Politik

"Das sind Antisemiten" Die Männer im Schatten von Le Pen

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Trotz eines Strafverfahrens und Nazi-Vorwürfen gegen Vertraute hält Marine Le Pen ihnen die Treue.

(Foto: REUTERS)

Im Wahlkampf präsentiert sich Front-National-Chefin Marine Le Pen als strahlende Einzelkämpferin: Hinter den Kulissen jedoch hält sie seit Jahren einem kleinen Zirkel enger Vertrauter die Treue - Männer mit teils fragwürdiger Biografie.

Man kann sie durchaus bewundern - die Frau Marine Le Pen, die nach der Niederlage von Vater Jean-Marie Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2002 eigentlich aus einer Verlegenheit heraus zum Sprachrohr des Front National (FN) wurde. Damals war sie 34 Jahre alt. Nun ist sie dem Élysée-Palast näher, als es ihr Vater je war. Und dafür gibt es viele Gründe: Le Pen versteht es, die Sorgen der französischen Arbeiter in markige Worte zu kleiden. Sie verkörpert die Empörung dieser Menschen überaus glaubhaft, obwohl sie als Kind eines Politikers nie wirklich zu ihnen gehört hat. Und Le Pen lässt sich von ihren Kritikern nicht einschüchtern. Weder vom politischen Gegner, noch von den Medien. Selbst mit ihrem Vater, der ihr 2011 zum Parteivorsitz verholfen hat, brach die Politikerin. Alles, um den Front National salonfähig zu machen. Sie hat es fast geschafft.

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Louis Aliot, der Lebensgefährte von Marine Le Pen, hat kein Interesse am Élysée-Palast.

(Foto: REUTERS)

Großen Anteil daran hatte ihr Lebensgefährte Louis Aliot. Der 47-jährige Jurist ist geschieden, Vater zweier Kinder und seit acht Jahren der Mann an der Seite der selbsterklärten "Madame Frexit". Nicht nur privat, auch politisch sind die beiden eng verbunden. Als Parteivize trieb Aliot nach 2011 gemeinsam mit Le Pen die "dédiabolisation", die Entteufelung des verrufenen Front National, voran. Es war die Zeit zahlreicher Parteiausschlüsse - unter anderem von Alexandre Gabriac, der mit 18 Jahren damals jüngste Abgeordnete des FN im Lyoner Regionalparlament. Nachdem im "Nouvel Observateur" ein Bild von ihm erschienen war, auf dem er den Hitlergruß zeigte, flog Gabriac aus der Partei. Einige andere ereilte das gleiche Schicksal - stets umrahmt von einer Medienkampagne der Parteivorsitzenden, die bereitwillig über die Rechtsausreißer herzog.

Ihr Lebensgefährte passt gut in dieses Bild einer zwar wertkonservativen, aber nicht rechtsextremen Nationalistin. Aliot scheint als Enkel eines algerischen Juden, der im Maghreb aufwuchs, über jeden Zweifel an seiner Gesinnung erhaben. Und tatsächlich gilt der Rugby-Fan innerhalb der Partei als moderat - obwohl er jahrelang unter Le Pen Senior für den FN gearbeitet hat. Zwar distanzierte sich Aliot immer wieder von Antisemitismus und Rechtsextremismus - doch die Provokationen seines Mentors ließ er dennoch stets unkommentiert. Als Jean-Marie Le Pen 2015 wegen seiner Äußerung, die Gaskammern seien lediglich ein "Detail des Zweiten Weltkriegs" gewesen, mit seiner Tochter aneinander geriet, soll Aliot ihn sogar verteidigt haben. Zum Unmut von Marine Le Pen.

Le Pens Schatzmeister besuchte SS-Mann

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Axel Loustau war in den 90er Jahren Mitglied einer rechtsextremen Studentengruppe.

(Foto: imago/IP3press)

Seine Loyalität für den Front National reicht weit - trotz einiger Widersprüche. Obwohl Aliot in der Vergangenheit auch selbst auf seine algerischen Wurzeln verwies, vertritt auch er als FN-Vize die im Parteiprogramm festgeschriebene "Nationale Präferenz" - ein Prinzip, das Frankreich eine klare "Franzosen zuerst!"-Politik vorschreiben und ethnisch französische Bürger sowohl in Wirtschaft als auch Gesellschaft besser stellen will; selbst gegenüber jenen Franzosen, die seit Generationen im Land leben. Zudem zielten seine Ambitionen, die Partei von rechten Einflussgrößen zu befreien, offenbar weniger auf die FN-Spitze. Gerade im Dunstkreis von Marine Le Pen bewegen sich nach wie vor Figuren, denen eine Nähe zur extremen Rechten nachgesagt wird.

Zwei der umstrittensten Personalien sind Frédéric Chatillon und Axel Loustau. Le Pen kennt sie seit ihrem Jurastudium in den 80er Jahren - und hält ihnen noch immer die Treue. Chatillons Firmen tauchten wiederholt als Vertragspartner des FN auf. Seit November vergangenen Jahres arbeitet er zusätzlich in Le Pens Wahlkampfteam. Loustau machte die Politikerin zum Schatzmeister ihrer Kleinstpartei "Jeanne". Dass beide in den Neunzigern der gewaltbereiten rechtsextremen Studentengruppe Groupe Unité Défense (GUD) angehörten, belastete die Freundschaft nicht. Und auch als kürzlich im französischen Fernsehen alte Videoaufnahmen von Chatillon und Loustau zu sehen waren, in denen beide den früheren SS-Mann Léon Degrelle würdigen, gab es keine Abkehr im Sinne der angeblichen "Entteufelung" des Front National. "Ich habe keine Nazis in meinem Umfeld", kommentierte Le Pen die Sache knapp.

"Sie sehen das Dritte Reich mit Nostalgie"

Die Parteispitze setzte hingegen auf Verharmlosung. "Sie waren stürmische Jungs", erklärte etwa FN-Schatzmeister Wallerand de Saint-Just laut "New York Times". Heute seien sie "wahre Profis", mit denen man vertrauensvoll zusammenarbeite. An eine harmlose Jugendspinnerei glaubt Aymeric Chauprade allerdings nicht. Er war einst Berater von Marine Le Pen in außenpolitischen Fragen. Für die Partei saß er im Europaparlament - bis er 2015 aus dem Front National austrat. Über Loustau und Chatillon sagte der Politikwissenschaftler in einem Interview, sie hätten ihre Ideologie keineswegs geändert. "Das sind Antisemiten, gewaltbereite Antikapitalisten und sie sehen das Dritte Reich mit Nostalgie", so der 48-Jährige. "Die Leute denken, dass sie unwichtig sind. Aber tatsächlich werden sie [von Le Pen] geschützt. Sie mischen überall mit."

Chauprade ist sich sicher: Sollte Le Pen in den Élysée-Palast einziehen, werden ihr die umstrittenen Freunde folgen - anders als ihr Lebensgefährte Louis Aliot, der angekündigt hat, sich im Fall ihres Sieges nach Südfrankreich zurückzuziehen. Für ihre Wähler wäre das ein Schlag ins Gesicht. Viele von ihnen stimmten für die FN-Chefin, weil sie versprach, die korrupte politische Elite abzulösen. Wie sollte sie diesen Bürgern erklären, dass sie mit Chatillon einen Mann an die Spitze des Landes holt, gegen den ein Strafverfahren wegen Betrugs und Geldwäsche läuft? Wahrscheinlich würde sie es gar nicht erst versuchen. Schließlich soll auch der Front National von Chatillons windigen Deals profitiert haben. Gegen die Partei und ihren Schatzmeister wird deshalb ebenfalls ermittelt. Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat Marine Le Pen, die selbsterklärte "Kandidatin des Volkes", nicht erst seit gestern. Trotzdem wollen sie laut Umfragen 40 Prozent der Franzosen im Präsidentenpalast sehen.

Quelle: ntv.de

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