Politik

Gauland an AfD-Spitze Der "Flügel" bekommt, was er will

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Der Wunschkandidat des "Flügels" neben Jörg Meuthen: Alexander Gauland.

(Foto: dpa)

Beim Parteitag in Hannover präsentiert die AfD das Bild einer Partei, die sich in der Mitte der Gesellschaft einfinden will. So, wie es im Parteiprogramm steht. Bis es um die Frage der Macht geht.

Alexander Gauland wirkt erschöpft. Mit leiser Stimme erklärt er der Presse, warum er sich hat wählen lassen. Es habe kein eindeutiges Ergebnis gegeben, es gehe darum, die Einheit der Partei zu bewahren, es dürfe keine Spaltung geben. "Ja, dann mache ich es jetzt". Wenige Minuten zuvor hatten ihn die 553 Delegierten zum Ko-Parteivorsitzenden neben Jörg Meuthen gemacht. Und diese Wahl stand diametral dem Bild entgegen, das dieser Parteitag vor der Abstimmung gezeichnet hatte. Bei allen Brüchen und Lagerkämpfen, die dem Parteiinnenleben der AfD nachgesagt werden, ist sie in einer Sache konsequent: ihrer Unberechenbarkeit.

"Einen Showdown wie in Essen wird es hier nicht geben", kündigte Parteichef Jörg Meuthen bei seiner Eröffnungsrede an. Und lange sah es auch nicht danach aus. Vergangene Woche waren Berichte aufgekommen, wonach Gauland sich einen Job als Bundessprecher vorstellen könne. Bestätigen wollte er das nicht. "Warten wir es ab", war seine Ansage. Im kleinen Kreis hatte man sich offenbar geeinigt, dass eine Kandidatur klug wäre. Während des Parteitages dann hieß es, dass Gauland doch nicht will. "Wenn nichts Unvorhersehbares passiert", werde er nicht kandidieren, sagte der 76-Jährige. Aber: "Warten wir es ab".

Gauland steht für Offenheit nach rechts und gilt als Protegé des rechten "Flügels", wie sich der erzkonservative Kreis um den Thüringer Landeschef Björn Höcke und Sachsen-Anhalts Fraktionsführer André Poggenburg nennt. Gauland als Parteivorsitzender neben Meuthen war die Wunschvorstellung der beiden. Die Berichte über die mögliche Kandidatur lösten im vorhinein Glücksgefühle aus. Ganz im Gegensatz zu der Nachricht, dass auch der Berliner Landeschef Georg Pazderski kandidieren werde. Pazderski steht im gemäßigten Lager, für Pragmatismus, baldige Regierungsverantwortung - und für ein "Ja" zum Parteiausschlussverfahren gegen Höcke.

Pazderski und Meuthen - nicht gut für die Ultrarechten

Der Tag wollte zunächst kein glücklicher werden für das Lager rechtsaußen. Ganz zu Beginn des Parteitages wagt Höcke den Stimmungstest und wirbt für eine Rede des niedersächsischen Landesvorsitzenden Armin Paulus Hampel. Keine wichtige Sache - aber wie werden die Delegierten auf seine Ansprache reagieren? Das sei eine Tradition und die gelte es als Konservative zu bewahren, argumentiert er mit dröhnender Stimme. Kein Glück: Der Antrag kommt nicht durch. Besondere Beachtung bekommt er nicht.

Auch ein Antrag, der die sofortige Abstimmung über ein Ende des Parteiausschlussverfahrens gegen Höcke auf die Tagesordnung gesetzt hätte, wird nicht angenommen. Im Interview mit n-tv.de hatte Höcke dieses Szenario zwar als "Freispruch zweiter Klasse" bezeichnet. Dass die Delegierten darüber jedoch nicht abstimmen wollen, drückt nicht aus, dass jetzt schnell Gras über die Sache wachsen soll.

Am Mittag dann verbreitet sich der Bericht, wonach Gauland doch nicht antritt. Meuthen und Pazderski gelten plötzlich als gesetzt. "Na, dann sollte doch alles klar sein", raunt es durch die Ränge der Presse. Im "Flügel" ist die Stimmung durchwachsen: Pazderski werde sich dann bewähren müssen, heißt es von einem Vertreter aus Thüringen. Höcke, der zunächst von den Gerüchten nichts wissen will, räumt schließlich ein: Pazderski müsse die Fehler der Vergangenheit einsehen, etwa das Parteiausschlussverfahren gegen ihn, dann werde das schon irgendwie klappen.

Meuthen, demnächst als Abgeordneter in Brüssel geographisch weit weg, ist zwar einer, der den "Flügel" als integralen Bestandteil bezeichnet und mal Gast auf dessen Kyffhäuser-Treffen war. Aber doch ist er keiner, der aktiv für die ultrakonservativen Werte des Lagers wirbt. Und Georg Pazderski? Ein Karrierist mit militärischer Vorgeschichte und entsprechenden Hierarchievorstellungen. Hat Werbung für das Ausschlussverfahren gegen Höcke gemacht und sucht den zügigen Anschluss an das übrige Parteienspektrum - Regierungsverantwortung. Mit dieser Konstellation sieht es nicht gut aus für das rechte Lager.

Überraschungskandidatin räumt ab

Dann kommt es zur Abstimmung: Nach Rückzug eines Kandidaten steht für den ersten Posten nur noch Meuthen zur Wahl. Rund drei Viertel stimmen für ihn. Zweiter Posten: Pazderski tritt an und ein Name, mit dem kaum jemand gerechnet hat: Doris von Sayn-Wittgenstein, die Landesvorsitzende aus Schleswig-Holstein, die dem "Flügel" nahesteht. Pazderski leistet in seiner Bewerbungsrede Überzeugungsarbeit: Er stehe für alle Strömungen der AfD. Leiser Applaus aus dem "Flügel".

Und dann wendet sich das Blatt an diesem Parteitag. Erst ganz langsam, dann schlagartig. Doris von Sayn-Wittgenstein hat sichtlich nervös ihre Rede begonnen. Doch spätestens als sie davon spricht, dass die "Deutschen immer dann am stärksten waren, wenn sie einig waren", löst sich ein Begeisterungssturm. "Doris, Doris", skandieren die Delegierten. Sie spricht von General de Gaulles Vorstellung vom Europa der Vaterländer und davon, dass die Deutschen, ihrer Ansicht nach "ein spirituelles Volk", nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden dürften, wenn sie ihre "Heimatliebe" mit Volkstanzgruppen zum Ausdruck bringen wollten. Der "Flügel" tobt.

Die Kräfte, die ganz rechts in der AfD liegen, beweisen ein weiteres Mal, wie groß ihr Einfluss ist. In zwei Wahlgängen kann sich Pazderski nicht gegen Sayn-Wittgenstein durchsetzen. Es ist knapp, aber es reicht nicht. Eine Pattsituation entsteht und Gauland, Meuthen, Sayn-Wittgenstein, Pazderski ziehen sich ins Hinterzimmer zurück. Es verschwinden die Namen der beiden Kandidaten, die fast gleichauf liegen, von der Liste und auch sonst will niemand antreten. Gauland ist der einzige Name, der noch an die Monitore projiziert wird. 67,8 Prozent. "Ja, ich nehme die Wahl an." Gauland und Meuthen sind gewählt.

Und nachdem Alexander Gauland in der Pressekonferenz erschöpft und mit leiser Stimme erklärt, warum er es jetzt macht, betont Jörg Meuthen, wie falsch die Einschätzung über Risse und Lagerkämpfe in der Partei doch sei. Natürlich gebe es unterschiedliche Lager, wie in jeder Partei. Aber im Kern sei die AfD vereint. Das glaubt ihm hier niemand. Der "Flügel" hat bekommen, was er wollte. Gegen Pazderski wurde kurzfristig eine Gegenkandidatin aufgestellt, die in der Lage war, ihn zu verhindern. Die Überraschungskandidatin spricht den Ultrakonservativen aus der Seele und kippt das Führungsduo Meuthen-Pazderski. Am Ende bleibt Gauland keine Wahl, er regelt das. Oder wie er sagt: "Ja, dann mache ich es jetzt."

Quelle: ntv.de