Politik

Schutz von Europas InselstaatDer Iran treibt Zypern in die Nato - die Türkei lehnt ab

12.03.2026, 16:14 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Der Einschlag einer iranischen Drohne befeuert die Nato-Diskussion in Zypern. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Der Iran-Krieg macht sich in Europa längst nicht nur an der Tankstelle bemerkbar. Auf einem britischen Militärstützpunkt in Zypern schlägt vergangene Woche eine Shahed-Drohne ein. Der europäische Inselstaat ist alarmiert - und streitet über die ausländische Militärpräsenz und den Schutzschirm der Nato.

Vergangene Woche Montag erreicht der Nahost-Konflikt Zypern. Eine iranische Drohne schlägt auf der Mittelmeerinsel ein. Sie trifft den britischen Militärstützpunkt Akrotiri. Zwei weitere Drohnen - ebenfalls auf dem Weg in Richtung Zypern - werden erfolgreich abgefangen. Ermittlungen ergeben, dass die Drohnen aus dem Libanon abgefeuert wurden. "Höchstwahrscheinlich" sei die Hisbollah-Miliz für die Angriffe verantwortlich, heißt es aus zypriotischen Regierungskreisen.

Niemand kommt zu Schaden. Die Drohne vom Typ Schahed hinterlässt nur geringfügige Schäden, schlägt in einen Hangar ein und hinterlässt ein Loch in der Seitenwand. Dennoch ist Zypern alarmiert. Und mit dem Inselstaat der ganze Rest Europas. Zypern gehört zur EU und hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne. Für diesen Monat waren Sitzungen von Ministern der jeweiligen Regierungen auf der Insel geplant. Sie sollen entweder verschoben werden oder online stattfinden. 

Zum Schutz der Insel entsendete Griechenland unmittelbar nach dem Drohnenangriff zwei Fregatten und vier F16-Kampfjets nach Zypern. Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und Deutschland beteiligen sich ebenfalls. Am Montag traf die deutsche Fregatte "Nordrhein-Westfalen" im Hafen von Limassol ein - das Schiff legt jedoch nur einen Zwischenstopp ein. Die Fregatte ist auf dem Weg zum UN-Libanon-Einsatz im Mittelmeer und macht kurzfristig Halt in Zypern.

Sollte Zypern Hilfe brauchen, werde Deutschland aber zu einem Militäreinsatz bereit sein, sagte Bundesaußenminister Johann Wadephul Anfang der Woche bei einem Treffen mit seinem Amtskollegen Konstantinos Kombos. "Wenn es notwendig ist, und unsere Freunde aus Zypern werden uns mitteilen, wenn dies der Fall ist, ist Deutschland bereit, sich zu engagieren. Aber vorläufig sind wir der Ansicht, dass das Engagement unserer Freunde aus den anderen europäischen Ländern im Mittelmeerraum das ist, was derzeit erforderlich ist."

Zypern seit 52 Jahren geteilt

Zypern ist ein geteiltes Land. Die griechischstämmigen Zyprioten leben im etwas größeren Südteil der Insel, der Republik Zypern. Der kleinere Norden wird von der Türkei kontrolliert. In der Türkischen Republik Nordzypern leben türkischstämmige Zyprioten. Der Norden ist anders als der Süden kein anerkannter Staat, sondern völkerrechtlich Teil der Republik Zypern. Allerdings hat die Regierung seit über einem halben Jahrhundert keine Kontrolle über das Gebiet.

Die Türkei besetzt den nördlichen Teil Zyperns seit 1974. Im damaligen Sommer putschten griechischstämmige Offiziere die Regierung von Erzbischof Makaraios III. aus dem Amt und hievten für einige Tage den griechisch-nationalistischen Politiker Nikos Sampson auf den Präsidentenstuhl. Wenige Tage später griff die Türkei ein, landete im Norden der Insel und weitete ihre Intervention wenig später deutlich aus, obwohl Sampson und die griechische Militärregierung acht Tage nach dem Putsch wieder gestürzt waren.

37 Prozent der Gesamtfläche Zyperns stehen seit mittlerweile 52 Jahren unter türkischer Kontrolle. Zwischen den beiden Landesteilen befindet sich seit 1974 eine von den UN kontrollierte Pufferzone. Die Hauptstadt Nikosia ist seitdem eine geteilte Stadt.

"Wer Zypern angreift, greift Europa an"

Zypern ist kein Nato-Mitglied, aber Teil der Europäischen Union. "Wer Zypern angreift, greift Europa an", sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einem Besuch der Insel Anfang dieser Woche. Die Verteidigung sei eine europäische Angelegenheit und von grundlegender Bedeutung. Frankreich werde zum Schutz mehrere Fregatten, Hubschrauber und einen Flugzeugträger ins östliche Mittelmeer schicken.

Nicht erst seit dem Drohnenangriff der Hisbollah ist Zypern ein stark militarisierter Ort. Großbritannien, bis 1960 Kolonialmacht in Zypern, unterhält gleich zwei Militärbasen auf der Insel. In Akrotiri in der Nähe der großen Hafenstadt Limassol im Süden und in Dekelia im Osten, direkt an der Grenze zum türkisch-kontrollierten Teil Zyperns.

Beide Stützpunkte sind offiziell britische Überseegebiete. Deshalb sieht die zyprische Regierung in dem Drohnenangriff keinen Angriff auf das eigene Land, sondern einen Angriff auf einen britischen Stützpunkt. Zypern sei nicht in den Iran-Konflikt verwickelt, sagt die zyprische Regierung. Sie ist bemüht, den Nahost-Krieg nicht ins eigene Land zu transportieren, denn das Land lebt vom Tourismus und möchte verhindern, dass Urlauber die Insel aus Angst verlassen oder gar nicht erst betreten.

Demo gegen britische Militärbasen

Allgemein wird die britische Militärpräsenz auf Zypern gemischt betrachtet. Die Basen sind seit Jahren Streitthema. Am Wochenende gab es in der Hauptstadt Nikosia eine Demonstration gegen die Basen. Ein paar Hundert Teilnehmer forderten die Briten zum Rückzug auf. "Genauso wie wir von der türkischen Regierung besetzt sind, sind wir auch vom Vereinigten Königreich besetzt", zitiert die BBC eine Demonstrantin. "Allein ihre Anwesenheit macht uns zu einem größeren Ziel", sagt eine andere Demonstrantin.

Das britische Verteidigungsministerium teilte gegenüber der BBC mit, dass die Militärstützpunkte eine "entscheidende Rolle spielen für die Sicherheit britischer Bürger und unserer Verbündeten im Mittelmeerraum und im Nahen Osten". Ministerpräsident Keir Starmer gab außerdem den USA die Erlaubnis, die britischen Stützpunkte für Defensivoperationen im Krieg gegen den Iran zu nutzen. "Wir werden diesen Schutzschild über der britischen Bevölkerung in der Region und unseren Verbündeten aufrechterhalten."

Nato-Beitritt? "Wäre natürliche Entwicklung"

Doch wer schützt Zypern? Diese Frage stellen sich auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Insel. Nicht wenige sagen: Der russische Angriff auf die Ukraine zeigt deutlich, dass die EU dies trotz blumiger Worte von Frankreich und Deutschland im Zweifelsfall nicht kann. Dafür braucht man die USA an seiner Seite.

Könnte der Iran-Krieg dafür sorgen, dass Zypern sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt und in die Nato eintritt? Zuletzt machte sich der einflussreiche Politiker Margaritas Schinas dafür stark. Ein Nato-Beitritt würde die "Aussichten auf Stabilität erheblich verbessern", sagte der frühere Vizepräsident der Europäischen Kommission. Es sei "der richtige Zeitpunkt dafür". Zypern sei derzeit "das einzige Nicht-Nato-Land an der Front dieser geopolitischen Turbulenzen".

Der amtierende zyprische Präsident Nikos Christodoulides hatte schon Ende vergangenen Jahres einen Nato-Beitritt als "natürliche Entwicklung" bewertet. "Wenn es möglich wäre, würden wir sogar morgen einen Antrag einreichen", sagte der Präsident dem griechischen TV-Sender Skai.

Doch es gibt einen gewaltigen Haken: Über neue Mitglieder muss die Nato einstimmig entscheiden - und die Türkei legt ihr Veto ein. Ankara erkennt die Republik Zypern nicht an, fordert zunächst eine Lösung im Zypern-Konflikt. Die Türkei will eine Zweistaatenlösung, die zypriotische Regierung dagegen setzt auf eine Wiedervereinigung beider Landesteile.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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