Politik

Suche nach Vermissten in Ukraine"Das Ausmaß ist so groß, dass kein Land das allein schaffen kann"

07.02.2026, 16:04 Uhr
00:00 / 12:28
November-30-2025-Kharkiv-Kharkiv-Region-Ukraine-At-a-cemetery-in-Kharkiv-Ukrainian-soldiers-who-were-killed-following-RussiaA-a-a-s-invasion-of-Ukraine-find-their-final-resting-place-Picture-taken-November-27-2025
Auf diesem Friedhof bei Charkiw sind die meisten Gräber noch gefüllt mit den Toten des russischen Angriffskrieges. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Massengräber, verschleppte Kinder, unidentifizierte Tote: Der Krieg in der Ukraine hinterlässt schon heute Zehntausende Vermisste - möglicherweise bis zu 200.000. Es ist die höchste Zahl in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Kathryne Bomberger, Generaldirektorin der Internationalen Kommission für Vermisste (ICMP), erklärt im Interview, warum die Suche Jahrzehnte dauern könnte, warum DNA eine Schlüsselrolle spielt - und was jetzt auf dem Spiel steht.

ntv.de: Frau Bomberger, seit der russischen Vollinvasion vor bald vier Jahren gelten in der Ukraine heute mehr als 80.000 Menschen als vermisst. Der Beauftragte für Vermisste, Artur Dobroserdov, geht jedoch von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus - bis zu 200.000. Was bedeutet das für ein Land im Krieg?

Kathryne Bomberger: Das ist eine enorme langfristige Belastung. Nach internationalem und nationalem Recht ist die Ukraine verpflichtet, Vermisste zu suchen und ihr Verschwinden aufzuklären. Rechtsstaatliche Operationen in dieser Größenordnung sind extrem anspruchsvoll - und die Ukraine braucht hier Unterstützung. Das Ausmaß ist so groß, dass kein Land das allein schaffen kann - auch in finanzieller Hinsicht. Hier muss die internationale Gemeinschaft Unterstützung leisten, denn es geht letztendlich um den Wiederaufbau der Ukraine. Außerdem werden in der Ukraine auch Nicht-Ukrainer vermisst. Deutschland ist eines der Länder, die unsere Arbeit in der Ukraine unterstützen, wofür wir sehr dankbar sind.

Zur Person

Kathryne Bomberger ist eine amerikanische Expertin für internationale Beziehungen, Menschenrechte und Konfliktprävention. Seit 1998 ist sie bei der International Commission on Missing Persons (ICMP) tätig. Die Internationale Kommission für vermisste Personen - so der übersetzte Name - beschäftigt sich mit dem Schicksal von vermissten Personen nach Kriegen, Konflikten und Katastrophen und hat ihren Sitz in Den Haag, wo auch der Internationale Strafgerichtshof angesiedelt ist. Seit 2004 ist Bomberger Generaldirektorin der ICMP.

Kathryne-Bomberger-Director-General-of-the-International-Commission-on-Missing-Persons-reacts-during-an-interview-in-The-Hague-Netherlands-Friday-April-8-2022

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Wie entwickeln sich die Zahlen weltweit - und was sagt das über die Lage in der Ukraine aus?

Weltweit steigt die Zahl der Vermissten, etwa in Syrien, Kolumbien und Mexiko. Laut dem Peace Research Institute Oslo erleben wir derzeit die höchste Zahl bewaffneter Konflikte seit 1946 - eine Besserung ist nicht absehbar. Hinsichtlich der Ukraine ist wichtig zu verstehen: Als wir unsere Arbeit während des Bosnienkriegs aufnahmen, galten 40.000 als vermisst - einschließlich des Völkermords von Srebrenica. Heute sind mehr als 75 Prozent dieser Fälle aufgeklärt. Das ist also der Zeitrahmen, mit dem wir arbeiten.

Wer stellt den Großteil der Vermissten in der Ukraine - Zivilisten oder Soldaten?

Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht. Viele Massengräber, etwa in Butscha, wurden exhumiert, doch noch immer sind nicht alle Toten identifiziert. Derzeit konzentriert sich unsere Arbeit vor allem auf nicht identifizierte Soldaten, die von Russland an die Ukraine übergeben wurden - etwa 12.000 Fälle. Wir wissen nicht genau, wie viele Leichen es sind, denn sie wurden in einem entsetzlichen Zustand zurückgebracht, teils mit sichtbaren Folterspuren. In den Leichensäcken fanden sich Blindgänger, etwa Granaten, teilweise auch sterbliche Überreste russischer Soldaten. Warum, ist unklar.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit Russland?

Nun, Russland hat uns nicht eingeladen. Die Ukraine hingegen hat die Verantwortung für die Suche nach Vermissten übernommen, und wir arbeiten eng mit den zuständigen Behörden zusammen. Dafür braucht es politischen Willen - den sehe ich auf russischer Seite nicht. Zumal Russland weiterhin Menschen verschwinden lässt, wie auch der UN-Menschenrechtsbericht zeigt.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Ukraine?

Kein Land ist auf Massengräber in diesem Ausmaß vorbereitet. Das ukrainische Rechtssystem funktioniert, ist aber auf Einzelfälle ausgelegt. Jetzt müssen Tausende Fälle parallel bearbeitet werden. Die Ukraine setzt deshalb verstärkt auf DNA-Analysen. Sie ermöglichen schnelle Identifizierungen, doch erfordern ein Umdenken in der Ermittlungsarbeit. Weg von rein fallbezogenen Verfahren, hin zu einem systematischeren Ansatz - bei weiterhin enger Einbindung der Staatsanwaltschaft. Genau das empfehlen wir der Ukraine. Dafür müssen jedoch Strafprozessordnung und rechtliche Rahmenbedingungen angepasst werden. Mit diesen Reformen hat die Ukraine bereits begonnen.

Was wissen wir über die zivilen Vermissten?

Viele zivile Vermisste wurden wahllos beschossen, hingerichtet oder in provisorischen Gräbern verscharrt, die von Angehörigen gefunden wurden. Videos und Satellitenbilder belegen solche Verbrechen, etwa den Fall einer Familie, die von einem russischen Panzer trotz erhobener Hände erschossen wurde. Ihre Leichen wurden an verschiedenen Orten verscharrt, wir waren mit der Nationalpolizei vor Ort. Der Vater lag in einem anonymen Grab, die Mutter sogar 600 Kilometer entfernt. Das deutet klar auf Kriegsverbrechen hin und wird untersucht. Viele dieser Gräber sind exhumiert, aber längst nicht alle. Deshalb braucht es systematische Ausgrabungen, zentrale Datensysteme und konsequente DNA-Analysen.

Sind unter den Vermissten auch Überlebende?

Es gibt eindeutig Überlebende - etwa Kinder, die illegal nach Russland verschleppt wurden, und Zivilisten in besetzten Gebieten. Das ist die große Frage: Was werden wir dort finden? Wie viele wurden hingerichtet und liegen in provisorischen Gräbern, wie viele Kinder sind zu Waisen geworden? All das wird bei einer Einigung entscheidend sein.

Wie wirkt sich der fortlaufende Krieg auf den Prozess aus?

Ich habe noch nie erlebt, dass eine Regierung die Verantwortung für die Suche nach Vermissten während eines Krieges übernimmt. Es gibt also viele Aspekte, die in der Ukraine einzigartig sind. So gibt es vor allem bei Fragen der Vertraulichkeit einige Komplikationen. Da stehen wir vor einem Dilemma.

Warum?

Bei den Angaben zu den Opferzahlen gab es zunächst eine gewisse Zurückhaltung. Man konnte also nur raten, wie viele Menschen in der Ukraine tot oder vermisst sein könnten. Aber nun ändert sich das. Es ist gut, dass nun überprüfbare und genaue Informationen bereitgestellt werden.

Was sind Ihre aktuellen Prioritäten in der Ukraine?

Wir unterstützen beim Ausbau ihrer Systeme zur Suche nach Vermissten. Zwar gibt es eine 2018 eingerichtete Kommission, ein zentrales Register und etablierte Verfahren, doch das reicht nicht aus. Entscheidend ist eine bessere Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen. Ebenso wichtig ist eine klare Koordination zwischen den Behörden und den Familien der Vermissten. Ziel ist ein zentrales System, das alle relevanten Stellen - von der Kommission über Polizei und Generalstaatsanwaltschaft bis hin zum Gesundheitsministerium und den DNA-Laboren - vernetzt. So wird der gesamte Prozess transparenter, auch für die Familien, die den Stand der Ermittlungen online nachvollziehen können.

Wie unterstützen Sie die Familien der Vermissten?

Viele Angehörige haben rechtliche Fragen, darunter zur Wiedergutmachung sowie zu Sorgerecht und Erbansprüchen. Das ist nichts Ungewöhnliches bei bewaffneten Konflikten. In unserem Telegram-Kanal "Legal Vox" erfahren sie mehr über die rechtliche Lage. Die Ukraine benötigt aber insbesondere unsere forensische Unterstützung. Die Verwendung von DNA ist nämlich eine sehr junge Wissenschaft. Wir versuchen daher, diese Kapazitäten weiter auszubauen.

Wie sieht das konkret aus?

Es geht vor allem um technische Aspekte. Wir sind vor Ort, wenn die Leichen aus Russland eintreffen. Unsere forensischen Anthropologen und Archäologen arbeiten mit den ukrainischen Ermittlern an der Identifizierung per DNA-Analyse. Das erfordert große Sorgfalt, insbesondere bei schwierigen Fällen, wie bei verbrannten oder chemisch versehrten Leichen. Denn Russland setzt auch chemische Waffen ein. Die Leichen werden sorgfältig analysiert und Anzeichen von Trauma und Folter genau dokumentiert. Dies ist für künftige Strafprozesse von großer Bedeutung. Die Identifizierung ist aber auch wichtig, da Familien die Leiche benötigen, um ihre Rechte, darunter Erb- und Sorgerechtsansprüche, geltend zu machen.

Wie unterstützt die ICMP die Ukraine dabei?

Wir helfen beim Aufbau von Institutionen, bei der Schaffung von Gesetzen, und nutzen Satellitenbilder und OSINT-Technologien, um Tat- und Fundorte zu ermitteln, damit Beweise in Strafprozessen vorgelegt werden können. Das ist von größter Bedeutung, nicht nur im Hinblick auf den Krieg, sondern auch auf die politischen Narrative und möglichen Lügen. Letztendlich geht es aber auch darum, verantwortungsvoll mit den Daten umzugehen: Die Familien müssen darauf vertrauen können, dass ihre Referenzproben oder sonstige private Informationen respektiert und gesetzeskonform behandelt werden und die Daten niemals in staatliche Hände gelangen.

Das klingt, als ob sich die Ukraine zu einem Labor für forensische Forschung entwickelt?

Leider ja. Die Ukraine verfügt über sehr gute Wissenschaftler und DNA-Labore - insgesamt 21. Hinzu kommen mobile Labore. Wir beraten sie, wie sie effektiver und kostengünstiger werden können. Denn für eine eindeutige Identifizierung braucht man Speichel- oder Blutproben von mindestens zwei bis drei Angehörigen. Nur so erreicht man eine Übereinstimmung von 99,95 Prozent. Bei über 80.000 Vermissten bedeutet das mindestens 160.000 Referenzproben. Wir sind besorgt, dass die Ukraine dies noch nicht getan hat. Derzeit unterstützen wir sie also dabei - dafür kommen wir auch zu Angehörigen in Deutschland. Es werden auch weitere Angaben zur vermissten Person erhoben: Wie sah sie aus? Wo wurde sie zuletzt gesehen?

Reichen äußere Identifikationsmerkmale allein nicht aus?

Nein. Auch wenn Tätowierungen oder andere Merkmale vorhanden sind - man muss wissenschaftliche Methoden anwenden, insbesondere in Fällen wie dem von Srebrenica, wo Staaten die Geschehnisse leugnen. Um einen Völkermord nachzuweisen, muss man also äußerst sorgfältig vorgehen und wissenschaftliche Beweise vorlegen. Es braucht einen akribischen, streng datengestützten Prozess mit forensischen Anthropologen und Archäologen sowie DNA-Analysen. Nur so lassen sich die Beweise eindeutig mit den Taten verknüpfen.

Wie kann das am Ende zur Gerechtigkeit beitragen?

Wir haben hier viel Erfahrung aus Gerichtsverfahren. Durch die professionelle Dokumentation lassen sich tausende Fälle - etwa mit Hinweisen auf Folter, sexualisierte Gewalt oder andere Gräueltaten - gerichtsfest aufbereiten. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen und die UN leisten dabei wichtige Arbeit. Entscheidend ist, dass all diese Daten am Ende einen belastbaren Fall für Strafverfolgung und Rechenschaftspflicht ergeben.

Wie weit ist die Ukraine in diesem Prozess?

Bei 21 Laboren bereitet mir eine Frage Sorgen: Wie gut sind sie vernetzt? Schlechte Datenabgleiche können zu Fehlidentifizierungen führen - mit fatalen Folgen. Der Westbalkan hat gezeigt, wie verheerend Fehler ohne konsequente DNA-Absicherung sind. Die gesamte Region leidet bis heute darunter. Srebrenica hingegen belegt, wie stark belastbare DNA-Beweise wirken: Radovan Karadžić konnte die Taten vor Gericht nicht leugnen und wurde wegen Völkermords verurteilt. Genau das wird heute wieder entscheidend sein, um die Wahrheit zu wahren. Und das ist für uns alle, und für die internationale Ordnung, von Bedeutung.

Mit Kathryne Bomberger sprach Kristina Thomas

Quelle: ntv.de

RusslandAngriff auf die UkraineUkraineDNA