Widerstand in besetzter Ukraine"Die Russen sollen sich nie sicher fühlen"

Mit gelb leuchtenden Bändern, Graffiti und anonymen Online-Kampagnen setzen Zehntausende Ukrainer jeden Monat ein Zeichen gegen die russische Besatzung - und riskieren dafür alles. Ein Gespräch mit dem Koordinator der Widerstandsbewegung "Yellow Ribbon".
Das Treffen findet nur unter Vorsichtsmaßnahmen statt: online, anonym und ohne Videoübertragung. Der Stimme nach ist er jung, spricht ausgezeichnetes Englisch und wirkt gut gelaunt. Er nennt sich Iwan und sagt, er sei 25 Jahre alt. Sollten die Russen seine wahre Identität aufdecken, drohen ihm eine lange Gefängnisstrafe mit Hunger und Folter, möglicherweise der Tod.
Denn Iwan ist Chef der größten zivilen Widerstandsbewegung der besetzten Ukraine ,"Yellow Ribbon", zu Deutsch: gelbes Band. Zusammen mit einem Kollegen rief er diese kurz nach Beginn der russischen Großinvasion ins Leben. Damals marschierten die Russen in seine Heimatstadt Cherson ein. Als die Russen eine öffentliche Demonstration gewaltsam zerschlugen, war die Widerstandsbewegung geboren.
Iwan ist nach der Befreiung seiner Stadt freiwillig ins weiterhin russisch besetzte Gebiet gegangen. Wo genau er sich zum Zeitpunkt des Gesprächs aufhält, möchte er nicht verraten. Mit ntv.de spricht er über das Leben im Widerstand - und was ihn und seine Mitstreiter antreibt.
ntv.de: Wie kamen Sie dazu, Widerstand gegen die russischen Besatzer zu leisten?
Iwan: Vor der Besetzung von Cherson war ich ein gewöhnlicher junger IT-Ingenieur, der aus Spaß am Programmieren rund um die Uhr arbeitete. Als ich eines Morgens von Explosionen aufwachte, hielt ich das zunächst für Provokationen. Doch bald begannen die Russen, ihre Besatzungsbehörden einzurichten und sogenannte Referenden zu organisieren. Da war klar: Wir müssen dem entgegenwirken. Ähnliches hatten wir acht Jahre zuvor in Charkiw und im Donbas erlebt. Unsere letzte große Demo in Cherson fand am 27. April 2022 statt. Danach mussten wir öffentliche Proteste einstellen.
Warum?
Weil sie zu gefährlich wurden. Die Besatzer setzten Tränengas und Blendgranaten ein. Also gingen wir in den Untergrund, kommunizierten online und zeigten den Menschen, wie Widerstand sicher weitergehen kann.
Warum ist gewaltloser Widerstand so wichtig?
Er zeigt den Menschen, dass sie in der Besatzung nicht allein sind und dass es andere Ukrainer gibt, die auf die Befreiung ihrer Stadt warten. Denn Russland flutet unsere Städte mit Propaganda und versucht, ein Informationsvakuum zu schaffen. Überall heißt es, es gäbe keine Ukraine und die Ukraine habe euch "im Stich gelassen". Zugleich richtet sich die Botschaft an die Besatzer: Sie zeigt, dass es nicht ihr Land ist und sie sich dort niemals sicher fühlen werden. Pro-ukrainische Flugblätter, Graffiti und Aufkleber sollen russische Soldaten verunsichern - als Zeichen dafür, dass viele auf unsere Streitkräfte warten.
Wie kam es, dass Sie "Yellow Ribbon" gegründet haben?
Wir wollten ein Symbol des ukrainischen Widerstands schaffen, das in die Geschichte eingehen wird. Viele Ukrainer wollten Haltung zeigen, brachten sich dabei aber in große Gefahr. Sie handelten chaotisch, ohne Struktur - hier sahen wir unsere Aufgabe, denn nur der gut organisierte Widerstand kann funktionieren. Also haben wir eine Bewegung aufgebaut - mit klaren Botschaften, koordinierten Aktionen und konkreter Unterstützung für Menschen unter Besatzung. Wir haben den Menschen gezeigt, wie man sich und seine Familie schützt, zunächst mit Leitfäden, später mit Sicherheitstrainings. Heute betreuen wir den größten Chatbot zum Thema gewaltloser Widerstand. Er bietet Anleitungen und Unterstützung, von Cybersicherheit bis hin zu psychologischer Betreuung.
Warum ausgerechnet ein gelbes Band als Symbol des Widerstands?
Es war wichtig, dass das Symbol einfach, zugänglich und gut sichtbar ist. Die Leute können einfach irgendein gelbes Material nehmen, es zuschneiden und irgendwo festbinden.
Wer beteiligt sich an den Aktionen?
Wir wissen es nicht, denn die Identität unserer Aktivisten ist geschützt. Wir wissen nichts über sie, und sie kennen uns nicht.
Wie viele Menschen machen mit?
Ich kann es nicht genau sagen, aber unseren Chatbot nutzen mehr als 15.000 Ukrainer. Um sie zu betreuen, haben wir etwa 20 Koordinatoren in verschiedenen Städten. An manchen Aktionen nahmen 45.000 Menschen teil.
Wie verbreitet ist die Bewegung in den unterschiedlichen Regionen der Ukraine?
Unsere Aktivisten leben in den besetzten Gebieten von Cherson, Luhansk, Saporischschja, Donezk und natürlich auf der Krim. Es herrscht das Vorurteil, dort [auf der Krim] seien alle pro-russisch eingestellt. Aber zehntausende Menschen widersprechen Tag für Tag. Diese Menschen wollen, dass die Ukrainer in Lwiw oder Kiew von ihren Landsleuten wissen, die Widerstand leisten, nicht aufgeben und gefährliche Dinge unternehmen, damit die Ukraine diesen Krieg gewinnt.
Sie selbst haben die Besatzungszeit in Cherson erlebt, bis die Stadt im November 2022 befreit wurde. Später sind Sie ins besetzte Melitopol gezogen, dann in den besetzten Teil der Region Cherson. Wo sind Sie aktuell und warum haben Sie beschlossen, zurückzugehen?
Wo ich bin, kann ich aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Weil unsere Bewegung wächst, versuchen wir, lokale Netzwerke von Aktivisten aufzubauen, die sich selbst versorgen können. Vor Ort ist es einfacher, alles zu organisieren, denn wir müssen vertrauenswürdige Leute finden. Sobald unsere Mission abgeschlossen ist, ziehen meine Kollegen und ich weiter.
Sie posten im Netz Aktionen, bei denen Ukrainer ukrainische Symbole oder eine Botschaft auf einem Zettel wie etwa "Die Krim gehört zur Ukraine" versteckt in der Öffentlichkeit fotografiert haben. Was wird sonst unternommen?
Wir haben zwei Arten von Aktivitäten: offline und online. Offline ist definitiv gefährlicher. Im Moment ermutigen wir die Leute aber, mehr online zu arbeiten, zu ihrer eigenen Sicherheit. Das Verhältnis liegt etwa bei 60 Prozent offline und 40 Prozent online.
Wie sehen Offline-Kampagnen aus?
Wir haben in den drei Jahren wirklich viele Aktionen durchgeführt. Einmal haben wir ukrainische Flaggen auf den höchsten Punkten, zum Beispiel auf den Bergen der Krim, gehisst. Ein anderes Mal synchronisierten wir Bluetooth-Lautsprecher, um die ukrainische Nationalhymne auf den Straßen von Donezk und Luhansk zu spielen. Wir haben außerdem in allen besetzten Gebieten zahlreiche Graffitis angebracht.
Wie gefährlich ist das für die Aktivisten?
Jede dieser Aktionen ist ziemlich gefährlich, weil Russen die ukrainische Flagge und Symbole als terroristische Symbole betrachten. Wenn man ein blau-gelbes T-Shirt trägt oder nur die Fingernägel blau-gelb lackiert hat, wird man als Terrorist angesehen. Man kann dafür bis zu fünf Jahre Haft bekommen, aber auch nur eine Geldstrafe. Das hängt von der Stadt oder der Region ab.
Kennen Sie Fälle, in denen jemand aus Ihrer Bewegung erwischt wurde?
Ja, einige unserer Aktivisten haben Geldstrafen erhalten, weil sie unvorsichtig waren. Eine Kollegin wurde einmal von Sicherheitskameras gefilmt, wie sie "Ruhm der Ukraine" auf ein Gebäude malte. Wenn jemand verhaftet wird, versuchen wir, ihnen mithilfe verschiedener Menschenrechtsorganisationen zu helfen. Die Kollegin konnten wir freibekommen.
Wie schützen Sie sich vor russischer Infiltration?
Von Anfang an war klar: Jeder Fehler kann Menschen ihre Freiheit oder gar ihr Leben kosten. Die Organisation arbeitet abgeschottet - ohne Teilnehmerlisten oder offene Treffen. Kontakte werden auf das Nötigste reduziert, jeder kennt nur die für eine Aktion relevanten Informationen. Das senkt das Risiko von Infiltrationen - doch eine absolute Garantie gibt es nicht.
Neben absoluter Anonymität setzen wir auf Überprüfungen. Wir analysieren Aktivisten über einen längeren Zeitraum und geben ihnen immer wieder unterschiedliche, voneinander unabhängige Aufgaben. Wenn ein Russe ein paar Plakate für uns aufhängt, bedeutet das nicht, dass wir ihm vertrauen. Die Russen haben anfangs auch systematisch versucht, unseren Chatbot zu hacken - jedoch vergeblich.
Was bewegt Sie und die Menschen denn, trotz aller Gefahren, in den besetzten Gebieten zu bleiben?
Ich glaube, die russische Invasion 2022 hat gezeigt, dass die Russen besiegbar sind. Während wir gewaltlosen Widerstand leisten, organisieren andere zusammen mit Beratern von ukrainischen Spezialeinheiten längst den gewaltsamen Widerstand. Sie haben gesehen, dass die Russen scheitern und um ihre Gebiete fürchten. Warum sollten sie die Besatzung also hinnehmen, wenn sich ihnen diese historische Chance bietet?
Haben Sie auch mal Angst?
Angst ist eine normale und menschliche Reaktion. Niemand lebt unter der Besatzung in einem Zustand permanenten Mutes. Es ist vielmehr eine ständige innere Anspannung. Man lebt im Bewusstsein, dass jede Kleinigkeit Konsequenzen haben kann. Gleichzeitig wächst das Gefühl, nicht allein zu sein, und dass selbst kleine Handlungen zählen, um die Verbindung zur Ukraine aufrechtzuerhalten. Es ermöglicht, das Leben im Untergrund zu ertragen und trotz der Angst weiterzuleben. Für mich als Koordinator ist noch ein anderes Gefühl entscheidend - in erster Linie trage ich Verantwortung für andere. Aber die Bewegung ist seit über drei Jahren aktiv - man gewöhnt sich daran, lernt, passt sich an.
Mit "Iwan" sprach Kristina Thomas