Politik
(Foto: REUTERS)
Freitag, 23. Juni 2017

Ende des IS naht: Der Weg zur Normalität im Irak ist weit

Von Issio Ehrich

Im Irak leben mehr als drei Millionen Binnenvertriebene. Auch wenn der IS seine letzte Bastion Mossul bald verliert, ist nicht klar, wie lange die entwurzelten Zivilisten noch auf Hilfe angewiesen sein werden.

Die militärische Niederlage des IS im Irak rückt immer näher. Am Mittwoch sprengten die Islamisten die Al-Nuri-Moschee in die Luft, in der IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi im Sommer 2014 sein Kalifat ausrief. Im Zweistromland wurde das als Kapitulation gedeutet. Der Weg zu einer gewissen Normalität erscheint allerdings weiterhin weit.

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"Wir gehen davon aus, dass die Rückkehr der Flüchtlinge zu ihren Heimatorten ein langer Prozess sein wird, auch wenn der IS übermorgen besiegt ist", sagt Saman Sorani, Berater der kurdischen Regionalregierung im Nordirak, n-tv.de. "Es muss mit dem sofortigen Wiederaufbau der Infrastruktur in den vom IS besetzten Gebieten begonnen werden." Die Herausforderung ist offensichtlich gewaltig. Mossul ist ein Trümmerfeld.

Im Irak leben derzeit mehr als drei Millionen Binnenvertriebene. Allein seit dem Beginn der Offensive auf die einstige Millionenstadt im Oktober 2016 mussten mindestens 400.000 Menschen ihr Heim aufgeben. Laut Sorani sind davon derzeit mehr als die Hälfte in der Region Kurdistan.

Mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar hat die wirtschaftlich ohnehin schon schwer gebeutelte Regierung im Norden des Iraks eigenen Angaben zufolge für die Versorgung von Flüchtlingen ausgegeben. Elf Flüchtlingslager hat sie auf ihrem Grund gebaut, der kaum größer als Brandenburg ist. "Der Bedarf ist groß, ohne Unterstützung aus dem Ausland kann die Regionalregierung all diese Herausforderungen nicht meistern", sagt Sorani.

Auch Hilfsorganisationen klagen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) rechnet damit, dass es allein in diesem Jahr 578 Millionen Euro brauchen wird, um die Binnenvertriebenen im Irak zu versorgen. Finanziert sind davon bisher nur 21 Prozent. Und selbst beim UNHCR kann niemand genau sagen, wie lange die Menschen nach der militärischen Zerstörung des IS noch auf Unterstützung angewiesen sein werden.

Die Sommerhitze zehrt an den Kräften

Wie lebensbedrohlich die Lage auch ohne IS sein kann, zeigte sich erst vor knapp zwei Wochen. Rund 800 Menschen im Flüchtlingscamp Hasansham U2, das unter Leitung des UNHCR steht, erlitten eine Lebensmittelvergiftung. Eine private Hilfsorganisation hatte schlecht gewordenes Essen gespendet. Die lokalen Fernsehsender zeigten Bilder dehydrierter Kinder, Männer und Frauen. 200 Personen mussten ins Nahe Erbil ins Krankenhaus.

Dieser Tage zehrt der einsetzende Sommer an den Kräften der Menschen. Die Temperaturen rund um Mossul klettern wieder weit über die 40-Grad-Marke.

Selbst für die Menschen, die schon nach Hause in vom IS befreite Gebiete zurückgekehrt sind, macht das das Leben schwer. Nach Angaben von UNHCR sind das im Falle des Ostens von Mossul bereits 125.000 Menschen. Dort beginne der Wiederaufbau schon, Geschäfte eröffneten wieder, auch Schulen. Doch viele Menschen sind nach wie vor von jeglicher Infrastruktur abgeschnitten. Und es geht ja nicht nur um ein schützendes Dach über dem Kopf und Zugang zu Wasser, Medizin und Strom.

Für die größte Misere fehlt noch der Masterplan

Im April reiste Außenminister Sigmar Gabriel in den Irak. Schon bei dem Besuch des SPD-Politikers zeigte sich deutlich, wie gewaltig die Aufgabe ist, die es noch zu bewältigen gibt. 15 Kilometer von Mossul entfernt, bei Bashiqa, bekam er ein Minenfeld zu sehen, dass der IS hinterlassen hat. In vier Monaten Arbeit stießen Räumteams dort auf mehr als 100 Sprengsätze. Auch aus Zeiten vor dem IS soll es im Land noch rund 3000 Minenfelder geben. Die Zahlen lassen erahnen, wie lange es dauern könnte, bis Bauern in einigen Ecken des Landes wieder ihre Felder bestellen und zerstörte Strom- oder Wasserleitungen neu gelegt werden können.

Die Bundesregierung finanziert die Minenräumung - im Irak sind derzeit 90 Teams im Einsatz - mit 15 Millionen Euro. Für Irak und das Nachbarland Syrien will sie in diesem Jahr insgesamt 234 Millionen Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung stellen. Auch etliche andere Länder setzen sich ein. Das hilft, reicht aber noch nicht.

Auf vielen Ebenen werden Pläne geschmiedet. Doch für die größte Misere fehlt auch kurz vor der Niederlage des IS im Zweistromland der Masterplan. "Im Irak kann der IS bis Ende dieses Jahres besiegt werden", sagt Berater Sorani. "Wichtig ist aber, ihn ideologisch zu besiegen, und das braucht sicherlich jahrelange politische sowie pädagogische Arbeit." Der Krieg gegen den IS, aber auch die anderen konfessionellen Auseinandersetzungen im fragilen Irak, die den Aufstieg der Terrormiliz erst begünstigt haben, hätten das Vertrauen der verschiedenen Volksgruppen ineinander geschwächt. Alle Bemühungen beim Wiederaufbau nützen nur, wenn es auch friedlich bleibt.

Quelle: n-tv.de

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