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Alle Daten, alle Fakten Die Wahl in Großbritannien im Überblick

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Die Zeichen stehen auf Brexit: Die Konservativen unter Premier Boris Johnson liegen bei der Parlamentswahl überraschend deutlich vorn.

(Foto: picture alliance/dpa)

Unerwartet deutliche Ergebnisse in Großbritannien: Bei der Parlamentswahl gehen die Johnsons Konservativen überraschend klar als Gewinner hervor. Das Lager der Brexit-Befürworter erringt die absolute Mehrheit. Johnson spricht von einem "machtvollen Mandat".

Die Entscheidung ist gefallen: Bei der vorgezogenen Neuwahl zur Neubesetzung des Londoner Unterhauses haben die britischen Konservativen einen unerwartet deutlichen Wahlsieg eingefahren. Damit können die Tories unter der Führung von Premier Boris Johnson den geplanten Ausstieg aus der Europäischen Union einleiten.

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Johnsons Conservative Party errang nach Auszählung von mehr als 640 der insgesamt 650 Wahlkreisen am Morgen mindestens 350 Sitze und damit die absolute Mehrheit im Unterhaus. Die entscheidende Schwelle, ab der Johnson im Parlament ohne Koalitionspartner auskommen wird, liegt bei 326 Sitzen. Der Brexit, so scheint es, ist damit für die Opposition nicht mehr aufzuhalten.

Schon in den ersten Prognosen nach Schließung der Wahllokale gegen 22 Uhr Ortszeit (23.00 Uhr MEZ) hatte sich eine überwältigende Mehrheit für die Tories abgezeichnet. Dreieinhalb Jahre nach dem knappen Votum im Referendum der Briten zum EU-Austritt steht dem Brexit nun zumindest im britischen Parlament nichts mehr im Wege.

Die politische Landkarte Großbritanniens leuchtet am Morgen nach dem Wahl im tiefen Blau der Tories auf:

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Für die oppositionelle Labour-Partei entwickelte sich die Wahl dagegen zu einer massiven Enttäuschung. Für die britischen Sozialdemokraten dürfte es zu nicht viel mehr als 203 Sitzen gereicht haben. Die Partei verlor selbst eine Reihe ihrer traditionellen Hochburgen an die Tories. Labour steuert auf das schlechtestes Ergebnis seit 1935 zu. Labour-Chef Jeremy Corbyn kündigte seinen Rückzug an. Er werde seine Partei nicht mehr in eine Wahl führen, sagte er.

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Als zweiter Wahlsieger bei der Unterhauswahl entpuppten sich die schottischen Nationalisten. Die Scottish National Party (SNP) unter Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon verzeichneten kräftige Stimmgewinne und kontrollieren künftig fast 50 Sitzen im Londoner Parlament. Sturgeon nutzte das Ergebnis, um erneut für ein zweites Unabhängigkeits-Referendum zu werben. "Boris Johnson mag ein Mandat haben, England aus der EU zu führen", sagte sie Sky News. "Er hat aber ausdrücklich kein Mandat, Schottland aus der EU zu führen. Schottland muss über sein Schicksal selbst bestimmen."

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Ein kurzer Blick auf den Koalitionsrechner zeigt, wie die Mehrheitsverhältnisse im britischen Unterhaus voraussichtlich aussehen. Wenn es bei den Konservativen keine Abweichler in Einzelfragen gibt, kann Johnson künftig mit einer komfortablen Mehrheit durchregieren:

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Boris Johnson selbst sprach am Morgen von einer "historischen Wahl". Seine Partei habe "ein mächtiges neues Mandat gewonnen, um den Brexit durchzuziehen, erklärte er. Der seit vergangenem Sommer als Nachfolger der glücklosen Theresa May amtierende Premier wollte die vorgezogene Neuwahl kurz vor Jahresende nutzen, um sich im britischen Unterhaus endlich eine stabile Mehrheit für das von ihm angestrebten Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union zu verschaffen.

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Der unerwartet deutliche Wahlsieg hebt sich deutlich von dem Stimmungsbild ab, das Meinungsforscher in den Tagen und Wochen vor der Wahl ermittelt hatten. Gestützt auf die Umfrageergebnisse vor der Wahl wurden Johnson und seiner Partei lediglich ein Vorsprung von 28 Sitzen prophezeit.

Johnson will Großbritannien erklärtermaßen bis Ende Januar aus der EU führen. Im Falle eines Wahlsiegs werde er bis Weihnachten sein Brexit-Abkommen durch das Parlament bringen, berkäftigte der Spitzenkandidat der Tories im Wahlkampf. Bei der Vorstellung des Wahlprogramms der Konservativen stellte Johnson zugleich Milliardeninvestitionen in Aussicht.

Erste Reaktionen an den Märkten

Im Devisenhandel reagierten Investoren schnell: Bereits mit dem Eintreffen der ersten Prognose zum Wahlausgang kurz nach Schließung der Wahllokale zog das britische Pfund steil an. Zum Dollar stieg das Pfund zeitweise sogar auf den höchsten Stand seit Mai 2018.

Britisches Pfund / Dollar
Britisches Pfund / Dollar 1,31

Mit der absoluten Mehrheit für Johnson haben die Wähler in Großbritannien die Weichen für einen raschen Brexit gestellt. Nach dem Willen des Premiers soll Großbritannien pünktlich zum Ablauf der - zwischenzeitlich mehrfach verlängerten - Brexit-Frist zum 31. Januar "draußen" sein, wie er es selbst bei einem seiner Wahlkampfauftritten formulierte.

Johnsons Herausforderer Jeremy Corbyn von der oppositionellen Labour-Partei war in der Brexit-Frage bis zuletzt unscharf geblieben. Im Wahlkampf setzte er dafür auf ein breitgefächertes Bündel an politischen Vorhaben und Maßnahmen: Er warb unter anderem mit dem Versprechen eines Mietendeckels um Stimmen. Die Mieten sollten künftig nicht stärker steigen als die Inflationsrate, und Vermieter sollten hart bestraft werden, wenn sie minderwertige Wohnungen vergeben, kündigte Labour an.

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Das Wahlprogramm der britischen Sozialdemokraten enthielt weitere radikale Ansätze. Im Fall eines Wahlsiegs für Labour wollte Corbyn unter anderem die Wasser- und Energieversorgung sowie das Eisenbahnnetz verstaatlichen, einen Mindestlohn von 10 Pfund pro Stunde einführen und jährlich 150.000 neue Wohnungen bauen - finanziert über eine Steuererhöhung für Unternehmer und Großverdiener. Entsprechend groß waren die Sorgen bei Investoren, die im Fall eines Wahlsiegs von Labour mit einem deutlichen Linksschwenk in Großbritannien hätten rechnen müssen.

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Die ersten Ergebnisse aus den Wahlkreisen trafen etwa eineinhalb Stunden nach Schließung der Wahllokale ein: Im Verlauf der Nacht füllte sich dann die Wahlkreiskarte nach und nach mit den Parteifarben der jeweiligen Kandidaten. In Blau tauchen Wahlkreise auf, in denen der Parlamentssitz an die Konservativen geht. Die Farbe Rot steht für Labour.

Das britische Mehrheitswahlsystem bringt bei Unterhauswahlen einige Besonderheiten mit sich: In der langen Nacht nach dem Wahltag lag das Hauptaugenmerk auf den Ergebnissen aus den 650 Wahlkreisen, da hier die Entscheidung über die Sitzverteilung im Unterhaus, dem House of Commons, fällt. Anders als etwa in Deutschland werden die Sitze im britischen Parlament damit nicht anhand der landesweit erreichten Prozente der jeweiligen Parteien ermittelt. Die Zahl der Wahlkreise deckt sich mit der Anzahl der zu vergebenden Unterhaus-Mandate.

Éntscheidend waren die Ergebnisse aus den sogenannten Constituencies: Den jeweiligen Sitz im Wahlkreis bekommt derjenige Kandidat, der vor Ort die meisten Stimmen auf sich vereinen kann. Beobachter hatten sich daher schon im Vorfeld auf eine lange Wahlnacht in Großbritannien vorbereitet: Die ersten Prognosen bezogen sich auf die aus den Nachwahlbefragungen abgefragten Stimmungsbildern unter Wählern, anhand derer die wahrscheinliche Sitzverteilung im Unterhaus ermittelt wurde.

Quelle: ntv.de, asc/mmo/AFP/dpa/rts