Politik

Putin-Beliebtheit auf Rekordtief Corona trifft Russland jetzt mit ganzer Härte

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Nicht nur in der Moskauer Metro gilt mittlerweile Maskenpflicht, sondern in der gesamten Stadt.

(Foto: dpa)

Lange sah es so aus, als ob die Corona-Krise Russland nicht so massiv treffen würde wie andere Länder. Doch das ändert sich nun. Mittlerweile haben nur noch die USA mehr Infizierte. Der Wirtschaft droht der Zusammenbruch und auch für Putin hat das Folgen.

Im März sagte Wladimir Putin noch, Russland stehe in der Corona-Krise viel besser da als andere Länder. Doch mittlerweile muss der Präsident mitansehen, wie das Virus sich rasant zwischen Moskau und Wladiwostok ausbreitet. Die Fallzahl ist auf nun 232.000 hochgeschossen, wie eine Berechnung der Nachrichtenagentur AFP ergab. Damit hat das riesige Land Großbritannien (223.000) und Spanien (228.000) überholt. Nur noch in den USA wurden mit 1,3 Millionen Fällen mehr Infizierte registriert.

Seit mehr als einer Woche kommen jeden Tag mehr als 10.000 Neuinfektionen hinzu. An diesem Dienstag meldeten die Behörden fast 11.000 neue Fälle - laut den russischen Behörden liegt das vor allem an einer Ausweitung der Tests. Die offizielle Zahl der Todesopfer mutet dabei überraschend gering an. Gerade einmal 2116 Tote stehen in der Statistik zu Buche.

*Datenschutz

Dies hat allerdings weniger mit dem guten Gesundheitssystem als vielmehr mit der Zählweise zu tun. Während in Deutschland wie in anderen Ländern jeder Tote in die Statistik eingeht, der positiv auf das Virus getestet wurde, ist das in Russland anders. Dort muss die Todesursache direkt mit dem Coronavirus in Verbindung stehen, also etwa eine Lungenentzündung, um in die offizielle Statistik aufgenommen zu werden, wie die Fachzeitschrift "Foreign Policy" berichtet. Örtliche Medien meldeten allerdings auch Fälle, bei denen als Todesursache Lungenentzündung angegeben wurde, obwohl der Verstorbene positiv auf Corona getestet worden war. Laut der "Novaja Gaseta" könnte die Zahl der Toten nach westlichen Maßstäben dreimal höher liegen.

Schritt für Schritt aus dem Lockdown

Trotz der steigenden Fallzahlen werden seit diesem Dienstag die seit Ende März geltenden Beschränkungen des öffentlichen Lebens schrittweise gelockert. Putin hatte in einer TV-Ansprache gesagt, dies geschehe vorsichtig und "Schritt für Schritt". Der russische Präsident sprach von einem langen und schwierigen Prozess. Der Lockdown in Moskau soll aber weitgehend fortbestehen, in der russischen Hauptstadt sind besonders viele Fälle registriert worden. Vergangene Woche lag dort die Zahl der Infizierten bei 100.000. Der Bürgermeister Sergej Sobjanin sagte allerdings, er gehe von dreimal so vielen Fällen aus. Moskau, die größte Stadt Europas, hat 11,5 Millionen Einwohner. Insgesamt dürfen in Moskau wieder eine halbe Million Menschen arbeiten gehen.

Dabei gilt nun eine Pflicht, neben Mund- und Nasenschutz auch Handschuhe zu tragen. Getragen werden muss der Schutz in öffentlichen Verkehrsmitteln, Supermärkten und an sonstigen Orten, wo viele Menschen zusammenkommen - also auch am Arbeitsplatz. Aber auch im Moskauer Gebiet und anderen Regionen des Riesenreichs mit hohen Infektionszahlen ist das neue Regime vorgeschrieben. Wer gegen die Tragepflicht verstößt, dem drohten Strafen zwischen 4000 und 5000 Rubel (50 bis 60 Euro).

"Moskau ist nicht New York, und das im positiven Sinne", schrieb der Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, Peter Teschendorf vergangenen Dienstag in der Fachzeitschrift Internationale Politik und Gesellschaft. Die Lage scheine noch beherrschbar, trotz Überlastungserscheinungen. Ganz anders sehe es in den ländlichen Gebieten aus, wo die Zahl der Krankenhäuser und des medizinischen Personals in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen sei.

Putins Beliebtheit auf Rekord-Tief

Die Corona-Krise bringt auch die ohnehin von Sanktionen und niedrigem Ölpreis gebeutelte Wirtschaft ins Schwanken. Bis zu 70 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen drohe der Bankrott, so Teschendorf. Die angekündigten Hilfen blieben hinter den Aufwendungen westlicher Staaten zurück. Besonders werde die Krise die Armen treffen. 13,5 Prozent der Bevölkerung habe weniger als das Existenzminimum von 150 Euro im Monat zur Verfügung. Am Montag kündigte die Regierung an, dass jedes Kind zwischen 3 und 16 Jahren eine Zahlung von umgerechnet 125 Euro bekommen solle. Kleinere Unternehmen sollen steuerlich entlastet werden. Putin bekräftigte auch Zuschläge für medizinisches Personal, nachdem es Beschwerden über nicht ausgezahlte Hilfe gegeben hatte.

Damit reagiert der Kreml auch auf wachsende Kritik am Präsidenten und seiner Regierung. Putin kam laut dem einzigen unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstitut Lewada nur noch auf Zustimmungsraten von 59 Prozent, ein historisches Tief, wie die "Moscow Times" berichtet. Bislang sei der schlechteste Wert 61 Prozent gewesen, der im Juni 2000 und im November 2013 gemessen worden war. Putin werde dafür kritisiert, zu wenig zu tun, um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern. Aus dem Kreml hieß es, man vertraue diesen Zahlen "nicht vollständig".

Unter den Infizierten in Russland sind auch mehrere Regierungsmitglieder: Nach Regierungschef Michail Mischustin machten vergangene Woche auch Bauminister Wladimir Jakuschew und Kulturministerin Olga Ljubimowa eine Corona-Infektion öffentlich. An diesem Dienstag wurde bekannt, dass sich auch der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, angesteckt hat.

Quelle: ntv.de, vpe mit AFP/rts/dpa