Politik

Fünf Jahre nach dem Anschlag "Charlie Hebdo" ist nicht totzukriegen

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"Charlie Hebdo": An eine bunte Truppe, humorvoll und streitlustig, erinnert sich Luz.

(Foto: 2019 Reprodukt)

An seinem Geburtstag kommt Luz zu spät zur Arbeit. Das rettet ihm das Leben. Denn an diesem Tag dringen Islamisten in die Redaktion von "Charlie Hebdo" ein und töten zwölf Menschen. Nun wirft der Zeichner einen liebevollen Blick zurück auf die ermordeten Kollegen und setzt der Satirezeitschrift ein Denkmal.

Wenn die Realität ein Albtraum ist, dann können die Vorstellungen im Schlaf zum schönen Erlebnis werden. So ist es zumindest bei Luz. Im Traum betritt der französische Karikaturist die Redaktion von "Charlie Hebdo" und begegnet seinen Kollegen. Doch irgendwann verabschieden die sich und Luz bleibt allein zurück. Dann erwacht er - in der albtraumhaften Realität, in der jene Kollegen tot sind. Erschossen durch zwei islamistische Terroristen am 7. Januar 2015.

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Luz heißt mit bürgerlichem Namen Rénald Luzier. Von 1992 bis 2015 arbeitete er bei "Charlie Hebdo".

(Foto: Alain Bujak- EDITIONS FUTUROPOLIS)

Jener Traum steht am Anfang von "Wir waren Charlie", dem neuen Comic von Luz. "Alles war so normal … entsetzlich normal … wie früher", sagt er nach seinem Erwachen. Doch Normalität, das gibt es für Luz seit fünf Jahren nicht mehr. Zumindest nicht jene Realität, wie er sie kannte, als er an jenem Januartag, seinem Geburtstag, zu spät zur Arbeit kam und nur deshalb den Anschlag auf die Satirezeitschrift überlebte - ähnlich wie seine Kollegin Catherine Meurisse.

Aufgearbeitet hat er diesen Tag vor fünf Jahren bereits in seinem bedrückenden Buch "Katharsis", einer skizzenhafte Sammlung von Eindrücken und Szenen, in denen er seinen Gedanken und dem Zeichenstift freien Lauf lässt. Diesem düsteren Werk fügt er nun ein zweites hinzu. "Wir waren Charlie" wirkt wie eine Ergänzung, die Vollendung der Katharsis. Zu Trauer und Schock gesellt sich die Erinnerung an die ermordeten Kollegen, eine liebevolle Rückschau auf Freunde, Erlebnisse und eine Zeitschrift, die schon immer zu provozieren wusste.

"Je suis Charlie" in aller Munde

Provokationen brachten "Charlie Hebdo" oft Kritik ein, von vielen Seiten. Im Falle von Mohammed-Karikaturen aber auch den fanatischen Hass von Islamisten. Zwölf Menschen starben vor fünf Jahren, als zwei schwer bewaffnete Männer in die Redaktion eindrangen und um sich schossen. Unter den Opfern waren etliche Zeichner und Mitarbeiter der Zeitschrift, einige von ihnen waren in Frankreich sehr bekannt, darunter Charb, Cabu oder Wolinski. Die Zeitschrift wurde in der Folge weltweit zum Symbol für Meinungs- und Pressefreiheit. "Je suis Charlie" war in aller Munde, die Auflage ging in die Millionen. Sogar eine deutsche Ausgabe entstand, die 2017 aber wieder eingestellt wurde. Das Interesse ließ irgendwann nach.

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Mit blau und schwarz dominierten Aquarell-Bildern fängt Luz seine Niedergeschlagenheit nach dem Anschlag ein.

In diesem Jahr rückt die Zeitschrift sicher erneut in die Schlagzeilen. Im Frühjahr beginnt der Prozess gegen mutmaßliche Helfer der beiden Attentäter, die von der Polizei erschossen worden waren. Im Herbst dann begeht "Charlie Hebdo" sein 50-jähriges Bestehen. Unter anderen Umständen könnte "Wir waren Charlie" eine persönliche Geburtstagshommage sein auf diese Zeitschrift, auf ihre Zeichner und ihren provokanten, anarchischen Stil.

Wäre da nicht die Rahmenhandlung: Luz kann angesichts der albtraumhaften Realität nicht schlafen. Er trinkt ein Bier nach dem anderen und erinnert sich, wie er Anfang der 90er nach Paris kam und sich bei Satireblättern vorstellte. Wie er schließlich bei "Charlie Hebdo" landete und jene Zeichner kennenlernte, die er da bereits bewunderte. Wie er Freundschaften schloss mit Kollegen, wie sie an Titelbildern und Karikaturen feilten, sich gegenseitig aufzogen und verarschten. Zwischen Recherchen und Redaktionsbesprechungen zeichnet Luz das Porträt eines Satire-Biotops. Er erinnert sich an die Macken und Eigenheiten der Charlie-Zeichner, an Witze und Anekdoten.

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Es sind Innenansichten, die Luz präsentiert, sicher sind etliche Insider-Gags darunter, auf jeden Fall viele Anspielungen auf die französische Politik, die deutsche Leser nur bedingt verstehen dürften. Interessant werden sie aber, wenn sie den speziellen "Charlie Hebdo"-Humor transportieren. Und der ist provokant, bitterböse und kennt keinerlei Tabus. Das gilt vor allem für den persönlichen Umgang der Kollegen miteinander. "Wir waren beim Zeitungsmachen manchmal lustiger als in der Zeitung selbst", erinnert sich Luz an einer Stelle. Das glaubt man gern, wenn man die Pöbeleien und Peniswitze liest, die sich die Zeichner auf Redaktionstreffen an den Kopf werfen.

Kann eine Karikatur die Welt verändern?

Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist das Selbstverständnis der Zeichner als kritische Beobachter. In einem der gelungensten Kapitel geht Luz anhand einer Anekdote der Frage nach, ob ein Karikaturist mit einer Zeichnung die Welt verändern kann. Klar kann er, belehrt ihn Kollege Gébé, und deutet auf ein Plakat auf einer Demo, auf dem eine Zeichnung von Luz zu sehen ist. Auch der Frage nach den Grenzen des Humors geht Luz anhand einer Erinnerung nach: Kann man Witze über Behinderte machen? Sicher, auch wenn das einen Sozialpädagogen ausrasten lässt. Die Arbeit der Redaktion war eben auch immer ein Austesten von Grenzen der Satire - die ja bekanntlich alles darf.

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Ein "öffentlicher Zeichner": Luz' Karikatur verändert die Welt, ein bisschen zumindest.

(Foto: 2019 Reprodukt)

Viel zum - nicht immer geschmackssicheren - Humor des Buches trägt aber auch der Zeichenstil von Luz bei. Er hat ihn bei "Charlie Hebdo" vervollkommnet. Im Grunde ist "Wir sind Charlie" also auch auf diese Weise eine Hommage auf das Magazin und die ermordeten Kollegen: Es geht darum, mit möglichst wenigen Strichen ein Bild entstehen zu lassen, ein Gesicht, das sofort erkannt wird oder eine Szene, die die Leser sofort einordnen können. Das ist das Wesen der Karikatur.

"Eines Tages ist mir das Zeichnen abhandengekommen", schrieb Luz noch in "Katharsis", das nur wenige Monate nach dem Anschlag erschienen war. Nun entdeckt er es wieder. Seine Erinnerungen gestaltet er im schwarz-weißen Stil von Karikaturen - schlicht, aber ausdrucksstark. Für die "Charlie"-Kollegen reichen ihm meist ein paar Brillengläser, ein bisschen Haar und vielleicht mal ein großes Kinn. Schon werden sie wieder lebendig. Ein scharfer Kontrast sind dagegen die Seiten, die Luz nach dem Anschlag zeigen, wie er sich zunehmend besäuft. Schwarz und blau dominieren die düsteren Aquarelle.

Gegen Ende des Buches allerdings vermischen sich beide Stile. Die schwarz-weißen Seiten bekommen blaue Farbe und die aquarellierten Bilder die scharfen Konturen der Karikaturen. Fast als hätte sich der trauernde Luz durch die vielen Erinnerungen aus seiner Lethargie befreit, greift er am Ende wieder zur Waffe eines Karikaturisten: der Feder. "Charlie Hebdo" ist nicht totzukriegen. Auch wenn Luz bereits seit 2015 nicht mehr fester Bestandteil der Redaktion ist. Aber wie stellt Redaktionsleiter Riss alias Laurent Sourisseau im Leitartikel der nun zum Jahrestag erscheinenden Gedenkausgabe fest: "Nach fünf erschöpfenden Jahren für das ganze Team ist die Zeitung immer noch da und auch ihre geistige Freiheit. Wer dachte, das Massaker habe sie demütiger und diskreter gemacht, hat sich getäuscht."

Quelle: ntv.de