Politik
Andrew Brunson lebt seit den 90er Jahren in der Türkei - 2016 wird er verhaftet.
Andrew Brunson lebt seit den 90er Jahren in der Türkei - 2016 wird er verhaftet.(Foto: AP)
Dienstag, 14. August 2018

Wer ist Andrew Brunson?: Der Mann, der das Türkei-Beben auslöste

Von Judith Görs

Lange rumort es unter der Oberfläche. Nun tritt der Konflikt zwischen Washington und Ankara offen zutage. Von einem "Wirtschaftskrieg" ist die Rede, der nicht nur Börsianer nervös macht. Und Auslöser für all das soll ein Provinzpastor sein. Wer ist dieser Mann?

Andrew Brunson ist ein unscheinbarer Kerl. Bürstenhaarschnitt, graue Schläfen, unter der randlosen Brille: ein dösiger Blick. Wer Fotos des 50-jährigen US-Amerikaners aus der Zeit vor seiner Verhaftung sieht, denkt unwillkürlich an Bundfaltenhosen und Bibelabende. Sieht so ein Spion im Dienste einer transnational-religiösen und subversiven Bewegung aus? Seit dem 7. Oktober 2016 befindet sich Brunson in Gewahrsam der türkischen Polizeibehörden - zunächst eingesperrt in eine Gefängniszelle mit 17 anderen angeblichen Staatsfeinden und seit einigen Wochen unter Hausarrest. Der Mann aus einem 8000-Einwohner-Örtchen in North Carolina soll am Putsch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Juli 2016 beteiligt gewesen sein. Wegen der Terrorvorwürfe drohen ihm 35 Jahre Haft.

Norine Brunson verlässt am 7. Mai 2018 nach einer Anhörung das Gefängnis in Aliaga.
Norine Brunson verlässt am 7. Mai 2018 nach einer Anhörung das Gefängnis in Aliaga.(Foto: REUTERS)

Informationen über das Befinden Brunsons lieferte während der fast zweijährigen Inhaftierung vor allem dessen Frau Norine, die an jenem folgenschweren Oktobertag 2016 zwar ebenfalls festgenommen, aber nach knapp zwei Wochen in der Harmandali Haftanstalt in Izmir ohne Auflagen wieder freigelassen wurde. Das Paar hat drei Kinder. Immer wieder beklagte Norine anschließend die Haftbedingungen: Ihrem Mann sei eine Bibel in der Zelle verweigert worden, er habe stark an Gewicht verloren und werde von Mithäftlingen bedrängt, zum Islam zu konvertieren. Brunson war vor seiner Festnahme 20 Jahre lang Pastor der protestantischen Auferstehungsgemeinde in Izmir. Sie zählt gerade einmal 25 Mitglieder.

Der Prozess gegen den US-Amerikaner wurde über Monate verschleppt. Erst im April dieses Jahres startete eine erste, 13-stündige Anhörung im westtürkischen Aliaga. Brunson wies vor Gericht alle Anklagepunkte zurück. Sein Anwalt forderte seine Freilassung - ohne Erfolg. Die Anklage stützt sich unter anderem auf die Aussagen zweier anonymer Zeugen, die behaupten, Brunson habe militante kurdische Aktivisten unterstützt. Einen von beiden nannte das Gericht Serhat. In der Videoaufnahme von seiner Befragung wurden Gesicht und Stimme des Zeugen verfremdet. Serhat sagt, Brunson sei eine Art "religiöser Arm" der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK - noch ein Vorwurf neben der angeblichen Spitzeltätigkeit für den islamischen Prediger Fethullah Gülen.

Zeugen ohne Gesicht

Der US-Pastor habe Waffentransporte an Kämpfer in Syrien und der Türkei organisiert, behauptet Serhat weiter. Mehrmals während der Befragung räumt er jedoch ein, dass er diese Informationen nicht aus erster Hand erhalten hat - er habe nur davon gehört. Mehrere weitere Zeugen, laut Brunson ihm völlig Unbekannte, legten vor Gericht durch ihre Schilderungen nahe, der 50-Jährige plane einen christlichen Kurdenstaat. Der US-Pastor wies das zurück. "Ich glaube an die territoriale Einheit der Türkei und unterstütze sie", sagte Brunson während der Anhörung in fließendem Türkisch. "Und ich vergebe denen, die lügen und falsches Zeugnis über mich ablegen."

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Was im Atheistenohr etwas klebrig klingen mag, ist genau so gemeint. Brunsons tiefe Religiosität spielt durchaus eine Rolle vor Gericht, auch wenn das Missionieren in der Türkei nicht unter Strafe steht. Brunson ist der Sohn zweier Missionare - Pam und Ron Brunson, die ihrer Kirche selbst lange Jahre im Ausland dienten; etwa in Mexiko und Pakistan. Mitte der 90er Jahre zieht es den Sohn samt Familie in die Türkei. Sie leben ein ganz normales Leben. "Draußen grillen, Picknicks, schwimmen, Spieleabende und Kino", sagt Brunsons Schwester, Beth Herman, dem "Guardian". Anders als Ehefrau Norine, die auf Facebook immer wieder zu Gebeten für ihren Mann aufruft, hält sich Brunsons Familie mit öffentlichen Appellen jedoch zurück. Wohl auch aus Angst, sie könnten ihm damit einen Bärendienst erweisen.

Stattdessen scheint es nun ausgerechnet der US-Präsident zu sein, der mit seiner Hau-drauf-Politik eine baldige Freilassung des Pastors schwieriger gemacht hat. Erst im April dieses Jahres - anderthalb Jahre nach der Festnahme Brunsons - war Donald Trump das Schicksal des Pastors überhaupt einen Tweet wert. Trotzdem ging er gleich in die Vollen. "Sie nennen ihn einen Spion, aber ich bin eher ein Spion als er", schrieb Trump. Im Juli verschärfte er den Ton noch einmal. Brunson sei eine Geisel der Türkei und müsse freigelassen werden. Und schließlich ließ er seinen Vize Mike Pence Ende Juli eine offene Drohung aussprechen. "Lassen Sie Pastor Andrew Brunson sofort frei", sagte er in Richtung Ankara. "Oder bereiten Sie sich darauf vor, die Konsequenzen zu tragen."

"Ein guter Christ"

Kurz darauf verkündete Trump die Verdopplung der Importzölle auf Stahl und Aluminium und schickte die Lira auf Talfahrt. Erdogan reagierte jüngst mit dem Boykott von US-Elektronik - und spricht offen von einem "Wirtschaftskrieg". "Es ist schade, dass Ihr einen Pastor Eurem strategischen Nato-Partner vorzieht", ätzte der türkische Präsident. Doch nicht nur Brunson dürfte sich mittlerweile fragen, ob es in dem Streit tatsächlich noch um seine Freilassung geht. Immerhin ist er nicht der einzige US-Amerikaner in türkischer Haft. Auch Ismael Kul, früher Chemieprofessor in Pennsylvania, wurde im August 2016 im Türkeiurlaub verhaftet. Erst im Januar kam er frei. Seitdem gilt für ihn eine Ausreisesperre.

"Als US-Bürger wünsche ich mir, dass der Präsident auch unsere Namen zur Sprache bringt", sagte Kul Ende Juli in einem Interview dem US-Sender NBC - und meinte damit nicht nur sich selbst, sondern alle inhaftierten Amerikaner mit türkischen Wurzeln und muslimischem Glauben. "Trump hat gesagt, Brunson sei ein guter Christ. Und dass seine Familie ihn braucht", erklärte Kul dem Sender. "Sind wir denn schlechtere Menschen? Brauchen uns unsere Familien nicht?". Einem Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats zufolge setzt sich die Trump-Regierung "weiterhin für eine schnelle Rückkehr aller unrechtmäßig im Ausland festgehaltenen US-Bürger" ein - Pastor Brunson eingeschlossen.

Doch Erdogan erwartet eine Gegenleistung: Offen kritisierte er die Weigerung der USA, den im Exil in Pennsylvania lebenden Fethullah Gülen an die Türkei auszuliefern. Auch die Unterstützung der syrischen Kurden durch das US-Militär ist ihm ein Dorn im Auge. Auf der anderen Seite blicken die Vereinigten Staaten mit Sorge auf die Annäherung zwischen Ankara und Moskau. Vordergründig blockiert der US-Senat derzeit wegen der Causa Brunson die Lieferung von F-35-Kampfjets an die Türkei. Doch weit mehr Kopfschmerzen bereitet den USA, dass Erdogan zugleich das russische S-400-Raketenabwehrsystem kaufen will, das auch gegen die US-Jets eingesetzt werden kann. Dass sich Russland im Zollstreit auf die Seite der Türkei geschlagen hat, tut ein Übriges zur Atmosphäre des Misstrauens.

Auch Brunson mag erkannt haben, dass er in dieser Gemengelage lediglich ein Rädchen im ratternden Getriebe ist. Sein Anwalt hat laut Reuters zuletzt erneut die Aufhebung des Hausarrests und des Reiseverbots beantragt. Zugleich forderte er das Gericht auf, "jede rechtswidrige politische Intervention durch die Aufhebung der Kontrollvorschriften zu unterbinden". Eine Entscheidung soll innerhalb einer Woche fallen. Doch eine Woche kann lang sein für jemanden, der zum Mittelpunkt eines politischen Kräftemessens geworden ist.

Quelle: n-tv.de