Politik

Vertrauenskrise in London "Bullshit-Boris" zeigt Briten sein Hinterteil

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Johnson ist nach eigenen Angaben wieder fit.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein Foto vom Premier im Liegestütz sagt mehr als tausend Worte: Boris Johnson inszeniert unbeirrt seine große Show. Doch nicht nur wegen der Corona-Pandemie wachsen bei den Briten die Zweifel am Regierungschef.

Niemand weiß genau, was ein Mann im Kopf hat, der sich zum Affen macht, um Stärke zu demonstrieren. Boris Johnson erreichte damit vorvergangene Woche einen neuen Tiefpunkt. In seinem engen Büro quälte er sich hinab auf den Teppich, um mindestens einen Liegestütz zu absolvieren - in schwarzer Anzughose, weißem Hemd und mit roter Krawatte. Der britische Premierminister wollte öffentlich unter Beweis stellen, dass weder seine Macht noch seine Gesundheit in irgendeiner Weise angeschlagen sind. "I am fit as a Butcher's dog", gab er zu verstehen, was so viel bedeutet wie: "Ich bin kerngesund." Oder zur Übung, aber nicht seiner Kleidung passend: "Ich bin fit wie ein Turnschuh."

Mit Sicherheit fand Johnsons Bodenmanöver einmal mehr das Gefallen jener, die Politik nur für ein Spiel halten und einen Tag ohne politische Selbstinszenierungen - auf Englisch "Grandstanding" - als verspielt ansehen. Johnsons Kritiker durften sich hingegen daran erinnert fühlen, was Suzanne Moore Anfang Mai in ihrer "Guardian"-Kolumne geschrieben hatte: Das Vereinigte Königreich werde gegenwärtig von einer "zweitklassigen Werbeagentur" geführt.

Die Zweifel an Johnsons Führung und - wenn man so will - an ihrer Verkaufe sind alles andere als neu. Ein deutlicher Ausdruck dafür ist eine Kampagne, die nach den Regeln der Werbung als erstklassig bezeichnet werden kann. In Anspielung auf einen führungskritischen Slogan aus dem Ersten Weltkrieg heißt sie #ledbydonkeys - "angeführt von Eseln". Ihre Macher, die sich als oppositionelle Guerillakrieger gegen den herrschenden nationalkonservativen Politikstil verstehen, stellen seit Januar 2019 mit großen Plakaten in britischen Städten die Widersprüchlichkeiten und Lügen von Johnson und Co. an den Pranger.

Vor Corona störten Johnsons Lügen die Briten nicht

Bislang hat die Mehrheit der Briten keinen gesteigerten Wert auf eine aufrichtige Regierung gelegt. Das jedenfalls belegt das Ergebnis der Parlamentswahl von 12. Dezember 2019. Es war gewissermaßen das offizielle Leitmaß dafür, wie tief die politische Moral im Königreich gesunken ist. Obwohl der Wahlkampf mit vielen unhaltbaren Behauptungen geführt worden war und Johnson längst im Ruf stand, ein "Lord of the Lies" zu sein, gelang ihm und seiner konservativen "Tory" Partei ein deutlicher Sieg. Dieser bildete die Voraussetzung, dass man am 31. Januar 2020 die Europäische Union verlassen und damit den "Brexit" formal vollziehen konnte.

Seitdem hat das Coronavirus die allgemeinen Erwartungen an die Qualität der Regierungsarbeit - und an ihre Kommunikation - noch weiter gedrückt. Als die Unvorsicht und Überheblichkeit, die Boris Johnson zu Beginn der Pandemie demonstriert hatte, offenkundig wurden, weil er selbst an Covid-19 erkrankt war und intensiv behandelt werden musste, gelang es ihm ohne größere Schwierigkeiten, das Problem in der Öffentlichkeit als Missgeschick und gewissermaßen als Kollateralschaden eines engagierten Politikers zu verkaufen.

Dabei war es ein objektiver, handfester Hinweis auf Selbstüberschätzung und Inkompetenz - oder wenigstens auf seine Taubheit gegenüber wissenschaftlichem Rat, der meistens langweilig ist und sich nur schwer in flotte Worte kleiden lässt. Außerdem ist Kompetenz generell nicht kompatibel mit einem ebenso realitätsfernen wie unerschütterlichen Glauben an die eigene Herrlichkeit. Nachdem Johnson den Brexit gegen alle Widrigkeiten durchgeboxt hat, scheint ihn die Illusion zu leiten, er werde stets obsiegen - als ginge es nicht darum, vorausschauend und verantwortungsvoll zu führen, sondern in hasardeurartiger und präpotenter Manier einen Heldenstatus zu erlangen.

Immun gegen lästige Fakten und die Realität

Es war ausgerechnet Johnsons umstrittener Chefstratege Dominic Cummings - gewissermaßen der Kopf der zweitklassigen Werbeagentur, der die selbstgerechte Haltung durchs Land transportierte. Dass er während des Lockdowns zu privaten Zwecken mit dem Auto unterwegs war, nahmen die Macher hinter #ledbydonkeys im Juni zum Anlass für eine neues Poster. Es zeigt, wie Cummings in selbstbewusster Pose zwischen Premierminister Johnson und dessen Stellvertreter Michael Gove steht und die beiden väterlich umarmt, als wären sie zwei Burschen unter Einfluss von Drogen oder Alkohol. Daneben steht: "If one person breaks the rules, we will all suffer" - wenn einer die Regeln bricht, leiden wir alle.

Im selben Zusammenhang hat Simon Kuper, ein Kolumnist der "Financial Times", am vergangenen Wochenende noch einmal auf den Philosophen Harry Frankfurt hingewiesen. Dieser unterscheidet zwischen "Liars" und "Bullshitters", also zwischen Menschen, die absichtlich lügen und anderen, die auf gut Deutsch gequirlte Scheiße labern. Während die einen unterscheiden können, was wahr und unwahr ist, fehlt den anderen der Sinn und das Interesse. Sie sagen schlicht das, was gut klingt. Kuper fasste treffend zusammen: "Bullshitters besitzen eine große sprachliche Begabung, die analytische Fähigkeiten überflüssig macht" - oder wenigstens zu machen scheint. In ihrer eigenen Überzeugung sind sie nicht nur immun gegen Viren, sondern auch gegen lästige Fakten und die Realität.

Ein weiteres Paradebeispiel für das Bullshit-Syndrom gab der genesene Johnson ab, als er Anfang Juni erklärte, die Kontrolle über die Corona-Maßnahmen von nun an selbst und direkt zu übernehmen. Wie bitte?, durfte man sich fragen. Hatte der Premierminister dazu nicht bereits drei Monate Zeit? Der regierungsfreundliche "Daily Telegraph" - Johnsons früherer Arbeitgeber - machte daraus hingegen die Erfolgsmeldung eines starken Mannes im Amt, obwohl bis zu diesem Zeitpunkt bereits 40.000 an Covid-19 Erkrankte gestorben waren. Ganz zu schweigen davon, dass Großbritannien bis heute mit rund 15 Prozent eine der höchsten Sterblichkeitsraten in der gesamten Welt hat.

"Feige": Den Pflegeheimen die Schuld zugeschoben

Dass Johnson nun am Montag in pauschaler Form die britischen Pflegeheime für den Tod vieler Tausend Corona-Patienten verantwortlich gemacht hat, zählt auch zu seinem Bullshit-Repertoire: die Schuld wird bei anderen gesucht, ohne dafür überzeugende Gründe vorzubringen. Entsprechend hitzig ist die Debatte, die jetzt geführt wird. Mark Adams, der Chef eines großen Pflegedienstes, hat die Anschuldigungen des Premierministers scharf als "plump und feige" zurückgewiesen: "Vielen Heimen hat die Regierung bis heute nicht genügend Schutzkleidung zur Verfügung gestellt, so dass die Mitarbeiter ihr privates Material benutzen müssen." Im Radioprogramm der BBC klagte Adams: "Wenn Johnson wirklich glaubt, was er sagt, dann nähern wir uns kafkaesken Verhältnissen, in denen die Regierung die Regeln macht, wir ihnen folgen, die Regierung die Ergebnisse nicht mag und uns dann abstraft."

An Johnson gerichtet, erklärte Adams: "Es ist feige, 1,6 Millionen Sozialarbeiter anzugreifen, die sich gegen Mindestlohn und oft ohne eigene Krankenversicherung um unsere Eltern, Großeltern oder Kinder kümmern und dabei ihre eigene Gesundheit und womöglich ihr eigenes Leben riskieren. Es ist ein Hohn, wenn sich dann der wahrscheinlich mächtigste Mann des Landes umdreht und diese Menschen angeht." Adams wird wissen, dass er mit diesen Worten das ausdrückt, was die Mehrheit der Briten längst denkt: Laut einer Umfrage von Opinium lehnen 46 Prozent der Briten ab, wie Johnsons Regierung auf die Pandemie reagiert hat, 36 Prozent sind einverstanden.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Johnson niemals der Gesundheit seines Volks die höchste Priorität eingeräumt hat, sondern - wenn überhaupt - den Interessen der Wirtschaft. Dasselbe wird auch von Michael Gove gesagt, der in der Regierung für die Vorbereitungen eines "No Deal"-Brexit verantwortlich ist. Dieser Weg gilt mittlerweile als das wahrscheinlichste Szenario für den endgültigen Bruch mit der Europäischen Union, nachdem die britische Regierung am 30. Juni die letzte Frist verstreichen ließ, um die sogenannte "Übergangsfrist" zu verlängern, in der das Vereinigte Königreich noch bis zum 31. Dezember 2020 in der europäischen Zollunion und im Binnenmarkt ist. Gove hatte erklärt, dieser Schritt werde den Unternehmen "Klarheit und Sicherheit" geben. Derweil kommen die Verhandlungen über die zukünftigen Beziehungen von EU und UK nicht voran.

Corona- und Brexit-Politik ähneln sich

Es ist äußerst bemerkenswert, wie ähnlich die Reaktionen sind, die Johnson mit seiner Corona- und seiner Europapolitik provoziert. In beiden dominieren Frust und Ärger. Carolyn Fairbairn, Präsidentin des britischen Industrieverbands CBI, hat bereits laut und deutlich erklärt: "Die Widerstandsfähigkeit der britischen Wirtschaft ist am Boden." Mit anderen Worten: Tiefer geht es nicht.

Es ist übrigens nicht bekannt, wie viele Liegestütze Boris Johnson vor knapp zwei Wochen in seinem Büro gemacht hat. Es spielt auch keine Rolle, weder für Johnson noch für das Publikum, da die gesamte Aufführung wieder nur ins Bullshit-Raster passt. Schließlich lassen sich mit sogenannten "press ups" weder Fitness noch die Fähigkeit für irgendeine politische Aufgabe demonstrieren. In Wahrheit war Johnson nur wichtig, dass ein Fotograf der Zeitung "Mail on Sunday" die Szene festhielt - was er auch tat … von oben.

Die Premiere, die das Vereinigte Königreich daraufhin erlebt hat, war durchaus sensationell. "Zum ersten Mal in der Pressegeschichte hat eine Zeitung ihre Titelseite genutzt, um den Arsch abzubilden, der dem amtierenden Premierminister gehört", erklärte etwa Alastair Campbell, der als Kommunikationschef der Regierung vor gut 20 Jahren Tony Blair in Szene gesetzt hat. Zugleich wurde spekuliert, was Boris Johnson wirklich sagen wollte. Er, der selbst viele Jahre Journalist war und der die nonverbale Kommunikation beherrscht wie eine Promenadenmischung aus Shaun, dem Schaf und Mr. Bean, könnte sich schließlich genau das gedacht haben, was in das Foto hineininterpretiert worden ist: Leckt mich am Allerwertesten!

"Germany!"

Vielleicht ist es Johnsons Art, mit der Ablehnung umzugehen, die er langsam spüren dürfte, seitdem die Labour-Partei mit Keir Starmer einen neuen Vorsitzenden hat. Genau jener Hoffnungsträger der Opposition hat Johnson seinen bisher peinlichsten Auftritt im Parlament beschert und dabei ausgerechnet Deutschland ins Rampenlicht gerückt - das schwarz-rot-goldene Tuch fast aller Brexiteers. "Ich kenne kein Land", behauptete Johnson am 24. Juni, "das eine funktionierende Tracking App hat". Starmer konterte prompt und trocken: "Germany!"

Es ist genau dieser Sir Keir (er ist von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen worden, Johnson bisher nicht), der nun zum ersten Mal in einer Umfrage vorne liegt. Laut "Guardian" und "Observer" wünschten sich Ende Juni nur noch 35 Prozent Johnson und 37 Prozent Keir Starmer als Regierungschef. Auch der massive Abstand von 20 Prozent, der im März noch Johnsons Konservative und Starmers Arbeiterpartei trennte, hat sich auf 4 Prozent verringert.

Boris Johnson bleiben maximal vier Jahre bis zur nächsten Wahl. Am Ende ist es gut möglich, dass er als erfahrener Bullshitter weder der allgemeinen Gesundheit noch der Wirtschaft Priorität einräumt, sondern nur einem Ziel: so lange an der Macht zu bleiben wie möglich. Da es laut Harry Frankfurt auch zu den typischen Eigenschaften der Bullshitters zählt, schnell die Lust zu verlieren, bleibt abzuwarten, ob Johnson beim Regieren überhaupt durchhält. Und falls doch, kann alles noch dramatischer werden, wie der Schriftsteller Robert Harris neulich in einem Tweet kommentierte: "You elect a joke don't be surprised if you end up with a tragedy." (Wenn du einen Scherz wählst, wundere dich nicht, wenn es in einer Tragödie endet.) Fest steht nur: Mit Liegestützen wird sich eine Tragödie nicht abwenden lassen.

Quelle: ntv.de