Politik

Bye-bye, Bercow! Der Zeus von Westminster tritt ab

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Eine Mischung aus Verantwortung und Gelassenheit: John Bercow.

(Foto: REUTERS)

Für manche ist er nur ein "eitler Pfau" und "Klugscheißer", für andere eine Lichtgestalt und ein Revolutionär: der Sprecher des Unterhauses, John Bercow. Nun geht der Mann, der wie kaum ein anderer eine Ära geprägt hat, unter Tränen.

"Mr Speaker" lautete sein offizieller Titel. Doch inoffiziell ist er als "Dompteur", "Regisseur" oder "Kommandeur" bezeichnet worden. Die Rede ist von John Bercow, der nach fast genau zehn Jahren und vier Monaten ab sofort nicht mehr als Sprecher der demokratisch gewählten Kammer des britischen Parlaments zur Verfügung steht. Er ist der Sohn eines Taxifahrers, der in den vergangenen 30 Jahren eine beachtliche politische Mobilität bewiesen hat, indem er sich von erzkonservativen, unumwunden diskriminierenden Standpunkten befreite und heute als linksliberal wahrgenommen wird.

Ohne Zweifel war Bercows Amtsführung von einem eigenwilligen Mix aus Eigenschaften und Meinungen geprägt: einer außerordentlich distinguierten wie unterirdisch autoritären Wortwahl, maßgeblichen wie anmaßenden Entscheidungen und umstrittenen wie unstrittigen Urteilen. Diejenigen, die ihn einen "eitlen Pfau", "Klugscheißer" oder "Tyrannen" genannt haben, stammen mehrheitlich aus seiner eigenen konservativen Partei, in der man ihn zunehmend weniger mochte - was mit zunehmendem Nachdruck und anschwellender Verachtung erklärt worden ist.

Dass Premierminister Boris Johnson das Shakespeare'sche Stilmittel der "befreienden Komik" gewählt hat, als er John Bercow in seiner letzten Parlamentssitzung am 30. Oktober mit einer "unkontrollierbaren Tennisballmaschine" verglich, deren Volleys und Schmetterbälle oft zu hart gewesen seien, um sie zurückzuspielen, konnte und sollte nicht den großen Graben überspielen, der zwischen der Regierungsbank und dem Sprecherstuhl entstanden ist. Der Riss ist so tief, dass Bercow (zunächst) das traditionelle Recht seiner Vorgänger verwehrt bleibt, als "Lord" im Oberhaus Platz nehmen zu dürfen. Johnsons Regierung hat ihn schlicht nicht bei der Queen für eine Beförderung zum "Life Peer" nominiert.

"Keine Frage, ich hatte gute und ich hatte schlechte Tage, aber ich habe mich jeden Tag bemüht, dem Unterhaus und unserer Demokratie auf bestmögliche Weise zu dienen." So oder so ähnlich hat es Bercow allen Journalisten ins Mikrofon diktiert, die ihn in jüngster Zeit im "Speaker's House" besucht haben, dem prächtigen Diensttrakt im Parlamentspalast von Westminster.

Gott ein bisschen näher

So kritisch der kleingewachsene und zugleich politisch wie längst auch historisch herausragende Mann zu Hause gesehen werden mag - außerhalb des Vereinigten Königreichs hat Bercow seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 eine Popularität erlangt, die ihn in den Himmel weltbekannter Stars katapultiert hat, und zwar solcher, die durch eine bestimmte Form der öffentlichen Offenbarung Gott ein bisschen näher zu sein scheinen.

Bercows Mittel, um dies zu erreichen, war zuallererst ein einzigartiger ritueller Schrei nach Ruhe und Disziplin, den selbst die Kinder kennen und der überall auf der Welt Nachahmer gefunden hat - sogar schon am Kabinettstisch von Angela Merkel. Hinzu kamen schrille Krawatten, missionarisch leuchtende Augen und eine Form der Selbstherrlichkeit, die sich dem Journalisten auf der Besuchertribüne im Parlament unmittelbar erschließt, während sie das Parlamentsfernsehen nicht zeigt.

Live betrachtet erinnerte Bercows Arbeitspose an unser Bild von einem römischen Kaiser oder von Zeus, dem Chef der antiken Götterversammlung. Auf eine beinahe unfassbare Art lag er mehr auf seinem Stuhl, als dass er saß, die Schuhe auf einem grünen Fußbänkchen, die Arme auf den Lehnen und die Finger gespreizt, stets bereit, die nächste Regieanweisung zu erteilen: die nächste Abgeordnete oder den nächsten Abgeordneten aufrufend, um zu unterbrechen, in die Schranken zu weisen, zu korrigieren, zu hinterfragen oder um sie noch ein wenig mehr kommen und beitragen zu lassen. Während die Queen auf ihrem Thron sitzend gewohnt ist, sich Worte und Macht zutragen zu lassen, hat sie sich Bercow auf seinem Sitz thronend - wie fläzend - genommen.

Wohlwollende Beobachter - nicht zuletzt seine geistigen Verbündeten, die wie er zum Beispiel gegen verbale Diskriminierung in der Öffentlichkeit sowie gegen einen Austritt des Königreichs aus der EU eintreten - sehen in ihm tatsächlich eine Lichtgestalt. Weil er in Momenten zwischen die Abgeordneten und die Mitglieder der Regierung getreten ist und moderiert und vermittelt hat, in denen sich Kräfte fundamental verschoben haben.

Das Problem besteht darin, dass die Regierung nicht mehr die Mehrheit besitzt, die sie gewohnheitsmäßig im Vereinigten Königreich und im sogenannten "Westminster Modell" besitzt und die sie auch benötigt, um im Rahmen der bestehenden Verfassung entscheidungsfähig zu sein. Die gegenwärtige, seit 2017 bestehende Minderheitsregierung, die zunächst von der nordirischen DUP geduldet wurde und sich mittlerweile selbst dieser Unterstützung nicht mehr sicher sein kann, hat dennoch versucht durchzuregieren.

Vakuum im Parlament

Dies hat ein Vakuum entstehen lassen, das Bercow zugunsten des Parlaments, nicht der Regierung, beseitigen wollte. Zugleich hat er die Position derjenigen Abgeordneten gestärkt, die als "Hinterbänkler" bezeichnet werden, weil sie weder Verantwortung auf der (vorderen) Regierungsbank tragen noch in der "Schattenregierung" der Opposition - aber im Unterschied zum Deutschen Bundestag oft nicht ohne Einfluss, Talent oder Erfahrung sind.

John Bercow hat also eine Machtverschiebung zugelassen und bisweilen aktiv gefördert, die als gleichermaßen revolutionär wie evolutionär betrachtet werden kann. Das bedeutet nicht, dass sie von Dauer ist, da sie in naher Zukunft unter neuen Machtverhältnissen unterbunden und gar bestraft werden könnte. Bercows Anhänger und die Kritiker der bestehenden, bekanntlich ungeschriebenen Verfassung Großbritanniens, sehen in der schwindenden und womöglich dauerhaft fehlenden Regierungsmehrheit ein Alarmsignal, dass das über viele Jahrhunderte gewachsene Regelwerk nicht mehr für die Gegenwart taugt.

Es war nicht zuletzt Bercow selbst, der auch im Interview mit n-tv.de "zumindest für die Untersuchung einer kodifizierten Verfassung" plädiert und der dabei selbst Interesse an einer führenden Rolle in diesem Prozess gezeigt hat. Mit oder ohne Mehrheit: Fest steht auch, dass die britische Regierung (die Exekutive) im Parlament (der Legislative) eine größere Macht besitzt, als es das unter anderem aus Großbritannien stammende Konzept der politischen Gewaltenteilung vorsieht.

Bercow hat diesen Zustand erkannt und das getan, was das Volk von einem Amtsinhaber mit Charisma, Sendungsbewusstsein und einem verfassungsmäßig gegebenen "Gestaltungsspielraum" erwarten darf: Er hat es mit seinem Verstand und seiner Persönlichkeit gefüllt und weiterentwickelt. In diesen kurzen, aber wichtigen Momenten war er mächtiger als der Premierminister und symbolischer als dessen gekrönte Chefin. Damit hat Bercow nicht bloß eine neue Verfassungswirklichkeit, sondern auch sehr große Erwartungen an seine Nachfolger geschaffen.

Kritik an Selbstvermarktung

Während man in Bercow tatsächlich einen Reformer sehen kann, möchten ihn seine Gegner lieber als selbstherrlichen Anstifter zum Chaos in die Geschichtsbücher eingehen lassen. Für sie passt es ins Bild, dass er sich in den vergangenen Wochen vor allem um seine Selbstvermarktung gekümmert und mithilfe internationaler Medien als gesellschaftskritischer "Querdenker", "Public Intellectual" und "Elder Statesman" positioniert habe.

Tatsächlich hat er sich fit gemacht für eine neue Tätigkeit als "Speaker". Oder besser gesagt: für ein neues Geschäftsfeld als Konferenz- und Tischredner. Es locken Honorare, die sein bisheriges Monatsgehalt von rund 15.000 Euro um ein Vielfaches übersteigen könnten. Wir werden also mit großer Wahrscheinlichkeit noch mehr vom jungen Pensionär John Bercow hören, auch in Deutschland. Dass er darüber hinaus wieder ein politisches Amt bekleiden könnte, ist ebenfalls vorstellbar. Sonst hätte er sich auch während seines Abschieds vom Regiestuhl und Göttersitz der Macht nicht noch einmal mit Tränen offenbart.

Quelle: n-tv.de