Politik

"Ozean-Flashmob"China rüstet Tausende Fischerboote zur geheimen Miliz auf

24.04.2026, 18:03 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Schiffe der chinesischen maritimen Miliz in der Nähe des Scarborough-Riffs im Südchinesischen Meer. (Foto: REUTERS)

In den chinesischen Meeren im Pazifik häufen sich die Zwischenfälle. China streitet sich mit so gut wie allen Nachbarn in der Region. Immer wieder im Mittelpunkt: chinesische Fischerboote. Sie bilden eine geheime Miliz aus Tausenden Schiffen im inoffiziellen Dienst für die Volksarmee.

Droht der Weltwirtschaft die nächste Seeblockade? Nach dem Iran in der Straße von Hormus ist offenbar auch China auf den Geschmack gekommen. Pekings Marine hat Mitte April das Scarborough-Riff im Südchinesischen Meer abgeriegelt. Das Atoll liegt an einer wichtigen maritimen Handelsroute. Hintergrund der chinesischen Blockade sind anhaltende Spannungen zwischen China und den Philippinen sowie zwischen China und Taiwan. Das Scarborough-Riff ist eine der umstrittensten Meeresregionen in Asien. Peking und Manila streiten sich seit vielen Jahren um die Vorherrschaft. Und auch Taiwan erhebt Anspruch auf das Atoll.

Dabei greift China tief in die strategische Trickkiste. Die Volksrepublik setzt, wie es aussieht, nicht nur auf die eigene offizielle Marine, um ihre Gebietsansprüche durchzusetzen. Stattdessen helfen motorisierte Fischerboote bei der Blockade mit. Satellitenbilder vom 10. und 11. April zeigen Trawler, die vor der Einfahrt zum Riff vor Anker liegen. Außerdem liegt eine schwimmende Barriere auf dem Wasser. Die chinesische Küstenwache unterstützt mit Patrouillenbooten. 

Insgesamt sechs Schiffe der chinesischen "Seemiliz" seien innerhalb des Scarborough-Riffs gefunden worden, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Sprecher der philippinischen Küstenwache. Drei weitere Milizenboote würden von außerhalb den Zugang versperren. China dementiert: Die Volksrepublik sagt, es handele sich um "zivile Schiffe".

Derzeit sind die Auswirkungen der Spannungen zwischen China und den Philippinen für die Weltwirtschaft begrenzt. Hält China aber eine dauerhafte Blockade aufrecht, sodass nicht nur die philippinischen Schiffe beeinträchtigt wären, hätte das gravierende Konsequenzen. "20 bis 30 Prozent des globalen maritimen Handels gehen durch die Region um das Atoll. Das sind jährlich über 3000 Milliarden US-Dollar an Handelsvolumen", zitiert die "Bild"-Zeitung den China- und Geopolitik-Experten Michael Laha von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

"Auf ein Marine-Schiff kommen fünf Fake-Fischerboote"

"Auf ein Schiff der Marine kommen üblicherweise fünf als Fischerboote getarnte Schiffe im Dienst der chinesischen Volksarmee", sagt Gregory Poling vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) im Interview mit der Deutschen Welle.

China setzt laut dem Experten auf zwei Arten ihrer paramilitärischen Seekräfte: spezialisierte und allgemeine Einheiten. "Zu den spezialisierten Einheiten zählen die Milizen, die seit Jahren für bestimmte Aufgaben ausgebildet werden; sei es die Unterstützung bei der Logistik und Versorgung der Streitkräfte oder die Informationsbeschaffung und Minenräumung", erklärt Poling. 

Entsprechend spezialisiert sind aber die wenigsten Fake-Fischerboote. Die allgemeinen Einheiten sind klar in der Mehrzahl. Sie haben den vergleichsweise banalen Job, die Meere im Probe- oder Ernstfall schlicht mit Schiffen zu überfluten. Im Fall eines bewaffneten Konflikts haben sie das Ziel, die Radarsysteme des Gegners zu überlasten und dadurch die Zielerfassung des Feindes erheblich zu erschweren.

Riesiger "Ozean-Flashmob" mit über 2000 Booten

Die Schiffe sind als Fischtrawler getarnt, aber eigentlich im Dienste des Pekinger Regimes aktiv. Sie sind in erster Linie Milizionäre, in zweiter Linie Fischer. Sie unterstehen nicht offiziell dem Kommando der Volksarmee, werden jedoch von der chinesischen Marine ausgebildet. "Die Seemiliz ist dazu bestimmt, als militärische Hilfstruppe zu fungieren und bei Bedarf militärische Informationen zu sammeln", erklärt das Forschungsprojekt "European Hub for Contemporary China" (Europäischer Knotenpunkt für das heutige China).

Diese Taktik wird Grauzonen-Strategie genannt. Aktionen, die unterhalb der Schwelle eines offenen Kriegs liegen. Eine Zermürbungstaktik, um Gebietsansprüche gegen die Philippinen durchzusetzen.

Aber auch im Konflikt mit Taiwan hat die Pekinger Schatten-Marine eine wichtige Rolle. Sollte sich Peking entscheiden, Taiwan von der Pazifikseite aus anzugreifen, "müssen alle anderen Seewege nach Taiwan für ausländische Streitkräfte im Voraus unpassierbar gemacht werden - vorzugsweise unterhalb einer Eskalationsschwelle", analysiert die Fachzeitschrift "Marine-Forum" vom Deutschen Maritimen Institut (DMI).

Wie groß die Marine-Miliz der Chinesen ist, konnte man in den vergangenen Monaten gleich mehrfach im Ostchinesischen Meer beobachten. Ende Dezember organisierte Peking eine Übung mit mehr als 2000 Fischerbooten zwischen Shanghai und Japan. Die Schiffe formierten sich in zwei parallelen Linien, auf einer Länge von rund 460 Kilometern.

Mitte Januar gab es einen weiteren solchen "Ozean-Flashmob", wie das "Marine-Forum" das chinesische Vorgehen beschreibt. Daran waren mehr als 1400 Boote beteiligt; sie formierten sich entlang einer rund 320 Kilometer langen Kette im Meer. "Ich nenne es eine symbolische Blockade, eine Art Blockadegeste und keine tatsächliche", so der Ex-US-Geheimdienstoffizier Lonnie Henley im Interview mit der Deutschen Welle.

Anfang März folgte ein weiterer "Ozean-Flashmob". Solange die Fischerboote tatsächlich fischen, handele es sich dabei "gemäß japanisch-chinesischem Fischereiabkommen" um legale Aktionen, so das "Marine-Forum". Doch das Vorgehen könne als "Beweis für die Durchführbarkeit einer groß angelegten, militärisch koordinierten Operation angesehen werden".

Hintergrund für die Aktionen im Ostchinesischen Meer: China liegt auch mit Japan im Clinch. Es geht um die umstrittenen Senkaku-Inseln, die China, Taiwan und Japan jeweils für sich beanspruchen. Völkerrechtlich gehören die fünf verstreuten unbewohnten Inseln sowie drei Felsenriffe zu Japan. "China ist sehr daran interessiert, sie für sich zu beanspruchen, um einen Keil zwischen Japan und Taiwan zu treiben", analysiert das "Marine-Forum". Es gehe auch um einen möglichen Zugang zu Bodenschätzen.

Philippinen starten Manöver mit den USA

Ob vor Taiwan, vor Japan oder am Scarborough-Riff: Chinas Marine ist auf Krawall gebürstet. Die Fake-Fischerboote sind ein wichtiger Teil davon. Die chinesischen Manöver zeigen, wie ernst die Lage in den chinesischen Meeren schnell werden kann. 

Noch halten sich keine Tausende Fischerboote am Scarborough-Riff auf, sondern nur ein paar wenige. Das reicht aber aus, um den eigenen Anspruch auf das Atoll zu untermauern. Dabei liegt das fischreiche und geopolitisch wichtige Scarborough-Riff nach Auffassung der Philippinen fast komplett innerhalb der eigenen ausschließlichen Wirtschaftszone. China sieht das anders und beansprucht die Region für sich. Es gab nie eine offizielle Klärung der Souveränitätsansprüche. Das Riff steht seit 2012 faktisch unter Kontrolle Pekings.

Ein wegweisendes Gerichtsurteil aus dem Jahr 2016 wertete Chinas Scarborough-Blockade als Verstoß gegen das Völkerrecht. Das Riff sei ein traditionelles Fanggebiet für mehrere Länder, darunter China und die Philippinen. Doch die chinesischen Fischer - ob echt oder unecht - sind klar in der Mehrheit. 

Die philippinische Marine versucht aber weiterhin, in dem Gebiet zu operieren. Die Regierung in Manila will sich nicht mit der aktuellen Situation abfinden - und hat einen mächtigen Verbündeten an ihrer Seite: Gemeinsam mit den USA führten die Streitkräfte der Philippinen schon mehrfach gemeinsame Manöverfahrten durch. Aktuell läuft erneut eine Übung, laut des philippinischen Generalstabschefs Romeo Brawner "die größte aller Zeiten". Insgesamt nehmen 17.000 Soldaten teil, etwa 10.000 aus den Vereinigten Staaten. Auch Australien, Neuseeland, Kanada, Frankreich sowie erstmals Japan beteiligen sich. China sieht darin ein "Spiel mit dem Feuer".

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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