Politik

Thunberg-Talk bei Anne Will "Das ist kein Streik, sondern Schuleschwänzen"

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Talkthema bei Anne Will: Streiten statt Pauken. Ändert die "Generation Greta" die Politik?

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

25.000 Schüler gehen am Freitag in Berlin gegen die Klimapolitik auf die Straße - angeführt von der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg fordern sie die Regierenden zum schnelleren Handeln auf. Die Aktivistin gibt auch Anne Will ein Interview. In der Runde wird Klartext wie selten gesprochen.

Der Blick auf die Gästeliste von Anne Will am Sonntagabend war schon vielversprechend. Grünen-Überflieger Robert Habeck und Wolfgang Kubicki von der FDP waren da, dazu noch der ZDF-Wissenschaftsjournalist und Professor Harald Lesch - allein mit diesen dreien ließen sich viele Themen unterhaltsam beackern. Diesmal sollte es aber um den Klimawandel gehen. Einen Anlass dafür bräuchte es angesichts der Dringlichkeit der Lage nicht, es gab aber einen: den Besuch der Schwedin Greta Thunberg in Deutschland.

Am Freitag demonstrierte sie mit 25.000 Schülern in Berlin gegen das ihrer Meinung nach zu zögerliche Vorgehen der Politik. Thunberg saß nicht selbst in der Runde, hatte aber Anne Will ein Interview gegeben, von dem ein Zusammenschnitt gesendet wurde. Im Studio diskutierte dann die Dortmunder Studentin Therese Kah (Jahrgang 2000) mit, die auch bei den "Fridays for Future"-Demos mitmarschiert. Reiner Haseloff war ebenfalls nach Berlin gekommen. Als studierter Physiker, Mitglied der Kohlekommission, Ministerpräsident eines Bundeslandes (Sachsen-Anhalt) und CDU-Mann schien er der perfekte Gast zu sein.

Etwa zehn Minuten dauerte das Gespräch, das Will vor der Sendung mit Thunberg aufgezeichnet hatte. Die Entschlossenheit und Klarheit der jungen Frau dürfte viele Zuschauer beeindruckt haben. Sie begann ganz allein mit dem Schulstreik, setzte sich vors schwedische Parlament und verlangte, dass die Politiker ihren Klimaprotest ernst nehmen. Jetzt gehen weltweit bis zu 1,5 Millionen Schüler an Freitagen auf die Straße - Thunberg, übrigens Autistin mit Asperger-Syndrom, ist ihr Idol geworden. Die Fakten veranlassten sie zum Handeln, sie könne nicht anders. "Ich sehe die Dinge schwarz-weiß", sagte sie zu Will. "Man lebt entweder nachhaltig oder nicht."

Streik oder schlichtes Schuleschwänzen?

Wenn man Dinge schwarz-weiß malt, dann hat man es natürlich auch leicht. Die Welt lässt sich wunderbar einfach in Gut und Böse unterteilen. Doch ganz so einfach ist es dann in der Realität meist nicht. Das wurde auch in der Sendung deutlich: Kubicki sagte etwa, man könne nicht morgen einfach alle Kraftwerke abschalten, das gehe in einem Rechtsstaat nicht. Studentin Kah hatte ihm da gerade vorgeworfen, die Politiker redeten doch nur und täten nichts. Andererseits - beim Klimawandel geht es nun wirklich um alles. Es geht um die Lebensgrundlagen der Menschheit, da sollte ein bisschen Schwarz-Weiß-Malerei schon erlaubt sein, um Druck auf die Politiker zu machen.

Zu Beginn der Sendung ging es aber erstmal um etwas ganz anderes. Will wollte wissen, ob es überhaupt in Ordnung sei, dass die jungen Leute einfach nicht zur Schule gingen. Eine gegenüber schmelzenden Polkappen und sich ausbreitenden Wüsten eine etwas kleinkariert wirkende Frage, andererseits auch berechtigt - denn immerhin gilt ja Schulpflicht in Deutschland. Haseloff meinte in seiner Rolle als Landesvater, man könne ja auch an einem anderen Tag demonstrieren. Kubicki sagte, es handele sich gar nicht um einen Streik, sondern um Schuleschwänzen. Die volle Unterstützung bekamen die Schüler dagegen von Habeck und Lesch. Der Grüne sagte, die jungen Leute gingen auf die Straße, weil sie in der Schule so gut aufgepasst hätten. Lesch versicherte, er wäre auch Professor geworden, wenn er freitags nicht zum Unterricht gegangen wäre. Angesichts der Klimakatastrophe müssten noch viel mehr Schüler demonstrieren gehen.

Kubicki zeigte sich da zurückhaltend. Er sei bei apokalyptischen Darstellungen immer skeptisch, sagte er. Haseloff meinte, er habe den sauren Regen erlebt, das Loch in der Ozon-Schicht und doch sei Deutschland heute so sauber wie noch nie - womit er maximal das Industriezeitalter gemeint haben konnte. Ein berechtigter Punkt: Manch ein Weltuntergangsszenario ist so nicht eingetreten - die Ozonschicht hat sich wieder regeneriert und das in den 1980er-Jahren befürchtete Waldsterben ist ausgeblieben. Auch wegen erfolgreicher Umweltpolitik. Haseloff räumte aber ein, dass das, was heute in Deutschland in Sachen Klimaschutz geschehe, nicht genug sei.   

Schadet Klimaschutz unserem Wohlstand?

Ein gutes Beispiel dafür, wie Klimaschutz-Politik in Deutschland abläuft, ist der Kohlekompromiss. Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Umweltschutz setzten sich an einen Tisch, um im Konsens den Ausstieg aus der Kohle zu planen. Spätestens 2038 soll nun das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen - was Kah mit recht fassungslosem Kopfschütteln quittierte.

Haseloff verteidigte den Plan. Dass das im Konsens gelungen sei, sei anzuerkennen. Man müsse auch die Stabilität des Systems im Auge behalten. Er sei in den Kohlerevieren gewesen, wo die AfD Direktmandate geholt hatte. Und überhaupt auch die Stabilität der Volkswirtschaft dürfe man nicht aus den Augen verlieren. "Wo sollen wir die Energie hernehmen?", fragte er. Vor allem, wenn man aus Kohle und Atomenergie gleichzeitig aussteigen wolle.

Von da war es nicht weit zur Frage, ob Klimaschutz und eine starke Wirtschaft ein Gegensatz sind. Haseloff ließ sich in diese Richtung interpretieren - nicht zu Unrecht, zumindest kurzfristig. Denn Klimaschutz bedeutet natürlich erstmal höhere Kosten für Unternehmen und Verbraucher. Doch auch Habeck hatte recht - langfristig gesehen. Er sagte, dass zu wenig Klimaschutz mit größter Sicherheit zu Wohlstandsverlust führe. "Wir müssen die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, sonst werden wir Getriebene wie in dystopischen Science-Fiction-Filmen sein", sagte er. Der "dümmliche Gegensatz" von Klimaschutz und Wohlstand sei ein Rückfall in die Sechzigerjahre.

Es war eine gelungene Sendung. Man konnte sehen, wie der Idealismus der Schüler auf die Realität der Politik trifft. Kah sagte: "Wir kommen nicht weiter, wenn die Politik so tut, als ob wir mit dem Pfad, den wir eingeschlagen haben, einfach so weitermachen können. Das stimmt nämlich nicht." Will hatte die Sendung mit der Frage überschrieben, ob der Klimaprotest die Politik verändert. Das tut er wohl nicht, wobei ein bisschen Druck von der Straße bestimmt nicht schadet. Und da scheinen sich alle einig zu sein. Selbst Kanzlerin Angela Merkel hat die Proteste begrüßt - obwohl sie sich doch angesprochen fühlen müsste. Allerdings lauert genau da die Gefahr. "Das Schlimmste, was einem als Demonstrant passieren kann, ist, wenn alle zustimmen", sagte Professor Lesch. "Dann brechen die Demonstranten irgendwann unter dem Schulterklopfen zusammen."

Quelle: n-tv.de

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