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Die Einsatzkräfte am Breitscheidplatz brachten alle Verletzten, die eine Operation benötigten, innerhalb von eineinhalb Stunden in Krankenhäuser.
Die Einsatzkräfte am Breitscheidplatz brachten alle Verletzten, die eine Operation benötigten, innerhalb von eineinhalb Stunden in Krankenhäuser.(Foto: picture alliance / Michael Kappe)
Dienstag, 19. Dezember 2017

Einsatzleiter bei Amri-Anschlag: "Da dachte ich: Jetzt ist es passiert"

Seit 25 Jahren arbeitet Brandoberrat Thomas Kirstein bei der Berliner Feuerwehr. Als am 19. Dezember 2016 ein Terrorist einen Lkw in einen Weihnachtsmarkt steuert, ist Kirstein einer von zwei Einsatzleitern. Im Gespräch mit n-tv.de blickt Kirstein zurück.

Brandoberrat Thomas Kirstein war einer der Einsatzleiter der Feuerwehr am Anschlagsort.
Brandoberrat Thomas Kirstein war einer der Einsatzleiter der Feuerwehr am Anschlagsort.

n-tv.de: Herr Kirstein, als Sie heute vor einem Jahr zu einem Großeinsatz am Berliner Breitscheidplatz geeilt sind: Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Thomas Kirstein: Wir wussten zunächst nur von mehreren Schwerverletzten. Die haben wir typischerweise bei Messerstechereien. Ich kenne Berlin gut. Ich habe überlegt: City West, da könnte es einen Streit vor einem Club gegeben haben oder zwei Banden sind aufeinander losgegangen. An einem Montagabend ist das aber untypisch. Da dachte ich: "Jetzt ist es passiert."

Sie wussten schon, dass ein Mann mit einem Lkw in die Menge auf dem Weihnachtsmarkt gefahren war?

Nein. Der andere Einsatzleiter vor Ort brüllte in den Funk "Mehrere Tote, mehrere Schwerverletzte, schickt alles, was ihr könnt." Ich dachte, die sind jetzt mit der Kalaschnikow einmal über den Weihnachtsmarkt gegangen. Mir persönlich war immer klar: Es ist nicht die Frage, ob Berlin Ziel eines Anschlags wird. Die Frage ist nur wann.

Mit welchem Gefühl haben Sie sich dann dem Anschlagsort genähert?

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Die ersten Notrufe kamen um 20:04 Uhr. Ich kam als zweiter Einsatzleiter um 20:28 an. In den zehn Minuten Fahrt von der Feuerwache aus habe ich auf dem Tablet geguckt, ob es schon Liveticker gibt. Aber da stand noch nichts. Wir gehen immer mit Respekt vor der Aufgabe in einen Einsatz. Aber das war anders.

Wieso?

Wir sehen im Alltagsgeschäft viele schlimme Dinge. Etwa bei Bahnunfällen oder bei Verkehrsunglücken. Aber diesmal waren die schlimmen Dinge so gebündelt. Es gab so viele Schwerverletzte. Und der große Unterschied ist: Da wollte jemand ganz bewusst möglichst viele Leute töten.

Was war noch anders?

Sicher auch die Unsicherheit. Bei einem Kellerbrand kennen wir die Gefahren, lose Kabel oder eingelagerte Gasflaschen. Gehen wir in eine brennende Wohnung, sind wir darauf vorbereitet, über einen Verstorbenen zu stolpern. Aber hier wussten wir nicht, was passiert. Man muss ja heutzutage mit allem rechnen.

Auch mit einem sogenannten Second Hit, einem Anschlag auf die Rettungskräfte?

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Richtig. Vielleicht saß da ja auch die ganze Zeit ein Schütze auf einem Dach und hatte es auf die Rettungskräfte abgesehen. Aber wir können in solchen Situationen nicht darauf pochen, erst die Sicherheitslage abzuklären. Wir funktionieren, wir arbeiten.

Die Ruhe in der City West an dem Abend fiel auf. Alles schien ganz routiniert abzulaufen.

Ich kann mich an Einsätze erinnern, bei denen es deutlich hektischer zuging. Wo gebrüllt wurde. Auf dem Breitscheidplatz dagegen hätte man nach dem Anschlag eine Stecknadel fallen hören können. Es war wirklich erstaunlich.

Wie liefen die Rettungsarbeiten ab?

Die ersten eintreffenden Rettungskräfte sichten die Opfer. Das ist die große Herausforderung: Durchzugehen und auch die Schwerverletzten erst einmal liegenzulassen. Sie nur zu markieren für die nachrückenden Kräfte, um dann zu sagen: "Da, da und da ist jemand." Aber nur so geht es und das üben wir ja auch immer wieder.

Was passierte nachdem sich die ersten Rettungskräfte einen Überblick verschafft hatten?

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Die Verletzten wurden in ein Feuerwehr-Zelt gebracht. Dort bekamen sie Infusionen, wurden noch einmal priorisiert und in der entsprechenden Reihenfolge binnen Minuten abtransportiert. Unter eineinhalb Stunden hatten wir alle Verletzten auf einem OP-Tisch liegen. Das wäre nur in wenigen anderen Großstädten und Ballungszentren so möglich gewesen. Besser hätte es gar nicht laufen können.

Doch für elf Überfahrene und den erschossenen Lkw-Fahrer Lukasz U. kam jede Hilfe zu spät.

Ohne ins Detail gehen zu wollen: Das sind schon dramatische Szenen gewesen. Da sind auch Menschen in unserem Beisein gestorben. Die waren am Anfang noch ansprechbar und dann ...

Spielte es eine Rolle, dass vor Berlin schon andere europäische Großstädte Ziel eines Terroranschlags waren?

Ja, wir haben von den Erfahrungen der Rettungskräfte in Brüssel, London und Paris profitiert. Nach jedem Anschlag haben wir dort nachgefragt: "Wie habt ihr das gemacht?" Im Nachgang der Attentate in Frankreich haben wir für jeden Rettungswagen fünf Tourniquets angeschafft. Das sind Abbindesysteme aus der Kriegsmedizin, eine Art Manschette mit Knauf. Damit kann man schwere Blutungen an Armen und Beinen stoppen. Die haben an diesem Abend mit Sicherheit manches Menschenleben gerettet.

Und als alle Verletzten versorgt waren?

Haben wir die Leichen geborgen. Erstmals sind aber an diesem Abend die Rettungskräfte nach Einsatzende nicht in ihre Heimatwachen zurückgekehrt. Es waren 150 Einsatzkräfte vor Ort und wir wollten verhindern, dass die wieder in alle Richtungen gehen. Deswegen haben sich alle in der Wache in Moabit getroffen, wo der Hof groß genug ist für alle Fahrzeuge.

Wie war da die Stimmung?

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Das waren schon besondere Eindrücke, insbesondere für die, die als erste durch diese Schneise gegangen sind. Wir hatten vier oder fünf Leute vom Einsatznachsorgeteam in Moabit. Das sind Feuerwehrleute mit seelsorgerischer Ausbildung. Auch der Landesbranddirektor kam zur Wache. Der hat gesagt: "Wir schnaufen jetzt alle durch, Leute. Ich möchte in den nächsten vier Wochen auch nicht hören, das und das hätte besser laufen können. Ihr habt einen super Job gemacht."

Gab es noch weitere Gespräche, um die Bilder vom Breitscheidplatz zu verarbeiten?

Ja, zwei Tage später haben wir dann ein sogenanntes Debriefing gemacht. Das war freiwillig, aber es sind trotzdem fast hundert Einsatzkräfte gekommen. Das Einsatznachsorgeteam hatte dafür zusätzlich Kollegen aus Brandenburg und Hamburg angefordert. Nach hundert Tagen gab es dann noch ein Treffen.

Wie wurden diese Gesprächsangebote von den Feuerwehrleuten angenommen?

Seit 20 Jahren haben wir das Einsatznachsorgeteam. Das ist etabliert. Aber es gibt immer noch welche, die sagen: "Das geht schon irgendwie. Ich setze mich mit einem Kollegen zusammen oder mit einem Freund."

Und wie ist die Stimmung heute? Haben die beteiligten Rettungskräfte den Einsatz verarbeitet?

Jetzt zum Jahrestag poppt es bei vielen nochmal auf. Klar, man zieht Bilanz nach einem Jahr. Das ist logisch. Aber ich habe auch von vielen beteiligten Kollegen gehört: So, jetzt ist es gut.

Auch bei Ihnen?

Ich glaube, man kann nie sagen, das ist jetzt abgeschlossen. Aber bei mir ist es okay. Ich kann ganz normal am Breitscheidplatz vorbeifahren. Aber ich hatte daran zu knabbern. Die Ursache für das ganze Leid war einfach eine andere. Ich habe diesen Einsatz für mich intensiver nachbearbeitet als jeden anderen in meinen mehr als 25 Jahren bei der Feuerwehr. Wir haben einige Dutzend Kollegen, die weiter Gesprächsangebote nutzen, um das Erlebte aufzuarbeiten. Aber den meisten geht es gut.

Die Terrorgefahr ist ein Jahr später nicht vorbei. Sie und Ihre Kollegen müssen auf einen ähnlichen oder schlimmeren Einsatz gefasst sein.

Wir leben in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Es kann jeden Tag passieren. Ich habe Szenarien vor Augen, die möchte ich nicht erleben. Ich hatte vor einer Weile in einer Einsatzleiter-Schicht wieder eine Meldung mit den Stichworten "LKW, Menschenmenge, Gendarmenmarkt". Da gingen mir auch eine Menge Dinge durch den Kopf. Dann habe ich gesagt: "Naja, dann machen wir es halt. Dann wuppen wir das."

Mit Thomas Kirstein sprach Sebastian Huld

Quelle: n-tv.de