Politik

Misstrauen und Hass sitzen tief "Die Schwierigkeiten in Mossul kommen noch"

Wie geht es weiter nach dem Rückzug des IS und der Rückeroberung wichtiger Städte im Nordirak durch irakische Regierungstruppen? Antonia Rados, für n-tv im Irak unterwegs, glaubt nicht an eine schnelle Rückkehr zum Alltag.

n-tv: Sie haben das Leid der Flüchtlinge gezeigt. Die Regierungstruppen melden nun stolz Geländegewinne. Wie entscheidend sind diese ersten Tage der Offensive?

Antonia Rados: Diese ersten Tage haben vor allem symbolischen Charakter. Karakusch, die größte christliche Stadt im Irak, ist gestern offenbar eingenommen worden. Sie war übrigens schon seit zwei Jahren von ihren Bewohnern geleert.

Wo sind die Menschen hin?

Sunniten, Schiiten und Kurden im Irak

Sie glauben beide an den Islam. Doch seit Jahrhunderten sind sie verfeindet. Als die muslimische Gemeinde sich im 7. Jahrhundert über die Frage der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten Mohammed zerstritt und spaltete, bildete sich die sunnitische und die schiitische Glaubensrichtung, die beiden größten des Islam. Seitdem ist das Misstrauen auf beiden Seiten riesig.

Besonders im Irak, einem der wenigen muslimischen Länder, in denen die Schiiten mit knapp 60 Prozent die Mehrheit stellen. Die schiitisch dominierten Regierungstruppen und vor allem ihre Miliz sehen in Sunniten potenzielle Anhänger des IS. Der IS selbst forcierte die Botschaft, für die Rechte der Sunniten zu kämpfen. Bei der Rückeroberung der Stadt Falludscha im Juni 2016 soll es deshalb zu willkürlichen Hinrichtungen sunnitischer Männer gekommen sein.

Die Sunniten dagegen sehen sich von der Regierung in Bagdad ohnehin nicht mehr vertreten seit dem Sturz des früheren Machthabers Saddam Hussein - einem Sunniten. Saddam Hussein hatte die Schiiten im Irak stets unterdrückt.

Die Kurden wiederum liebäugeln bereits mit der endgültigen Abspaltung des kurdischen Autonomiegebiets im Norden des Iraks und halten eine Dreiteilung des Landes für das Vernünftigste. Der militärische Teil der Rückeroberung Mossuls dürfte wegen alledem einfacher werden als das Danach.

Zum Beispiel hierher, nach Erbil, wo ich mich gerade aufhalte. In dem Viertel der Christen, die aus Karakusch geflohen sind, habe ich mit den Leuten gesprochen. Interessant ist vor allem, dass hier alte Leute sind. Die Jungen, sagt man uns, sind in der Zwischenzeit, in den vergangenen zwei Jahren, weitergezogen.

Weitergezogen? Wohin?

Die meisten befinden sich derzeit in Europa.

Werden sie zurückkehren?

Das kann ich nicht beurteilen. Für die christliche Gemeinde im Irak war die Einnahme Karakuschs durch den IS vor zwei Jahren ein schwerer Schlag gewesen. Jetzt aber keimt zumindest die Hoffnung, dass früher oder später ein Teil der Bewohner in die christlichen Orte zurückkehren kann.

Wie muss man sich die bevorstehende Offensive in Mossul selbst dann vorstellen? Wird das ein blutiger Häuserkampf?

Das ist zu befürchten.

Obwohl der IS geschwächt scheint.

Da darf man sich nicht täuschen lassen. Man muss von einem sehr langen und schwierigen Kampf ausgehen. Sondereinheiten der irakischen Armee werden nun nach Mossul hineingehen und dort versuchen, eventuelle IS-Kämpfer zu fassen.

Wann könnte die Stadt wieder ein normales Leben, so etwas wie Alltag finden?

Erst viel später. Wenn diese Zwei-Millionen-Stadt, die zweitgrößte im Irak, von allen Sprengfallen und allen möglichen Kämpfern befreit ist, dann erst wird die Bevölkerung vielleicht zurückkehren. Ich sage bewusst vielleicht, weil sich die Frage stellt, ob die Menschen zurückkehren wollen. Das große Problem ist, dass Mossul eine hauptsächlich von Sunniten bewohnte Stadt ist beziehungsweise war. Und es gibt auch noch Hunderttausende Bewohner dort. Die werden ganz sicherlich feindlich gegenüber der irakischen Armee und den Kurden eingestellt sein. Es ist also zu erwarten, dass die Schwierigkeiten der Rückeroberung von Mossul eigentlich noch bevorstehen.

Quelle: ntv.de