Wackelt die Hochburg Kansas?Demokraten nehmen furiosen Jahrhundert-Coup gegen Trump ins Visier

Die Republikaner müssen bei den anstehenden Kongresswahlen inzwischen sogar um Senatssitze in ihren Hochburgen fürchten. In Kansas hat der Kandidat der Trump-Partei mit ungeliebten politischen Maßnahmen des US-Präsidenten zu kämpfen, was den Demokraten in die Hände spielt.
US-Präsident Donald Trump ist auf großer Rettungsmission für seine Partei. Am Abend weilt der Republikaner für einen Auftritt in Kansas. Nahe Wichita will Trump seine Kandidaten für die Midterms am 3. November unterstützen. Denn in dem zutiefst roten Bundesstaat bahnt sich für den Wahltag eine große Überraschung an: Ein Demokrat könnte einen Senatssitz erobern.
In Umfragen liegt der demokratische Herausforderer Adam Hamilton gleichauf mit dem Amtsinhaber Roger Marshall. In einzelnen Befragungen liegt der Republikaner sogar leicht zurück. Ein ungewohntes Bild für Kansas. Der "Sunflower State" hat seit fast 100 Jahren nur Republikaner als Senatoren nach Washington entsandt.
Demokraten haben in dem US-Bundesstaat traditionell kaum Siegchancen. Bei den beiden jüngsten Senatswahlen lagen die republikanischen Kandidaten mit rund 23 und 11 Prozentpunkten Vorsprung deutlich vorn. Trump selbst gewann den Bundesstaat bei der Präsidentschaftswahl gegen Kamala Harris mit 16 Prozentpunkten Vorsprung. Kansas ist kein traditioneller Swing State, in dem Demokraten und Republikaner je nach politischer Großwetterlage die Oberhand haben. Kansas ist ein eindeutiger "Red state", republikanisches Stammland. Dass sich die Ausgangslage in diesem Jahr anders darstellt, ist auf mehrere für die Demokraten günstige Faktoren zurückzuführen.
Mit Adam Hamilton tritt der Gründer einer der größten methodistischen Kirchen des Landes für die Demokraten an. Etwa 24.000 Menschen gehören der 1990 gegründeten Gemeinde an. Der Kandidat ist über die Parteibasis hinaus durch TV-Übertragungen von Predigten bekannt.
Trump wettert gegen "linken Verrückten"
Hamilton selbst präsentiert sich als klassische gemäßigte Stimme, als Absage an die Polarisierung zwischen den beiden Parteien. "Mir hat jemand gesagt: 'Ich will niemanden, der Brücken baut, ich will jemanden, der die Republikaner vernichtet", so der Demokrat bei einer Wahlkampfveranstaltung in der vergangenen Woche. "Aber die Sache ist die: Wenn man das in einem Bundesstaat will, in dem nur 25 Prozent der Bevölkerung Demokraten sind, wird ein solcher Kandidat niemals gewählt werden."
Die Republikaner stellen den Demokraten in ihrer Kampagne als "zu woke" dar. Hamilton sei die "radikalste liberale Person", die jemals eine Vorwahl in Kansas gewonnen habe, beschrieb der Republikaner Marshall seinen Kontrahenten bei einem Wahlkampfauftritt. Hamilton werde die landwirtschaftlichen Betriebe sowie die Öl- und Gasindustrie in Kansas zerstören, sollte er gewählt werden. Ein Ausschnitt aus einer Predigt, in welcher Hamilton sich dafür ausspricht, weniger Fleisch zu essen, dient als Beleg und wird in TV-Spots verbreitet. Zudem werfen ihm die Republikaner vor, einen jahrzehntealten Missbrauchsskandal in der eigenen Kirche vertuscht zu haben, was Hamilton bestreitet und wofür es keine Belege gibt. Auch US-Präsident Trump dämonisiert Hamilton auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social als "radikalen linken Verrückten", der versuche, einen der "besten und respektiertesten" Senatoren aus dem Amt zu drängen.
Der republikanische Kandidat in Kansas versucht, sich als konservative Stimme für den Bundesstaat zu positionieren und wurde 2020 erstmals in den US-Senat gewählt. In den vergangenen Monaten sorgten aber wiederholt Wahlkampfpannen für Schlagzeilen. Sein Wahlkampfteam verwendete ohne Genehmigung Bilder eines Campingplatzes in Kansas oder bezahlte eine Rechnung bei einer örtlichen Bäckerei über sechs Jahre nicht. Erst als die Forderung öffentlich bekannt wurde, wurde diese beglichen. Marshall entschuldigte sich dafür zwischenzeitlich.
Zollpolitik und Spritpreise sorgen für Ärger
Marshall, der zuvor als Gynäkologe tätig war, soll zudem einem Bericht der "New York Times" zufolge zwischen 1998 und 2019 gegen Hunderte ehemalige Patienten vorgegangen sein, die ihre Rechnungen nicht bezahlen konnten. Dutzende wurden vorübergehend sogar festgenommen, weil sie ihre Schulden nicht begleichen konnten.
Die Auswirkungen der politischen Agenda Trumps sind in Kansas belasten den Wahlkampf des Senators enorm. Für Unzufriedenheit sorgte in dem landwirtschaftlich geprägten Bundesstaat die Zollpolitik des Weißen Hauses. Die wichtigsten Exportländer sind dabei die US-Nachbarländer Kanada und Mexiko. Trump nahm beide in seinem Handelskrieg ins Visier. Als Reaktion folgten Gegenzölle, die die Farmer belasten. Zudem verteuerte sich der Import von landwirtschaftlichen Maschinen durch den Handelskonflikt.
Im laufenden Jahr hinterlässt zudem der Iran-Krieg seine Spuren: Die gestiegenen Preise für Treibstoff erschweren den republikanischen Wahlkampf. Nach Angaben eines Agrarökonomen der Kansas State University lag der Dieselpreis im September etwa 2,25 Dollar je US-Gallone über dem Niveau von Jahresbeginn. Für einen beispielhaften Betrieb mit rund 810 Hektar veranschlagte er dadurch etwa 20.000 Dollar zusätzliche Treibstoffkosten. Den Aufpreis können die Landwirte jedoch nicht einfach auf den Verkaufspreis addieren, weil sie bei Mais, Soja oder Weizen weitgehend die Marktpreise akzeptieren müssen.
Hinzu kommen noch die Preissteigerungen bei Düngemitteln und der von Trump im August angekündigte temporäre Zollerlass für bestimmte Rindfleischimporte. Trump verkaufte die Maßnahme als Erleichterung angesichts der hohen Lebenshaltungskosten. Für die Landwirte bedeutet es dagegen: mehr Konkurrenz.
Der US-Präsident verspricht Stunden vor seiner Ankunft in Kansas eine "große Kundgebung" zur Unterstützung der örtlichen Republikaner. Angesichts seiner Zwischenbilanz nach nicht einmal zwei Jahren im Amt erscheint es hingegen fraglich, ob ein Auftritt Trumps wirklich eine Hilfe ist. Der von ihm hochgelobte MAGA-treue Roger Marshall ging in den letzten Wochen bereits bei einzelnen Themen auf Distanz. Ein Sieggarant ist der US-Präsident in Kansas nicht mehr.

