Politik

Polizei zeigt sich vorbereitet Der Terror ist längst Routine

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Die Polizei sperrte in der Nacht schwerbewaffnet das Areal um die Gedächtniskirche ab.

(Foto: REUTERS)

Es ist eine der wenigen guten Nachrichten nach dem Terroranschlag in Berlin. Die Behörden können vielleicht nicht jedes Attentat verhindern, doch immerhin sind sie darauf vorbereitet: Der Rettungseinsatz am Breitscheidplatz verläuft souverän.

An mobilen Toiletten hat es gefehlt. Drei Stunden nach dem furchtbaren Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz betritt ein etwas älterer Polizist die Lobby eines Hotels nahe dem Bahnhof Zoo. Er hat den ganzen nasskalten Abend über auf der Straße gestanden, ein flatterndes Absperrband verteidigt und unzähligen Berlinern und Touristen das Unfassbare erklärt. Nun fragt er fast schüchtern, ob er einmal die Hotel-Toiletten benutzen dürfe. Diese Kleinigkeit ist bisher der einzige erkennbare organisatorische Mangel der Berliner Polizei bei einem Ereignis, das kaum vorzubereiten ist.

Wer sich an diesem Abend rund um den Breitscheidplatz bewegt, gewinnt den Eindruck, dass die Behörden souverän auf die Katastrophe reagieren. Das ist das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung: Der Terror trifft Deutschland nicht unvorbereitet. Bei Sicherheits- und Einsatzkräften greift die Routine unzähliger Terrorübungen.

Alles ruhig, keine Hektik

Mitten im Stadtzentrum mit seinen breiten Straßen dauert es nicht lange, bis die Polizei- und Krankenwagen eintreffen. Wenige Minuten nach dem Anschlag rufen die ersten angekommenen Polizisten Augenzeugen beisammen und bringen sie weg vom Ort des Attentats - weg von den mehr werdenden, aufgeregten Journalisten, hin zu ersten Befragungen und der Notfall-Versorgung.

Der Platz wird weiträumig abgesperrt. Die Polizei bildet zwei Kordons. Am äußeren Ring stellt sie sicher, dass nur Einsatzkräfte und Journalisten durchkommen. Ein zweiter Ring wird um den Breitscheidplatz gebildet. Hier haben sich mit einem Abstand von etwa drei Metern Polizisten aufgereiht. Sie haben Maschinenpistolen im Anschlag, schauen ernst, aber ruhig und beantworten die Fragen der Umstehenden. Der Ton bleibt für Berliner Verhältnisse freundlich.

Jeder scheint zu wissen, was zu tun ist. Die Rettungswagen bilden nirgendwo Schlangen, sondern kommen ungehindert durch. Sie halten vor dem weißen Zelt, das gegenüber dem Lkw des Attentäters aufgebaut ist. Darin werden die geborgenen Verletzten fernab von den Blicken der Öffentlichkeit erstversorgt. Dann geht es in die Ambulanz und ab ins Krankenhaus.

Rund um den Anschlagsort geht es derart organisiert zu, dass kaum Sirenen zum Einsatz kommen, die wichtigsten Gassen sind frei. Es brüllt auch niemand, keine Hektik ist zu vernehmen. In der City-West ist es so still wie sonst nur an einem frühen Sonntagmorgen.

Die Polizei informiert von sich aus

All das lässt sich gut beobachten am zweiten Absperrring, wo für Journalisten Schluss ist. Die Polizei hat die Pressevertreter vor dem Kino im Zoo-Palast versammelt. Hier sehen sie genug, ohne die Rettungs- und Ermittlungsarbeiten zu stören. Die Behörden wissen, dass die Öffentlichkeit informiert werden will. Wie schon die bayerischen Kollegen beim Amoklauf von München greift die Berliner Polizei deshalb auch auf Twitter zurück, wo sie auf Deutsch und Englisch das Wichtigste kommuniziert. Viele Berliner erfahren so binnen weniger Minuten von der Bitte der Polizei, nach Hause zu gehen und dort zu bleiben.

Schon im März 2014 hat die Berliner Landespolizei ihre Twitter-Accounts gestartet. Eine eigene Social-Media-Redaktion soll nicht nur die Presse auf dem Laufenden halten, sondern die Berliner direkt erreichen - bei Großereignissen wie diesen können Gerüchte und Falschmeldungen fatale Auswirkungen haben.

Wie selbstverständlich die Behörden inzwischen mit sozialen Netzwerken arbeiten, zeigt noch etwas anderes: Die Polizei bittet alle Zeugen, Fotos und Videos zur Verfügung zu stellen. Ein Server zum Hochladen der Dateien steht bereit. Darüber hinaus wird gebeten, Bilder der Opfer nicht im Netz zu verbreiten. Zumindest bei der Polizei ist das Internet kein Neuland.

Ein wenig Glück war auch im Spiel

Diese Maßnahmen unterstreichen, wie umfassend sich die Behörden auf diese Situation und ähnliche Anschlagsszenarien eingestellt haben. Attentate, wie sie in Frankreich, den USA und anderswo geschehen sind, wurden analysiert und nachgespielt, Zuständigkeiten und Kommunikationsketten immer und immer wieder besprochen. Es macht sich dabei auch bezahlt, dass Berlin Routine mit Großereignissen hat, die potenzielle Anschlagsziele sein könnten - egal, ob die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die jährlichen Silvesterfeierlichkeiten am Brandenburger Tor oder eben die Dutzenden Weihnachtsmärkte.

Natürlich hat die Polizei auch Glück im Unglück gehabt: Glück, dass in den vergangenen Jahren andere Länder das Hauptziel von Anschlägen wurden, aus denen die hiesigen Behörden lernen konnten. Glück auch, dass am Montagabend offenbar ein Zeuge die Verfolgung des Attentäters aufnahm, bis die Polizei zugreifen konnte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Mann in der Millionenmetropole Berlin untergetaucht wäre.

Dennoch: Die besonnene Reaktion der in der Hauptstadt oft gescholtenen Polizei schafft an diesem Abend des Schreckens Vertrauen. Am Tag nach dem Anschlag ist das eine der wenigen guten Nachrichten. Eine andere ist die Hilfsbereitschaft der Berliner Gewerbetreibenden rund um den Anschlagsort, für die sich die Polizei eigens via Twitter bedankte. Der Beamte durfte die Hotel-Toilette selbstverständlich benutzen und sein Kollege natürlich auch.

Quelle: ntv.de

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