Politik

Reisners Blick auf die Front"Der Winter bietet auch Vorteile für das ukrainische Militär"

02.02.2026, 19:06 Uhr
00:00 / 08:10
In-this-photo-provided-by-Ukraine-s-65th-Mechanized-Brigade-press-service-soldiers-test-land-drones-in-Zaporizhzhia-region-Ukraine-Monday-Jan-26-2026
Die Kälte mache nicht nur den Ukrainern, sondern vor allem den russischen Feinden zu schaffen, sagt Oberst Reisner. (Foto: AP)

Kurz hält das Versprechen des Kremls an US-Präsident Trump - und Kiew wird nicht bombardiert. An anderer Stelle attackieren die Russen weiter brutal. Für die Ukrainer ist die Kälte eine Katastrophe. Für ihre Armee habe der Winter aber auch Vorzüge, sagt Oberst Reisner.

ntv.de: Am Mittwoch werden die Friedensgespräche mit russischen und ukrainischen Vertretern fortgeführt. Im Vorfeld sagte der Kreml US-Präsident Donald Trump zu, keine Energieinfrastruktur mehr zu beschießen. Wurde das eingehalten?

Markus Reisner: Ja, aber diese kurze Pause ist leider schon wieder vorbei. Bis zu Beginn der Gespräche am Mittwoch sind weitere schwere Angriffe der Russen zu befürchten. Zudem hat das kurze Innehalten der Russen nur für Kiew gegolten, die Angriffe auf andere Städte sind unvermindert weiter gegangen. Im gesamten Januar gab es jeden Tag Angriffe, meistens von mindestens 100 Drohnen. Am 20. und 24. Januar gab es die letzten schweren Angriffe mit jeweils fast 400 Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Die Feuerpause war also wieder nur eine PR-Aktion der Russen, um Trump zu beschwichtigen?

Absolut. Und bei den Verhandlungen stellt sich die Frage, inwieweit die Ukraine noch Spielraum hat. Offenbar verknüpfen die USA die Sicherheitsgarantien jetzt wieder mit der Frage des Gebietsverzichts. Die Ukraine soll aus Sicht der USA das Territorium im Donbass abgeben, erst dann bekommt sie Sicherheitsgarantien. Das ist ein Rückschritt zu vorigen Vereinbarungen, bei denen von vorbehaltslosen Sicherheitsgarantien der USA die Rede war. Trump und seine Regierung erhöhen den Druck auf Russland nicht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj versucht, auf Zeit zu spielen, weil der Winter zu Ende geht und der Druck der Russen auf die Bevölkerung dann wieder beherrschbarer wird.

Wie ist die Lage der ukrainischen Zivilbevölkerung angesichts der eisigen Temperaturen?

Die Russen versuchen die Moral der Ukrainer zu brechen. Ein befreundeter Journalist in Kiew sagte mir, dass aufgrund der Abschaltungen von Strom und Energie die Folgeschäden größer werden. Es gibt immer mehr geborstene Leitungen aufgrund gefrorenen Wassers und alltägliche Sanitäranlagen wie Toiletten funktionieren nicht mehr. Nach Angaben des Stromanbieters DTEK sind circa 70 Prozent der Energieversorgung in der Ukraine entweder zerstört oder beschädigt. Jeder neue Schlag der Russen hat verheerende Folgen. Darum hat Trump seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin gebeten, kurz innezuhalten.

Und wie beeinflusst das Wetter die ukrainische Armee?

Der Winter bietet an der Front auch Vorteile für das ukrainische Militär. Ich habe mit zwei ukrainischen Offizieren telefoniert. Der eine arbeitet in einem Brigadestab und der andere ist in einem Bataillon eingesetzt. Beide sind gerade wieder von der Front zurückgekommen. Sie sagen, die Aufklärung russischer Angriffe falle im Winter leichter, da die Bäume keine Blätter mehr tragen. Die Kälte mache nicht nur den eigenen Leuten, sondern vor allem den russischen Feinden zu schaffen und vermindere deren Kampfkraft bei Offensivanstrengungen.

Wie läuft es denn bei den russischen Offensivversuchen?

Insgesamt haben in den vergangenen Tagen die russischen Angriffe nicht nachgelassen. Besonders umkämpft ist die Region Kupjansk, die inzwischen zu etwa 90 Prozent in ukrainischer Hand ist. Die Russen schicken völlig menschenverachtend einen Trupp nach dem anderen vor, der so lange angreifen soll, bis den Ukrainern die Angriffsdrohnen ausgehen. Das Kalkül dahinter: Man schickt so lange Soldaten als Kanonenfutter, bis ein Trupp irgendwann neuen Raum gewinnen kann.

Dann wird bei den Russen also eine Patrone gegen ein Menschenleben gerechnet?

Man kann zumindest sagen: Die Russen rechnen eine First Person View Drohne gegen ein Menschenleben. Drei neue Videos aus der vergangenen Woche haben gezeigt, wie russische Soldaten sich selbst töten aufgrund der Situation, weil sie völlig verzweifelt sind in Anbetracht dieser Drohnen. Es ist absolut schrecklich.

Die russischen Truppen haben ihre Drohnen jüngst aufgemotzt, indem sie Starlink-Satellitenschüsseln auf Drohnen montiert haben. Anschließend hat Unternehmer Elon Musk Maßnahmen ergriffen, um das zu verhindern. Worum ging es dabei?

Die Russen haben die Starlink-Satellitenschüsseln auf Drohnen vom Typ BM35 sowie Molniya-2 montiert. Dadurch können Drohnen besonders weit fliegen. Das ist perfekt für schwere Angriffe auf operativer Ebene, also in die Tiefe des ukrainischen Hinterlands, weit hinter der Front. Die Ukrainer haben abgestürzte bzw. abgeschossene Drohnen am Boden analysiert und erkannt, dass diese mit Starlink geflogen sind. Anschließend hat die Ukraine Elon Musk gebeten, das zu unterbinden.

Was hat Musk gemacht?

Er hat angewiesen, dass Objekte, die im Kriegsgebiet mit einer Geschwindigkeit von mehr als 90 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, keinen Zugang mehr zum Starlink-System haben. Damit wird die Navigation für die Drohnen vom Typ Typ BM35 sowie Molniya-2 ausgeschaltet, weil diese so schnell unterwegs sind.

Laut Medienberichten schränkte Musk während einer kritischen ukrainischen Gegenoffensive im ersten Kriegsjahr 2022 in der Region Cherson die Dienste seiner Starlink-Satelliten plötzlich ein. Warum stellt sich Musk jetzt auf die Seite der Ukrainer?

Als die Starlink-Satelliten damals ausgeschaltet wurden, ging es um die Befürchtung der USA, dass die Russen den Einsatz taktischer Atomwaffen erwägen. Musk wollte damals verhindern, zu einer weiteren Eskalation beizutragen. Im Verlauf der vergangenen Kriegsjahre war Starlink immer mal wieder verfügbar und wurde dann wieder abgedreht. Im Moment ist es wieder im Einsatz. Trumps Regierung sieht in Starlink eine Chance, den Krieg nach ihrer Vorstellung zu lenken. Zwar fehlt der große Druck auf Russland, aber die USA wollen auch verhindern, dass die Ukraine von einem Moment auf den anderen zusammenbricht.

Warum spielen Drohnen auch bei den Kämpfen um Kupjansk so eine große Rolle?

Die Hotspots der Kämpfe lassen sich inzwischen daran erkennen, wo die Kriegsparteien jeweils Drohnentrupps und mit ihnen verbundene Elite-Einheiten einsetzen. Die wichtigste Drohnen-Elite-Einheit der Ukrainer heißt Magyar Birds, ihr russisches Pendant heißt Rubicon. Diese Einheiten erstellen ein Lagebild über gegnerische Truppen für anschließende Drohnenangriffe. Wenn der Gegner nach diesen Attacken ausreichend geschwächt ist, werden kleine Sturm- und Angriffstrupps am Boden ausgesendet. Das ist der Fall in Kupjansk. Es ist ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Ukraine die Russen zurückgedrängt haben und die Russen jetzt wieder am Zug sind. Russischen Truppen ist es bislang nicht wieder gelungen, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Wo toben noch heftige Kämpfe?

Die Russen versuchen gerade wieder mit kleinen Trupps aus dem Stadtgebiet von Pokrowsk heraus in Richtung Nordwesten vorzurücken. Im Donbass wurde die Stadt Siwersk bereits vor ein paar Wochen eingenommen. Von dort aus versuchen russische Truppen Richtung Slawjansk und Kramatorsk vorzustoßen. Auch bei Sumy und nördlich von Charkiw toben Kämpfe. Die Russen versuchen die Einnahme des Waldgebiets nördlich von Sumy, um von dort aus die Stadt angreifen zu können. Man kann erkennen, das der Druck der Russen trotz des kalten Winters kaum nachgelassen hat.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

MilitärRusslandMilitäreinsätzeDonald TrumpAngriff auf die UkraineUSADrohnenUkraine-KonfliktUkraine