Politik

Jahres-Auftritt vor der Presse Die Putin-Show trägt nicht mehr

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"Ich bin schwanger": Journalistinnen und Journalisten versuchten während der Pressekonferenz, mit Schildern auf sich aufmerksam zu machen.

(Foto: REUTERS)

Die Jahrespressekonferenz von Wladimir Putin sollte zur Machtdemonstration werden. Stattdessen liefern Kremlchef und Journalisten die übliche Show. Nach der Vergiftung des Oppositionellen Alexej Nawalny wirkt das selbst für russische Verhältnisse nicht mehr zeitgemäß.

Die jährliche Pressekonferenz Wladimir Putins ist eine feste Institution der russischen Politkultur. Lange und ausführlich beantwortet der russische Präsident einmal im Jahr die Fragen von rund 1000 Journalisten aus allen Ecken des Landes. Dabei kann die Traditionsveranstaltung auch über vier Stunden lang dauern. Doch diesmal wurde die übliche Show des 68-Jährigen nicht zuletzt wegen der Corona-Krise etwas anders aufgestellt.

Einerseits wurde das Format mit einem weiteren Fernsehklassiker des modernen Russlands, Putins Sendung "Direkter Draht", verknüpft. Putin hat daher nicht nur die Fragen von Journalisten, sondern auch die von Bürgern beantwortet. Außerdem befand sich der russische Präsident nicht wie gewöhnlich in einem Raum mit Journalisten, sondern in seiner Residenz mit ausgewählten Korrespondenten des sogenannten Kreml-Pools. Fast 300 Journalisten versammelten sich dagegen im Zentrum für internationalen Handel in Moskau, während ihre Lokalkollegen anders als sonst aus den Regionen zugeschaltet wurden. Trotzdem sorgten diese wie üblich mit bunten Schildern, um die Aufmerksamkeit des Moderators zu erwecken, für klassische Unterhaltung. So durfte etwa eine Regionaljournalistin mit dem Schild "Ich bin schwanger" eine Frage stellen, obwohl sie nach eigenen Angaben gar nicht schwanger war.

Aber auch vor Ort in Moskau war die Show trotz Abstandsregeln und Maskenpflicht gesichert. Der russische Rockstar Sergej Schnurow von der Band "Leningrad", der seine Anfänge im Journalismus sowie in der Politik macht, durfte zum Beispiel fragen, ob es möglich ist, die russische Realität ohne Schimpfwörter zu beschreiben. "Leningrad" ist für die breite Nutzung von Kraftausdrücken bekannt. Den Sportsender "Match TV" interessierte dagegen das Video des masturbierenden Kapitäns der Fußballnationalmannschaft Artjom Dsjuba, welches Schlagzeilen über Russland hinaus machte.

"Dieser Patient aus der Berliner Klinik"

All das diente dazu, die Öffentlichkeit von den vielen ernsten Fragen der Gegenwart abzulenken. In erster Linie von der Vergiftung des informellen Oppositionsführers Alexej Nawalny, der gerade erst zusammen mit einem Netzwerk internationaler Medien eine viel diskutierte Recherche zum Mordversuch an ihm veröffentlicht hat. Auf Youtube erreichte der dazugehörige Film bereits mehr als 13 Millionen Aufrufe. Dabei werden acht Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB konkret als Tatverdächtige genannt. Den Recherchen zufolge hat sich eine Abteilung des FSB fast vier Jahre mit dem Oppositionellen beschäftigt. Das wäre nie ohne Befehl Putins passiert, sagt Nawalny.

Der Kreml hat über die Enthüllung lange geschwiegen oder gescherzt. Doch Putins Pressekonferenzen sind auch dafür da, um Tabu-Themen anzusprechen. Die Antwort des Kremlchefs hatte es in sich. "Was diesen Patienten aus der Berliner Klinik angeht: Dies ist keine Recherche, das ist die Legitimierung der Daten von amerikanischen Geheimdiensten. Dieser Patient wird von denen unterstützt", sagte Putin. "Das ist hier am interessantesten. Ansonsten: Wer braucht ihn überhaupt? Wenn jemand ihn vergiften wollte, dann hätte man das doch komplett durchgezogen."

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Sergej Schnurow von der Band "Leningrad" macht während der Pressekonferenz ein Selfie.

(Foto: REUTERS)

Trotz starker Worte klingt ein Dementi anders. Ähnlich beantwortete Putin auch die Frage zu einer weiteren spannenden Recherche des russischen Mediums "Waschnyje Istoriji" (wichtige Geschichten). Dieses enthüllte vor kurzem, dass der ehemalige Mann einer der Putin-Töchter einen Aktienblock des größten petrochemischen Unternehmens des Landes, Sibur, für symbolische 100 US-Dollar anstelle des tatsächlichen Wertes von rund 380 Millionen US-Dollar erhielt. "Ich konnte diesen Text nicht bis zum Ende lesen", sagte Putin. "Denn es ist unmöglich. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von vielen Dingen, die wenig miteinander zu tun haben. Und die Quelle ist anonym."

Es gab sogar Kritik

Das Thema Corona-Krise spielte während der Pressekonferenz wie erwartet eine wichtige Rolle. Mit dem umstrittenen russischen Covid-19-Impfstoff "Sputnik V" wurde Putin selbst zwar noch nicht geimpft, denn für seine Altersgruppe wurde die Impfung in Russland noch nicht angeordnet. Doch dürfe Russland stolz sein, als erstes einen effektiven Impfstoff entwickelt zu haben. Angesprochen wurde ebenfalls der Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. "Ganz offensichtlich ist die Pipeline für die deutsche Wirtschaft von Vorteil", sagte der 68-Jährige. "Diese liegt im nationalen Interesse Deutschlands. Die politische Führung der Bundesrepublik mischt sich nicht ein und versteht, dass es sich um ein Wirtschaftsprojekt handelt. Es ist fast durch. Wir hoffen nun, dass die neue US-Administration mit Respekt ihre Partner behandelt und der Bau fertiggestellt wird."

Zum Höhepunkt wurde die überraschend kritische Frage eines Journalisten aus dem Kreml-Pool zur diesjährigen Verfassungsreform. Diese erlaubt es Putin theoretisch, auch über die aktuelle Amtszeit bis 2024 hinaus im Amt zu bleiben. "Das war schon brutal gegenüber der Verfassung", bemerkte der Kreml-treue Reporter Anderj Kolesnikow von der Wirtschaftszeitung "Kommersant". Putins Antwort: "Wir müssen uns immer fragen: Ist das, was wir machen, gut für das Land? Ich glaube, das ist es. Aber ich weiß noch nicht, ob ich 2024 wieder antrete. Die Erlaubnis des Volkes habe ich dennoch gekriegt."

Insgesamt dauerte die Pressekonferenz diesmal viereinhalb Stunden - und sie spiegelte den durchaus komplizierten Stand Russlands im Jahr 2020 wider. Zwar macht Putin den Eindruck, das russische Machtsystem nach wie vor unter Kontrolle zu haben. Doch dass immer häufiger Enthüllungen über den Reichtum seiner Umgebung veröffentlicht werden, muss ein Alarmzeichen für den Präsidenten sein. Denn einige Daten stammen direkt aus dem Machtapparat. Dass selbst die Kreml-nahen Journalisten Putins Verfassungsreform in Frage stellen, ist ebenfalls besorgniserregend. Ganz ohne Veränderungen wird Putin 2021 nicht auskommen, denn seine alte Show trägt nicht mehr.

Quelle: ntv.de

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