Politik

Interview mit Gustav Gressel "Darum muss Russland diesen Krieg verlieren"

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Raketenwerfer und Z-Symbol, die Insignien des neuen russischen Imperialismus.

(Foto: IMAGO/SNA)

Nicht nur Deutschland, der gesamte Westen müsse jetzt "jeden Stein umdrehen und sehen, was man machen kann, damit die Ukraine diesen Krieg gewinnt", fordert der Militärexperte Gustav Gressel im Interview mit ntv.de. Die Idee, man müsse Putin eine "gesichtswahrende Lösung" bieten, hält Gressel für absurd. "Wenn wir das tun, zeigen wir Putin, dass wir Angst vor ihm haben, dass Gewalt und Einschüchterung zum Erfolg führen, dass wir ausweichen und uns der Gewalt immer fügen wollen." Denn Russland gehe es nicht nur um die Ukraine: Ziel des russischen Machthabers sei, mit militärischer Überlegenheit über Europa zu verfügen.

ntv.de: Nach russischen Angaben vom Mittwoch hat die Ukraine in 24 Stunden mehr als 480 Soldaten verloren, allein 300 Soldaten bei Kämpfen um die Stadt Swjatohirsk im Kessel im Donbass. Wie lange kann die Ukraine diesen Krieg noch durchhalten?

Gustav Gressel: Das hängt in immer größerem Ausmaß vom Westen ab, zumindest was das Material angeht. Die ukrainische Rüstungsindustrie ist weitestgehend zerstört. Schwere Waffen und Munition können nur mehr aus dem Westen kommen. Die Balten, Polen und Tschechien wachsen bei den Waffenlieferungen über sich hinaus, aber sonst herrscht noch zu viel Zurückhaltung. Dass gerade die Staaten, die am ehesten von einer russischen "Vergeltung" betroffen wären, am meisten liefern, zeigt, dass die Furcht im Westen völlig unbegründet ist.

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Gustav Gressel ist Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR). Er ist Experte für Russland und Osteuropa, Militärstrategie und Raketenabwehr.

(Foto: ECFR)

Bei seinem Besuch in Litauen hat Bundeskanzler Scholz gesagt, Deutschland sei einer der "wichtigsten militärischen Unterstützer" der Ukraine. Stimmt das?

Das ist teilweise richtig: Deutschland liefert viel Gerät, beziehungsweise hat einiges zugesagt. Allerdings wird Deutschland auch daran gemessen, was es als wirtschaftsstärkster EU-Staat liefern könnte, und da ist noch deutlich Luft nach oben. Die Zusage, das deutsche Flugabwehrsystem IRIS-T zu liefern, war ein wichtiger und richtiger Schritt, und ich bin froh, dass die Bundesregierung hier voran- und nicht hinterherläuft. Aber damit ist es nicht getan. Den Ringtausch mit Griechenland hätte man sich sparen können, der Marder wäre in der Ukraine besser aufgehoben. Wir im Westen, nicht nur Deutschland, alle, müssen jetzt jeden Stein umdrehen und sehen, was man machen kann, damit die Ukraine diesen Krieg gewinnt.

Muss der Westen Putin einen "gesichtswahrenden Ausweg" offenhalten, um ein Ende des Kriegs wahrscheinlicher zu machen?

Nein. Im Gegenteil. Wenn wir das tun, zeigen wir Putin, dass wir Angst vor ihm haben, dass Gewalt und Einschüchterung zum Erfolg führen, dass wir ausweichen und uns der Gewalt immer fügen wollen. Dann wird es schlimmer. Wenn wir hart bleiben, wenn der Krieg für Russland in einer Niederlage endet, wenn die Niederlage klar ist und innerlich schmerzhaft ist, dann wird er sich beim nächsten Mal zweimal überlegen, ob er ein Land überfällt. Deshalb muss Russland diesen Krieg verlieren.

Für wie wahrscheinlich halten Sie das Szenario eines Dritten Weltkriegs?

Wenn Russland diesen Krieg gewinnt, steht ein solcher im Raum. Noch haben sie aber nicht gewonnen.

Warum glauben Sie nicht, dass Putin mit der Ukraine zufrieden wäre? Zusammen mit Belarus hätte er zumindest das "dreieinige russische Volk" vereinigt.

Putin sieht die "Einigung" nur als Weg zum Ziel: Russland als Großmacht durch das 21. Jahrhundert zu bringen. Dafür braucht Russland aus seiner Sicht mehr Menschenmaterial. Daher auch die Trennung von ukrainischen Kindern von ihren Familien und die Adoption zur Russifizierung, die Deportation von Ukrainern nach Russland. Das ist alles Mittel zum Zweck.

Erinnern wir uns an seine Forderungen vom 17. Dezember 2021: die NATO-Osterweiterung de facto rückzubauen, halb Europa unverteidigbar zu machen und dem Westen Politikverbot für die "russische Sphäre" zu geben. Da schien das eigentliche Ziel russischer Außenpolitik durch: dominante Macht in Europa zu sein und kraft der militärischen Überlegenheit über Europa zu verfügen. Das ist das Endziel, um dies zu erreichen, muss Russland um Belarus und die Ukraine "anwachsen". Aber dabei bleibt es nicht.

Welche Folgen hätte ein Wahlsieg der Republikaner bei den Kongresswahlen in den USA im November für die westliche Position gegenüber Russland?

Die Republikaner stehen nicht geschlossen hinter Putin - selbst die, die mit Trump sympathisieren, sind sich da uneins. Für Waffenlieferungen werden sich auch nach einem republikanischen Wahlsieg Mehrheiten finden. Aber es würde viel wertvolle politische Energie in der US-Innenpolitik versickern, um die Gesundheits-, Infrastruktur- und Energiereformen von Präsident Biden irgendwie zu retten. Und politische Energie ist kein unbegrenztes Gut, man kann sie in das eine oder das andere stecken.

Die baltischen Staaten haben gefordert, der Ukraine zügig den EU-Kandidatenstatus zu geben. Wie schnell sollte das aus Ihrer Sicht gehen?

Die Frage ist, ob die Option eines ukrainischen EU-Beitritts technisch oder politisch beantwortet wird. Natürlich hat die Ukraine Reformbedarf. Aber ich sehe auch, wie der Krieg das Land verändert, wie die lokale Verwaltung plötzlich zu einer wichtigen Stütze wird, wie Bürgermeister zu zentralen Akteuren werden, wie vorher eher kritisch beäugte Institutionen wie Staatsanwaltschaften oder der Inlandsgeheimdienst nun effizient arbeiten. Das Land, das aus diesem Krieg herausgeht, wird nicht dasselbe sein, das wir vor dem Krieg kannten. Man soll nicht unterschätzen, wie schnell die Ukraine Reformen hinkriegen wird, wenn der Krieg vorbei ist. Denn erst dann, nach dem Krieg, kann es einen EU-Beitritt geben.

Mit Gustav Gressel sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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