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Der 11. September und die Folgen "Der Terror breitet sich immer weiter aus"

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Der 11. September traf die USA im Kern.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor 15 Jahren erschütterten die Anschläge auf die USA die Welt. Doch die US-Regierung und ihre Verbündeten reagierten falsch, sagt Terror-Experte Rolf Tophoven im Interview mit n-tv.de. Er ist sich sicher: Der Terror wird uns noch lange begleiten.

n-tv.de: Am 11. September 2001 schreckten die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon die Welt auf. Was war das Besondere an ihnen, dass sie zu so einer Zäsur in der Geschichte wurden?

Rolf Tophoven: Die Anschläge trafen die USA, die stärkste Militärmacht der Welt, ins Herz. Sie waren geradezu militärisch geplant und präzise ausgeführt, die Vorgehensweise der Attentäter war völlig neu. Erstmals trat hier das Phänomen des Suizid-Selbstmordanschlags in einer wirklich großen Dimension zutage. Und erstmals war die Welt mit radikal-islamischem Terrorismus, religiös unterfüttert, konfrontiert, dem sogenannten Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen. Bis dahin gab es vor allem ethnischen Terrorismus und linksextremistischen Terrorismus wie etwa durch die RAF.

Die USA und ihre Verbündeten haben damals schnell reagiert und sind in Afghanistan und im Irak einmarschiert. Inzwischen wissen wir: Ihre Strategie war nicht erfolgreich. Welche Fehler haben sie gemacht?

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Rolf Tophoven ist Direktor des "Instituts für Krisenprävention" in Essen. Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Phänomen des Terrorismus.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Der große Fehler war, zu früh, bereits 2002, den Großteil der Truppen aus Afghanistan abzuziehen, besonders die Spezialkräfte, um den Irak-Krieg vorzubereiten. Die politische Situation war da in Afghanistan noch längst nicht stabilisiert. Die Terrororganisation Al-Kaida wurde dort zwar besiegt, aber die Taliban gingen in den Untergrund und destabilisieren ihr Land inzwischen wieder. Dann begann George W. Bush 2003 den unsäglichen Krieg im Irak – ohne klare Beweise, dass Machthaber Saddam Hussein chemische, biologische und nukleare Waffen besaß. Der Krieg endete mit der Niederlage der irakischen Armee und der Tötung von Saddam Hussein, aber es keimte schon damals der Widerstand gegen die US-Besatzung im Irak auf. Als die Amerikaner 2011 abzogen, formierte Al-Kaida sich neu im Irak und wurde dann noch getoppt vom sogenannten Islamischen Staat.

War der Krieg in Afghanistan überhaupt nötig?

Eine Weltmacht wie die USA konnte es sich nicht erlauben, im eigenen Land so massiv angegriffen zu werden. US-Präsident George W. Bush musste reagieren, und eine andere Reaktion als eine militärische war zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich. Das Problem ist nur: Einen Krieg zu führen und in ein Land einzumarschieren, ist leichter, als am Ende eine Exit-Strategie zu finden. Und ein großer Fehler war, zu glauben, mit westlich demokratischen Ansätzen eine Gesellschaft zu reformieren, die von Ethnien und Stammesclans bestimmt ist. Den USA und ihren Partnern fehlte das völkerpsychologische sensible Element, um dieses Land zu befrieden.

Wie stark hat die Terrorgefahr seit dem 11. September 2001 zugenommen?

Der Terror breitet sich immer weiter aus. Nach dem 11. September gab es andere verheerende Großanschläge: unter anderem in Madrid, London, Paris, Brüssel, Nizza. Und nun ist der Terror zwar in einer kleineren Dimension auch in Deutschland - in Würzburg und Ansbach - angekommen. Schlimmere Anschläge waren aber zuvor schon verhindert worden. Derzeit haben wir zwei konkurrierende militant-islamistische Terrororganisationen. Al-Kaida ist nicht mehr führend, sondern der Islamische Staat, der noch brutaler und dynamischer ist, um seine Ziele durchzusetzen. Trotz militärischer Rückschläge gelingt es ihm immer wieder, sich neu aufzustellen und neue Kämpfer zu rekrutieren. Der Terror zielt heute nicht nur auf die USA, sondern auf die ganze westliche freie Welt und auf prowestlich orientierte arabische Staaten. Es gibt neue Terrorzentren in Europa und im Nahen und Mittleren Osten, heute ist das Internet eines der wichtigsten operativen Instrumentarien des Terrors – zur Propaganda, Rekrutierung und Finanzierung. Inzwischen steht die terroristische Kleinzelle im Vordergrund, die einsamen Wölfe, die sich das Logo IS aufpappen. Einen zweiten 11. September werden wir allerdings vermutlich nicht mehr erleben – das ist personell und strategisch zu aufwändig.

Wie lässt sich der neue Terror überhaupt wirkungsvoll bekämpfen?

Wenn wir immer wieder nach einem Terroranschlag über neue Gesetze sprechen, dann sind das zum Teil sehr reflexartige Reaktionen des Staates auf die terroristische Gefahr. Letztlich ist der Kampf gegen den Terror mehr als eine Frage des Militärs, der Polizei und der Geheimdienste. Natürlich ist es auch richtig, die Sicherheitskräfte technisch und personell aufzurüsten. Aber ein entscheidendes Moment in der Terrorbekämpfung liegt in der Prävention. Es ist wichtig, zum Beispiel junge Muslime daran zu hindern, in die Radikalität abzugleiten. Da ist die Gesellschaft gefordert. Und doch gibt es keinen Königsweg, um weitere Anschläge zu verhindern. Terrorismusbekämpfung ist wie ein Marathonlauf - nur ohne Ziellinie. Terror lässt sich nicht verhindern. Wir werden noch lange mit ihm leben müssen.

Mit Rolf Tophoven sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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