Reisners Blick auf die Front"Die Ukraine sieht in der Situation im Nahen Osten auch eine Chance"
Weniger Aufmerksamkeit, weniger Ressourcen, weniger Sicherheit: Der Krieg im Iran bedeutet für die Ukraine geopolitisch vor allem Verzicht. Ein bestimmter Umstand könne Kiews Truppen aber helfen - vielleicht sogar finanziell, sagt Oberst Reisner.
ntv.de: Die Eskalation mit Iran und die Blockade der Straße von Hormus wirken auf den Ukraine-Krieg. Steigende Energiepreise und knappere Ressourcen lassen in der EU Zweifel wachsen, wie viel militärische und finanzielle Unterstützung für Kiew politisch noch machbar ist. Welche Auswirkungen bekommt die Ukraine bereits zu spüren?
Markus Reisner: Die Ukraine versucht, weiter im Gespräch zu bleiben. Sie benötigt auch weiterhin Unterstützung durch die USA und Europa. Der Krieg im Iran wird für die USA immer unkontrollierbarer, obwohl US-Präsident Donald Trump das Gegenteil behauptet. In der US-Regierung gibt es immer mehr Stimmen, die sich fragen: Was ist eigentlich das Kriegsziel? Jetzt versucht Trump, die Nato-Mitglieder für eine Mission in der Straße von Hormus in die Pflicht zu nehmen - indem er ihnen droht. Das zeigt, wie weit sich die USA als wichtigste Unterstützer von der Ukraine wegdrehen und andere Kriegsschauplätze ins Visier nehmen.
Gibt es dafür weitere Anzeichen?
Trump behauptete neulich, das Hindernis zwischen Krieg und Frieden in der Ukraine heiße nicht Wladimir Putin, sondern Wolodymyr Selenskyj. Die Ukraine versteht diese Signale. Sie versucht diese Lücke, die die USA hinterlassen, zu füllen - und wendet sich an die Europäer. Aber die Europäer stecken in einem Dilemma: Sollen sie jetzt die Amerikaner unterstützen oder wollen sie es riskieren, sich vom Krieg im Iran abzuwenden und Trump vor den Kopf zu stoßen? Und welche Ressourcen haben sie denn überhaupt noch, um die Ukraine zu unterstützen?
Wie würden Sie diese Frage beantworten?
In Brüssel verhindern die Vetos Ungarns und der Slowakei, der Ukraine den zugesagten Kredit von 90 Milliarden Eurom zu überweisen. Dieses Geld brauchen der ukrainische Staat und das ukrainische Militär dringend. Aus rein militärischer Sicht braucht die Ukraine vor allem Fliegerabwehrraketen für die Systeme Patriot und SAMP/T. Die Ukraine kann die Russen zwar bis hin zur operativen Ebene durch den Einsatz vieler tausend Drohnen auf dem Gefechtsfeld auf Distanz halten. Eine Herausforderung ist aber die Abwehr der strategischen Luftangriffe der Russen, die alle fünf bis zehn Tage stattfinden. Die Ukraine hatte bereits angeboten, Patriot-Fliegerabwehrraketen selbst zu produzieren. Aber die USA wollen die eigene Produktion behalten. Da die Produktionsrate nicht erhöht wird, sind die Raketen nur in eingeschränktem Umfang verfügbar. Das verschärft sich noch durch den israelisch-amerikanischen Krieg im Iran.
Der Iran hat der Ukraine nun mit einem Angriff gedroht wegen der angeblichen ukrainischen Drohnenhilfe für Israel. Was steckt dahinter?
Die Ukraine sieht in der Situation im Nahen Osten auch eine Chance. Der Iran setzt für Angriffe auf Israel neben ballistische Raketen vor allem billige Schahed-Drohnen ein. Die israelischen Abschussraten und die der Golfstaaten sind bei den iranischen Attacken hoch. Sie holen aber Raketen und Drohnen auch durch den Einsatz von Patriots vom Himmel. Die Patriots sind teuer, die iranischen Drohnen billig. Zu Beginn des Krieges setzte der Iran über 500 Drohnen täglich ein. Die Ukraine hat den Golfstaaten angeboten, ihre Expertise zur Verfügung zu stellen, um diese langsam fliegenden Drohnen abschießen zu können. Die Ukraine sagt: Wir können euch eine billige Alternative anbieten - und hofft, von den Golfstaaten dafür Patriot-Raketen zu bekommen oder vielleicht finanzielle Unterstützung. Der Iran möchte somit verhindern, dass die Ukraine den Golfstaaten und den USA ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellt. Es würde die Wirkung der iranischen Angriffe minimieren.
Russland hat von den Iranern gelernt und setzt ebenfalls billige Shahed-Drohnen in der Ukraine ein. Wo und wie werden diese Drohnen produziert?
Die Russen haben sich bei den Iranern bereits 2022 durch den Einsatz von billigen, aber wirkungsvollen Waffenträgern bedient. Durch die Schahed-Drohnen konnten die Russen den Druck aufrechterhalten, vor allem in den ersten Phasen des Krieges, als sie noch weniger ballistische Raketen und Marschflugkörper herstellen konnten. Inzwischen kombinieren die Russen die Angriffe mit Schahed-Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen. Früher bekamen die Russen die Drohnen aus dem Iran, inzwischen bauen sie diese nach. Die Russenwollen 2026 insgesamt 40.000 Stück produzieren. . Dafür haben sie in Alabuga eine Sonderwirtschaftszone eingerichtet mit nordkoreanischen Arbeitern, die im Drei-Schicht-Betrieb liefern. Ziel ist es im Monat 6000 Stück zu produzieren. Mittlerweile gibt es auch Berichte, wonach die Russen wiederum Drohnen an die Iraner geliefert haben.
Stellt man die nächtlichen Luftangriffe der Russen auf die Ukraine grafisch dar, ergibt sich ein Muster. Es gibt einerseits Tage, an denen neben Raketen und Marschflugkörpern mit Hunderten Drohnen angegriffen wird - andererseits Tage mit wenigen Dutzend Drohnenattacken. Lässt sich aus den regelmäßigen Unterbrechungen herauslesen, dass Russland Waffensysteme für größere Schwarmangriffe aufsparen muss?
Davon können Sie ausgehen. Sie sehen am Verlauf der Grafik: Es hat eine Steigerung gegeben vom Beginn des Jahres 2025 an. Das zeigen die Spitzen an den Tagen mit schweren Angriffen, die bis zum Januar dieses Jahres immer höher werden. Der Anteil der Raketen und Marschflugkörper wird moderat gesteigert, aber bleibt überschaubar. Es sind vor allem die vielen Drohnen, die den Unterschied machen - die einerseits die Fliegerabwehr auf Trab halten, andererseits auch Ziele treffen. Jede dieser Drohnen ist beladen mit wirkungsvollen Sprengkörpern. An den Produktionsseriennummern der abgestürzten Raketen und Marschflugkörpern erkennt man zudem, dass die Russen nicht ihre Lagerbestände nutzen. Nein, sie produzieren laufend. Und wenn sie eine gewisse Stückzahl produziert haben, dann setzen sie diese auch gleich wieder ein. Darum gibt es alles fünf bis zehn Tage diesen Unterschied zwischen diesen Angriffen in der Grafik.
Ukrainische Truppen haben Geländegewinne bei Kupjansk, um Huljapole sowie im Raum Kostjantyniwka erzielt. Inwiefern stehen die russischen Truppen unter Druck?
Seit Beginn des Februars hat die Ukraine es geschafft, dort signifikant Gelände in Besitz zu nehmen, zwischen 400 und 500 Quadratkilometer. Das ist mehr als die Russen an dieser Stelle letztes Jahr in Besitz genommen haben. Der Hintergrund dieses Angriffes war der Versuch der Ukraine, den Angriff der Russen Richtung Westen Richtung Saporischschja aufzuhalten. Die Ukraine griff die nördliche Flanke der russischen Offensive an. Tatsächlich haben die Angriffe der Russen bei Huljapole dann nachgelassen. Sie versuchen jetzt zum Teil wieder frontal anzugreifen vom Süden in Richtung Norden.
Also werden die Russen in die Defensive gedrängt?
Die Offensivanstrengungen der Russen werden sich dieses Jahr mit dem Beginn des Frühjahrs und später auch mit der Sommeroffensive wieder verlagern, vor allem auf das sogenannte Festungsdreieck des Donbass. Das Dreieck reicht von Slowjansk über Kramatorsk hinunter nach Kostjantyniwka. Die Russen werden versuchen, das Festungsdreieck von Norden und von Süden zu umfassen . Ob das gelingt, sei dahingestellt, aber es ist zumindest der Versuch erkennbar durch das Zuführen von Kräften. Die Russen werden zudem in die Offensive gehen, sobald die Bäume ab dem Frühjahr wieder Laub tragen und sie besser vor Drohnenangriffen schützen.
Russland muss laut dem Institute for the Study of War (ISW) bereits Eliteverbände umlenken, was eine größere Sommer Offensive gegen den ukrainischen Fortress Belt einschränken könnte. Wie schätzen Sie das ein?
Der Vormarsch der Ukraine muss natürlich zunächst von den Russen abgewehrt werden. Einer der ersten Eliteverbände, die eingesetzt werden, ist meist die Drohneneinheit Rubicon. Sie wird auf operativer Ebene in die Schwergewichtsräume verlegt, um dort sofort zu agieren. Dahinter steckt eine gewisse Strategie. Der Angriff der Ukraine im Raum Kursk, der in letzter Konsequenz gescheitert ist, hatte damals den Hintergrund, dass man die Russen, die einen enormen Druck im Donbass ausgeübt haben, zwingen wollte, die Kräfte nach Kursk zu verlagern. Das haben die Russen dann auch gemacht. Das Katz-und-Maus-Spiel befeuern beide Seiten, um zu verhindern, dass nur eine Seite in der Lage ist, ein Schwergewicht zu bilden. Deshalb provoziert die Ukraine nun wieder die Verlegung der russischen Eliteeinheiten. Alles, was wir sehen, ist typisch für einen Abnützungskrieg. Der Ausgang noch immer völlig offen. Verlieren wird die Seite, die keine Ressourcen mehr aufbringen kann.
Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl
