zwei Todesopfer zu beklagen. Hinweise auf Spanier unter den Dutzenden Verletzten gebe es nicht, aber noch sei die Informationslage in der Hauptstadt Tunesiens sehr konfus, betonte Außenminister José Manuel García-Margallo am Abend. Die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy verurteilte den Anschlag. Die Verantwortlichen müssten vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden, hieß es.
Aus Paris hieß es am Abend, bei dem Anschlag in Tunis seien auch zwei Franzosen ums Leben gekommen. Wie der Elysée-Palast mitteilte, befinden sich unter den Toten zudem mehrere Italiener, Spanier, Tunesier und Japaner. Auch ein Deutscher könnte umgekommen sein, hieß es. Mehrere Franzosen wurden bei dem Attentat teils schwer verletzt.
Insgesamt wurden bei dem Anschlag mindestens 44 Menschen verletzt. Unter den insgesamt 21 Toten befinden sich offenbar auch die beiden Attentäter. Der blutige Überfalls trifft das Urlaubsland vier Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings hart.
Die Botschaft: Auch Tunesien muss mit Islamisten rechnen
Tunesien ist das Geburtsland der Aufstände - und hatte als bislang einziges Land den Weg in die Demokratie geschafft. Anfang 2011 stürzten die Tunesier den Diktator Zine el Abidine Ben Ali. Im Dezember 2014 schloss die erste freie Präsidentenwahl den Demokratisierungsprozess im Land ab - anders als im Rest der Region. In Syrien, Libyen und im Jemen toben Bürgerkriege, in Ägypten herrscht wieder ein despotischer Armeechef. Islamistische Gruppen nutzen das Chaos für ihre Zwecke. Nun zeigten die Extremisten mit einer Machtdemonstration, dass auch in Tunesien mit ihnen zu rechnen ist.
Das Muster des Angriffs erinnert an die Bluttat von Islamisten im Januar in Paris. Damals stürmten professionell trainierte Kämpfer hochbewaffnet die Redaktion der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" - in Tunis kämpfen sich uniformierte Täter in das Bardo-Museum vor. Dort nehmen die Bewaffneten zahlreiche Urlauber als Geiseln. Die meisten der etwa 100 Besucher, die sich zum Zeitpunkt des Überfalls im Museum aufhielten, konnten jedoch nach Angaben des Innenministeriums rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Spezialeinheiten umstellen den Berichten zufolge zunächst das Gebäude und beenden die Geiselnahme danach.
Im Internet bejubeln Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Tat, offiziell bekennt sich die Miliz zunächst nicht zu dem Angriff. Der IS kämpft in Syrien und im Irak, hat aber längst Zellen in Ägypten und im tunesischen Nachbarn Libyen gegründet. Ein Anschlag im Herzen Tunesiens wäre ein neuer Machtzuwachs der Miliz. Nach dem Ende der Geiselnahme meldete sich die Abgeordnete Ounissi erneut auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. "Wir sind ohne Angst", schreibt Ounissi. Ein frommer Wunsch.
