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"Er kann keine Hosen anziehen" Spekulationen um Bolsonaros Verbleib wachsen

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Wahlverlierer Jair Bolsonaro meidet offizielle Termine.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

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Kurz nach seiner Wahlniederlage in Brasilien wird es still um Jair Bolsonaro. Seine Partei will die Wahl anfechten, scheitert jedoch vor Gericht. Derweil ranken sich wilde Vermutungen um den Verbleib des scheidenden Präsidenten. Er könne wohl momentan keine Hosen tragen, heißt es vom Vizepräsidenten.

Seit seiner Niederlage bei der brasilianischen Präsidentschaftswahl ist Jair Bolsonaro abgetaucht. Er verschanzt sich in seiner Residenz und erzeugt so eine beunruhigende Atmosphäre eines Machtvakuums im Land. Nicht einmal bei hochrangigen internationalen Treffen wie dem G20-Gipfel oder der UN-Klimakonferenz hat sich der Präsident, der noch bis zum 1. Januar im Amt ist, blicken lassen.

Bolsonaro hatte die Wahl vor gut drei Wochen knapp gegen den linksgerichteten Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva verloren. Seitdem meidet der rechtsradikale Amtsinhaber offizielle Termine. Viele spekulieren seither über die Gründe für Bolsonaros Verhalten: Schmollt er? Wird er von Wut zerfressen?

Ausschlag am Bein?

Vizepräsident Hamilton Mourão lieferte vor Kurzem eine Erklärung: Bolsonaro leide unter einem Hautausschlag am Bein. "Er kann keine Hosen anziehen", sagte Mourão der Zeitung "O Globo". "Und er kann ja nicht in Shorts auftreten." Das Büro des Präsidenten bestätigte diese Informationen allerdings nicht und auch Mourão selbst scheint von seiner Erklärung nicht überzeugt zu sein. Kurz vor dem "Globo"-Interview hatte er der Tageszeitung "Valor" gesagt, Bolsonaro habe sich zur Besinnung zurückgezogen.

Es kursieren bereits Gerüchte, dass Bolsonaro am Tag der Amtseinführung am 1. Januar ins Ausland reisen wolle, um zu vermeiden, Lula die Schärpe des Präsidenten übergeben zu müssen. Bolsonaros Rückzug aus der Öffentlichkeit begann schon in der Nacht der Stichwahl am 30. Oktober, die er mit einem Rückstand von weniger als zwei Prozentpunkten verlor. Erst fast 48 Stunden später tauchte er wieder auf, um in einer kurzen Rede zu verkünden, dass er die Verfassung Brasiliens respektieren werde. Aber weder räumte er seine Niederlage ein, noch gratulierte er Lula.

Strategischer Schachzug?

Der Anführer der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas blieb in der vergangenen Woche dem G20-Treffen in Bali fern und überließ es seinem Vizepräsidenten, die Beglaubigungsschreiben neuer Botschafter entgegenzunehmen. Bolsonaros offizieller Terminkalender ist praktisch leer, und auf Twitter und Facebook, wo er sonst omnipräsent war, ist er so gut wie verstummt.

Da Bolsonaro in vier Jahren ein Comeback versuchen könnte, hält der Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel dessen Schweigen für einen strategischen Schachzug. Aus Bolsonaros Sicht sei das die beste Lösung, da er daran interessiert sei, "die Unterstützung seiner radikalsten Anhänger nicht zu verlieren", die vor Armeestützpunkten für ein Eingreifen des Militärs demonstrieren, um Bolsonaro an der Macht zu halten.

Die Anhänger des abgewählten Präsidenten behaupten, er sei um seine Wiederwahl betrogen worden, ohne dafür Belege zu liefern. Das Oberste Wahlgericht in Brasilien wies am Mittwoch eine Beschwerde gegen das Wahlergebnis ab. Bolsonaros Liberale Partei (PL) habe keine Beweise für angebliche Fehlfunktionen bei Hunderttausenden Wahlmaschinen vorgelegt, urteilte das Gericht.

Auch in den Online-Netzwerken wird derweil eifrig über die Gründe für Bolsonaros Schweigen spekuliert. "Wo ist die Wunde, die Bolsonaro am Arbeiten hindert? An seinem Bein? Seinem Ego?", scherzte ein Twitter-Nutzer.

Verleugnung und Depression?

Sylvio Costa, Gründer der Nachrichtenwebsite Congresso em Foco, sagte, es handele sich möglicherweise um "einen Fall von Verleugnung, der sich zu einer Depression entwickelt hat". Schließlich habe Bolsonaros erstmals seit dem Beginn seiner politischen Karriere 1988 als Stadtrat von Rio de Janeiro eine Wahlniederlage hinnehmen müssen. Außerdem sehe sich der Präsident "Dutzenden von Ermittlungen und Klagen gegenüber". Er halte Bolsonaro aber für "völlig unberechenbar". Er könne "mit einer Putschrede wieder auftauchen" und versuchen, den Amtsantritt der neuen Regierung so weit wie möglich zu stören, sagte Costa.

Während Bolsonaro weiter Rätsel aufgibt, nutzt Wahlsieger Lula die Zeit des Wartens auf die Amtsübernahme, um sich als künftiges Staatsoberhaupt in Position zu bringen. Er hielt hochrangige Treffen ab und reiste zum UN-Klimagipfel nach Ägypten. Dort verkündete er einen Neuanfang: "Brasilien ist wieder da", sagte der künftige Präsident.

Quelle: ntv.de, lno/AFP

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