Politik

Letzte Runde Corbyn vs. Johnson Briten stehen vor der größten Richtungswahl

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Briten halten Jeremy Corbyn für weniger "Prime-ministerial" als Boris Johnson.

(Foto: imago images/Xinhua)

Wenige Tage vor der Parlamentswahl im Vereinigten Königreich offenbaren die Spitzenkandidaten einmal mehr ihren ideologischen Graben - sowie die große Angst, die alle eint: vor unklaren Mehrheitsverhältnissen, welche die Entscheidung über den Brexit weiter hinauszögern würden.

Verhärtete Fronten, ramponierte Glaubwürdigkeit und die Macht in den Händen von Wählern, die nicht genau wissen, ob sie zu den Gewinnern oder zu den Verlierern zählen - so kann die Lage nach der letzten Fernsehdebatte zusammengefasst werden, die sich die beiden Spitzenkandidaten im Rennen um den Schlüssel zur britischen Regierungszentrale am Freitagabend geliefert haben.

Zum zweiten Mal in einem Monat traf der amtierende konservative und kapitalistisch gelaunte Premierminister Boris Johnson im Fernsehen auf seinen sozialistisch motivierten Herausforderer Jeremy Corbyn. Mit von der Partie waren ein tadelloser Journalist und der Frust der Bevölkerung. Die Öffentlichkeit wurde wieder vertreten durch einen hierzulande unbekannten Inquisitionsrat, genannt "Studiopublikum". Seine Fragen waren wach und zugleich geprägt von der allgemeinen Müdigkeit mit dem Stellungskrieg der politischen Klasse.

Die meisten fragen sich: Wird die Parlamentswahl an diesem Donnerstag die Hängepartie um den Brexit womöglich um weitere Jahre verlängern - weil am Ende nicht mehr als ein so genanntes "hung parliament" herauskommt: ein Unterhaus ohne eindeutige Mehrheitsverhältnisse, aber mit vielen gegensätzlichen Vorstellungen und unversöhnlichen Zielen?

"Eintritt in keine Beziehung"

In einer spontanen Befragung durch das Meinungsforschungsunternehmen YouGov ging Johnson mit einer knappen Mehrheit von 52 Prozent als Gewinner und Corbyn mit 48 Prozent als Verlierer aus der Debatte im Sender BBC One. Es ist dieses quälend pattähnliche Verhältnis, das die ganze Welt unweigerlich an den Anlass für die bevorstehende Wahl und überhaupt an das globale Interesse für dieses Land und erinnert: Brexit! Oder wie es Jeremy Corbyn treffend zusammenfasste: "Der Austritt aus einer bestehenden internationalen Beziehung und der Eintritt in keine Beziehung."

Während eine Stimmverteilung von 52 zu 48 in den meisten Ländern Europas als Aufforderung zum politischen Kompromiss, zur Zusammenarbeit und zur Annäherung aufgefasst würde, wird sie im Vereinigten Königreich - ganz im Widerspruch übrigens zur politischen Korrektheit im britischen Alltag - als eindeutig interpretiert. Hätten die Meinungsforscher nur nicht so oft in jüngster Vergangenheit daneben gelegen …

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Eine knappe Mehrheit sieht Boris Johnson (Mitte) als Gewinner des Duells.

(Foto: imago images/Xinhua)

Dass dieser Wahlkampf harte Arbeit ist, verrät schon seit einigen Wochen das Gesicht des 55-jährigen Regierungschefs Johnson, der mit kleinen Augen aussieht wie ein abgeschminkter Clown. Tatsächlich hat er auch Anlass zur Befürchtung, dass ihm der perfekte Auftritt nicht mehr gelingt und die große Show, die er sich immer vorgestellt hat, gelaufen ist. Kriegsentscheidend könnte der Eindruck sein, den er macht: 58 Prozent halten ihn nach der Debatte für "Prime-ministerial", auf Corbyn entfielen lediglich rund 38 Prozent.

Brexit schon "oven-ready"?

Andererseits nimmt ihm die Mantra vom "Brexit in trockenen Tüchern" niemand so recht ab, auch nicht seine Anhänger. Dass Johnson den unter Hochdruck im Oktober ausgehandelten Brexit Deal mit der EU selbst als "oven-ready" bezeichnet, deutet auf das Problem: "oven-ready", damit ist in der englischen Sprache meist billige Fertigkost gemeint. Qualität, zumal kurz vor Weihnachten, schmeckt anders!

Moderator Nick Robinson gab noch kräftig Salz dazu, als er Boris Johnson darauf hinwies, dass sein "wonderful deal" noch lange keinen Handelsvertrag mit sich bringe, so dass ein Brexit zum 31. Januar, wie von Johnson versprochen, noch jahrelange Verhandlungen mit der EU nach sich ziehen könnte. Dieses Problem wird die konservative Partei - neben einer gewissen generellen charakterbedingten Unglaubwürdigkeit und Umtriebigkeit Johnsons - ganz gewiss einige Prozente kosten. In puncto "trustworthiness" erntet Johnson auch von YouGov verheerende Werte und liegt er weit hinter Corbyn.

Niemand weiß, ob der Premierminister in den nächsten drei Tagen noch der Einladung des Senders BBC nachkommen und am Zwiegespräch mit dem journalistischen Großmeister Andrew Neil teilnehmen wird - dem wohl härtesten Jobinterview im ganzen Königreich. So kann es gut sein, dass Johnson mit dieser TV-Debatte bis zur Parlamentswahl am Donnerstag alles gesagt - und verschwiegen - hat, was ihm sein politischer Instinkt und seine taktischen Berater eingeflüstert haben.

Dazu zählten am Nikolausabend auch die Hinweise, dass er das Land zum El Dorado für Krankenschwestern aus aller Welt machen und möglicherweise die Mehrwertsteuer für Tampons senken werde. Die Stoßrichtung dieser Verheißungen war klar: tief verunsicherte weibliche Wähler. Und alle Zweifler auf der Linken, die - wie Jeremy Corbyn - immer wieder behaupten, das landesweite Gesundheitswesen NHS ("National Health System"), übrigens ein letztes wahrhaft sozialistisches Feature der Briten, sei "up for sale", sozusagen als Verhandlungsmasse für einen vorzüglichen Handelsvertrag mit Donalds Trumps Amerika und der dazugehörigen US-Pharmaindustrie.

Johnson bemüht Linksruck-"Albtraum"

Johnson wird im Gegenzug nicht müde vor dem "Albtraum" zu warnen, den ein Linksruck mit Jeremy Corbyn - womöglich in einer Koalition mit der schottischen Unabhängigkeitspartei SNP - aus seiner Sicht bedeuten würde. Während Johnson mit den selbstregulierenden Kräften der Märkte wirbt, scheint in Corbyns neuer Labour Partei - die sich längst nicht mehr "New Labour" nennt - jegliches Vertrauen in sie verschwunden zu sein. Neoliberalen Politiken hat man ohnehin vollständig abgeschworen, weil ja nichts von den Gewinnen der zunehmenden Superreichen nach unten geflossen ist.

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Das waren noch die Vorstellungen, als die Regierungsgeschäfte zwischen 1997 und 2010 von Tony Blair und Gordon Brown geleitet wurden. Damals lebten in Großbritannien ein gutes Dutzend Milliardäre - heute sollen mehr als 150 sein. Für Johnson ist das eine gute Entwicklung, für Corbyn ist das ein bereits bestehender Albtraum. Fest steht: Neben exorbitantem Reichtum, der London erstrahlen lässt - und der nicht selten von reichen Ausländern importiert worden ist - ist das Land an vielen Orten auch von bitterer Armut gezeichnet. Fest steht auch: Die EU hat daran keine Schuld.

Die britischen Wähler müssen am Donnerstag für sich selbst entscheiden, ob sie sich zur einen oder anderen Seite zählen - wirtschaftlich, politisch und letztendlich, was die beiden Spitzenkandidaten betrifft. Dürfen sie sich also bereits zu den Gewinnern zählen oder leiden sie unter einer Armut, die sie zu Verlierern macht und die sie aus eigenen Kräften nicht überwinden können. Es bleibt zu befürchten, dass sich eine größere Gruppe nicht entscheiden kann, weil sie sich - ganz in US-amerikanischer Manier - für "Millionäre in der Krise" hält. Sie werden es sein, die die Wahl entscheiden.

Quelle: ntv.de