Reisners Blick auf die Front"Die Iraner erzielen noch immer viele Treffer"

Das Regime steht, der Ölpreis steigt, Wladimir Putin feixt sich eins. Warum der Irankrieg sich auch an der Front im Donbass auswirkt, erklärt Oberst Reisner ntv.de.
ntv.de: Herr Reisner, der Tag begann damit, dass die Ölpreise in den USA und Europa auf weit über 100 Dollar pro Barrel hochschossen. Für Wladimir Putins Kriegskasse ist das super?
Markus Reisner: Auch wenn wir das nicht gerne hören: Dieser Angriff der USA und Israels auf den Iran ist ein Geschenk für Russland und China. Einerseits für den Kreml, weil die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sich von der Ukraine in den Nahen und Mittleren Osten verschiebt. Zudem braucht die Ukraine, was jetzt ganz viele Staaten in der Golfregion brauchen: Fliegerabwehrraketen mittlerer Reichweite. Da wird für die Ukraine die Konkurrenz größer, denn die Vorräte werden immer kleiner. Der steigende Ölpreis spült zudem mehr Geld in die russische Staatskasse. Laut Berechnungen basierte der russische Staatshaushalt auf Gewinnerwartungen bei einem Ölpreis von 50 bis 60 Dollar pro Barrel. Die Russen können jetzt darauf hoffen, dass sie plötzlich viel mehr Geld zur Verfügung haben werden als gedacht.
Wie profitiert China?
China nutzt es, dass die militärischen Ressourcen, die die USA jetzt im Nahen und Mittleren Osten einsetzen, mittelfristig nicht gegen China eingesetzt werden können. Nebenbei zeigen die Chinesen uns, welche Fähigkeiten sie selbst haben.
Inwiefern?
Wir werden gerade geflutet mit chinesischen Satellitenaufnahmen, die im Detail den Einsatz amerikanischer Kräfte dokumentieren. Wo befinden sich die Flugzeugträger-Kampfgruppen? Wo fahren die Schiffe der Marine? Die US-Flugplätze werden überwacht und chinesische Satellitenaufnahmen zeigen auch die für die USA sehr schmerzhaften Treffer auf ihre Frühwarn-Radarsysteme. Russland und China ziehen aus dem Iran-Konflikt Vorteile, und je länger er dauert, desto mehr begünstigt er ihre Absichten.
Dieser Krieg könnte deutlich länger dauern als gedacht, oder?
Epic Fury und Roaring Lion, die beiden Kampagnen der Amerikaner und Israelis, waren immer darauf ausgerichtet, in sehr kurzer Zeit ein maximales Ergebnis, konkret den Fall des Regimes, zu erzielen. Wenn das Ziel nun nicht so schnell erreicht werden kann, werden die Kriegsparteien - wie wir es auch 2022 in der Ukraine gesehen haben - recht rasch in eine Art Abnutzungskrieg hineingezogen. Israel sieht eine Chance und kann damit umgehen, in den USA kündigt sich aber die Zwischenwahl an. Trump braucht Erfolge. Zwar gingen die Angriffe der Iraner in den vergangenen Tagen sukzessive zurück, aber trotzdem schaffen sie es vor allem in der Nacht noch, mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern erfolgreich zu sein. Da erzielen sie viele Treffer. Diese Angriffe abzuwehren, ist für die Golfstaaten, aber auch für Israel und die USA eine echte Herausforderung.
Mit direkten Auswirkungen auch auf die Fähigkeiten der Ukraine?
Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj haben die Golfstaaten, die USA und Israel gegen iranische Luftangriffe in den ersten Tagen des Krieges bereits mehr als 800 Patriot-Raketen eingesetzt. Dieser hohe Verbrauch liegt darin begründet, dass in der modernen Art der Kriegsführung über große Distanzen hinweg Abstandswaffen mit Tausenden Kilometern Reichweite eingesetzt werden. Dadurch lastet besonderer Druck auf der Flugabwehr. Mit ähnlichen Herausforderungen, wie sie die Ukraine seit 2022 hat. Bei den Golfstaaten, also bei den Gegnern des Iran, deutet einiges darauf hin, dass sich die Lager leeren. Südkorea überlegt aktuell, zur Unterstützung 30 Patriot-Raketen in den Mittleren Osten zu liefern. Wenn nun zunehmend Munition für Patriot-Systeme in diese Region geht, wird die Situation für die Ukraine, die ja dieselben Systeme benutzt und dieselbe Munition verschießt, noch dramatischer.
Wir sehen im Iran-Krieg dasselbe Phänomen wie phasenweise in der Ukraine: Aus Mangel an effektiver, billiger Drohnenabwehr werden die 20.000 Euro teuren Angriffswaffen mit Patriot-Munition für vier Millionen Euro pro Stück abgeschossen. Wie kann das sein? Man wusste doch vorher, dass der Iran Drohnen einsetzen wird. Teheran hat schon zu Beginn des Ukrainekriegs seine Shaheds an Russland geliefert.
Richtig. Die Koalition gegen den Iran hatte allerdings vorher einen Plan entwickelt, der darauf abzielte, in den ersten 24 oder 36, und maximal 48 Stunden so viele iranische Abschussbasen für Raketen und Drohnen zu zerstören, dass Teheran seine Waffen nur noch sehr eingeschränkt hätte einsetzen können. Aber beim Militär sagt man, der beste Plan im Krieg hält nur bis zum ersten Feindkontakt. Das haben wir gesehen. Der Iran hat überraschend viele Frühwarnradar- und Satellitenkommunikationssysteme der USA zerstört, es gab auch den verheerenden Angriff auf einen Gefechtsstand mit sechs Toten auf Seiten der USA.
Wenn die USA ihre nachproduzierten Patriot-Raketen gegen den Iran benötigen werden, können die Europäer der Ukraine dann helfen?
Trotz des Krieges in der europäischen Nachbarschaft hat sich Europa nicht sehr angestrengt, die eigenen Kapazitäten zum Schutz gegen Luftangriffe hochzufahren. Für das europäische Modell SMPT, das vergleichbar ist mit dem US-amerikanischen Patriotsystem, wird noch immer nicht in der hohen Stückzahl Munition produziert, wie es nötig wäre - einerseits, um die Ukraine unterstützen zu können, aber auch, um den Schutz des europäischen Luftraums sicherzustellen. Die Europäer zielen auf 150 Stück SMPT-Munition ab. Ziel der Amerikaner war es, vorerst etwa 650 Stück Patriot-Munition pro Jahr zu produzieren. Das wurde erreicht, doch nun sehen wir: Da man gegen den Iran immer wieder mit Kanonen auf Spatzen schießen muss, ist das zu wenig. Zugleich gibt es die Annahme, dass die Russen mittlerweile eine konstante Produktionsrate von etwa 60 Iskander-Raketen pro Monat schaffen, zusätzlich zu den Marschflugkörpern. Russland ist also in der Lage, auch in diesem Jahr die hohe Intensität der Luftangriffe aufrechtzuerhalten, die Kiew so unter Druck setzt.
Wenn die Temperaturen nun auch in der Ukraine steigen, muss man massive Wasserschäden befürchten? Steht das Wasser bald in den Häusern?
Der Winter ist überstanden, das ist zunächst mal eine gute Nachricht. Allerdings werden die durch russische Angriffe angerichteten Schäden zum Teil tatsächlich jetzt erst in vollem Ausmaß sichtbar. In vielen Rohrleitungen konnte aufgrund der Luftangriffe auf das Trinkwassersystem das Wasser nicht mehr konstant laufen. Das Wasser gefror, die Rohre barsten. Wenn jetzt dieses Eis auftaut, wird es massive Wasserrohrbrüche geben, das wird die Lebensbedingungen vieler Menschen wieder verschlechtern.
Die zweite Auswirkung der Luftangriffe im Winter betrifft die Schäden an der kritischen Infrastruktur, vor allem an der Stromversorgung. Denn die versorgt ja auch die Rüstungsbetriebe. Massive Schäden am Stromnetz werden sich in der ukrainischen Rüstungsproduktion widerspiegeln.
An der Front hat sich in den vergangenen zwei Wochen wenig getan. Wird sich mit der milderen Witterung mehr bewegen?
Wenn die Bäume wieder Blätter bekommen und eine dichte Laubdecke entsteht, dann kann man mit den derzeit aktiven kleinen Trupps, die auf der untersten taktischen Ebene kämpfen, relativ gut getarnt wieder Räume in Besitz nehmen. Diese kleinen Trupps von Soldaten versuchen in der Grauzone, die einen Streifen von etwa 25 bis 30 Kilometern entlang der Frontlinie umfasst, Boden zu gewinnen. Die Schlammperiode ist kein Problem, da ja kaum Panzer oder schweres Gerät im Einsatz sind. Es ist zu erwarten, dass die Russen mit einer Frühjahrsoffensive beginnen.
Was ist schon erkennbar?
Sobald die Witterung es zulässt, stellt die russische Armee robuste Kräfte bereit. Die Frühjahrsoffensive hat zumeist die Sommeroffensive vorbereitet, indem man Rahmenbedingungen geschaffen hat, um im Sommer einen Durchbruch zu erzielen. Bis jetzt ist das nie gelungen, aber die Russen haben es erkennbar immer wieder versucht. In den russischen sozialen Netzwerken erkennen wir trotz aller Geheimhaltung sehr wohl Indikatoren, wenn etwa Verbände verlegt werden. Ein gutes Indiz zum Beispiel ist der Einsatz der russischen Luftlandetruppen, der Marine Infanterie oder die Verlegung von Drohneneinheiten, zum Beispiel Rubikon. Durch die Verlegung solcher Einheiten ist schnell erkennbar, wo die Russen ihr Schwergewicht bilden wollen. Der Festungsgürtel Slawjansk, Kramatorsk, Konstantinowka wird vermutlich dieses Jahr eines der Angriffsziele der Russen sein.
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer