Politik

Zittern von Texas bis Florida Diese Staaten entscheiden die US-Wahl

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Trump oder Biden? Es wird eng.

(Foto: REUTERS)

Bleibt Donald Trump vier weitere Jahre im Weißen Haus oder steigt Joe Biden zum Präsidenten auf? Die Präsidentschaftswahl in den USA wird nur in einem Bruchteil der 50 Bundesstaaten entschieden. Dramatisch könnte es mal wieder in Florida werden.

In jüngsten nationalen Umfragen hat Joe Biden fünf bis neun Prozentpunkte Vorsprung auf Donald Trump und darf sich damit berechtigte Hoffnungen machen, dass er der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Doch diese scheinbar komfortable Führung hat Tücken. Zum einen hat Trump schon vor vier Jahren einen Rückstand gedreht. Zweitens ist der sogenannte "Popular Vote" für den Wahlausgang nicht entscheidend. "Es gewinnt nicht der oder die Kandidatin mit den meisten Wählerstimmen, sondern mit den meisten Wahlmännern", erklärt Politikwissenschaftler Christian Lammert vom John-F-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Das amerikanische Volk wählt seinen Präsidenten nur indirekt durch das sogenannte "Electoral College", dem Wahlmännergremium. Sieger ist der Kandidat, der 270 dieser Wahlmännerstimmen auf sich vereinen kann. Jeder Bundesstaat entsendet je nach Bevölkerungsstärke unterschiedlich viele Wahlleute. "In fast allen Staaten wird das Winner-takes-all-Prinzip angewandt. Das heißt, der oder die Kandidatin mit den meisten Stimmen bekommt alle Wahlleute. Das führt natürlich zu Verzerrungen", unterstreicht Lammert.

Solche Verzerrungen haben Hillary Clinton um die Präsidentschaft gebracht. Sie hatte 2016 zwar fast 66 Millionen Stimmen bekommen und damit drei Millionen mehr als Donald Trump. Allerdings hat Trump wichtige "Swing States" geholt und am Ende mit 304 zu 227 Wahlleuten gewonnen. Das war schon das fünfte Mal in der US-Geschichte, dass der Wahlsieger mit weniger Stimmen Präsident geworden ist. Das war auch im Jahr 2000 zwischen George W. Bush und Al Gore der Fall, davor dreimal im 19. Jahrhundert.

Es gibt viele US-Staaten, in denen weder Demokraten noch Republikaner Wahlkampf machen müssen, denn eine der Parteien ist klar im Vorteil, das Ergebnis steht mehr oder weniger vorher fest. "Dann fokussiert man sich eben auf diese wenigen Staaten, die Swing oder auch Battleground States genannt werden. Dort ist das Rennen zwischen Demokraten und Republikanern traditionell knapp", berichtet Lammert.

Seit 1964 kein demokratischer Sieg

Donald Trump kann vor der diesjährigen Wahl ganz sicher auf die Stimmen der Wahlleute in neun Bundesstaaten zählen. Alaska, Idaho, Kansas, Nebraska, Oklahoma, North Dakota, South Dakota, Utah und Wyoming haben seit einschließlich 1968 immer für den republikanischen Kandidaten gestimmt, sie sind sichere "Red States". Als letzter Demokrat konnte sich 1964 Lyondon B. Johnson in den dünn besiedelten Staaten durchsetzen. Einer sicheren Mehrheit steuert Trump zudem in Alabama und Mississipi entgegen, wo die Republikaner seit 1980 vorne liegen. Nichts anbrennen dürfte zudem in Arkansas, Indiana, Kentucky, Louisiana, Missouri, Montana, Tennessee und West Virginia. Insgesamt kann der amtierende Präsident also mit 19 Staaten und deren 117 Wahlleuten sicher planen. Bis zu den magischen 270 ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Bei Joe Biden sind es neben der Hauptstadt Washington D.C. 17 Bundesstaaten, die als demokratische Hochburgen durchgehen. Darunter das bevölkerungsreiche Kalifornien sowie New York, die zusammen alleine bereits 84 Wahlleute entsenden. Hinzu kommen Washington und Oregon im Nordwesten, Connecticut, Delaware, Maine, Maryland, Massachusetts, New Jersey, Rhode Island, Vermont, Virginia im Nordosten der Staaten. Beruhigend ist die Ausgangslage aus Sicht von Joe Biden auch in Colorado, Illinois, New Mexico und auf Hawaii. Erlebt der Ex-Vizepräsident in diesen Staaten keine Überraschungen, kommt er auf 210 Wahlleute.

In 36 der 50 Bundesstaaten ist das Ergebnis somit absehbar, es bleiben nur 14 Staaten übrig, in denen das Rennen knapp ist. Dazu zählt mit Abstrichen South Carolina und etwas überraschend auch Texas, wo die Republikaner seit 1980 immer gewonnen haben. "Ich wäre vorsichtig, den Demokraten jetzt schon Hoffnung zu machen, dass sie dort gewinnen können, weil die Republikaner in den Umfragen schon noch einen Vorteil haben", merkt Lammert an. Allerdings habe sich der "Lone Star State" gewandelt, weil Städte wie Houston gewachsen sind und die "Demokraten in diesen Städten und vor allem in den Vorstädten sehr gut mobilisieren."

Republikaner zittern um Texas

Knapp ist das Rennen auch in Georgia, seit 1996 ein roter Staat, und in Iowa. Hier hat Trump 2016 ebenfalls gewonnen, laut aktueller Umfragen ist er aber nur knapp vorne. Gewinnt er in South Carolina, Texas, Georgia und Iowa dennoch, käme er auf 186 Wahlleute.

Bei den Demokraten sind von den 20 Staaten, die bei der vergangenen Wahl an sie gingen, drei gefährdet. In Minnesota, dort war das Rennen vor vier Jahren besonders knapp, hat Biden im Durchschnitt aller Umfragen knapp zehn Prozentpunkte Vorsprung. In New Hampshire und Nevada liegt er nur fünf bis sechs Prozentpunkte vorne. Sofern es dabei bleibt, hätte Biden 233 der nötigen 270 Wahlleute sicher.

Übrig bleiben sieben hart umkämpfte Bundesstaaten: Arizona, Florida, Michigan, North Carolina, Ohio, Pennsylvania, Wisconsin. Gewinnt Biden vier dieser Staaten, ist er definitiv neuer US-Präsident.

2016 gewann Trump Pennsylvania mit wenigen Tausend Stimmen Vorsprung auf Hillary Clinton. Aktuell hat Biden die Nase knapp vorn, vier Prozentpunkte Vorsprung in den Umfragen sind allerdings ein unsicheres Blatt. "Biden ist in Pennsylvania geboren, dann aber ziemlich früh mit seinen Eltern nach Delaware gezogen. Das versucht Trump momentan auszunutzen. Er sagt, Biden habe Pennsylvania im Stich gelassen. Umfragen zeigen momentan dennoch, dass es hier nicht schlecht aussieht für die Demokraten, aber auch nicht gut", sagt Lammert. Viele Wählerinnen und Wähler würden nach wie vor an Trump und seine Versprechen glauben, erklärt der US-Experte. "Das gilt auch für Michigan und Wisconsin, wo es viel Stahlindustrie und Autoindustrie gibt. Auch hier müssen die Demokraten versuchen, die weiße Arbeiterschicht zurückzugewinnen. Da haben sie momentan noch Probleme."

Wahldrama im "Sunshine State"

Noch umkämpfter ist das Rennen laut Umfragen in Ohio. Bidens Vorsprung liegt bei durchschnittlich zwei Prozentpunkten. Auch in North Carolina und Florida, dem Schlüsselstaat schlechthin, läuft es auf einen Münzwurf hinaus. Zumal der "Sunshine State" immer für ein knappes Wahlergebnis gut ist. Legendär ist das Duell zwischen George W. Bush und Al Gore bei der Präsidentschaftswahl 2000. Bei knapp sechs Millionen abgegebenen Stimmen lag Bush am Ende 537 (!) Stimmen vor Gore. Über Wochen wurde immer wieder nachgezählt, bis heute ist das Endergebnis umstritten. Eine Wiederholung des Wahldramas ist 2020 nicht ausgeschlossen.

"Es kommt ganz zentral auf Florida an. Wer da gewinnt, hat sehr gute Chancen. Wenn Biden gewinnt, ist die Wahl schon fast gelaufen", prognostiziert Lammert. "Biden hatte einen Vorteil, Trump hat die letzten Wochen aber massiv aufgeholt. Das liegt vor allem an der hispanischen Bevölkerung, die in Florida sehr heterogen ist." Außerdem sei die kubanische Community auf Trumps Seite, "weil er wieder seinen harten Kurs gegenüber Kuba fährt. Das kommt bei dieser Wählergruppe gut an."

Auf der anderen Seite leben in Florida aber auch viele Menschen, die vor Naturkatastrophen geflüchtet sind. "Viele kommen aus dem US-Außengebiet Puerto Rico, deshalb haben sie bereits Wahlrecht", erklärt Lammert. Die große Frage sei, ob die Demokraten diese und andere Wählergruppen ausreichend mobilisieren können. Gelingt das nicht, könnten viele Stimmen für Joe Biden auf der Strecke bleiben. "Ein weiterer Faktor sind die Rentner. Florida ist der Rentner-Staat, es gibt dort einige Gated Communities." Traditionell würden die Ruheständler eher republikanisch wählen, allerdings seien viele als Hochrisikogruppe von Trumps Corona-Politik abgeschreckt, berichtet der Politikwissenschaftler.

Seit 1996 ist immer der Kandidat ins Weiße Haus eingezogen, der Florida gewonnen hat. Holt Joe Biden zusätzlich noch Ohio, ist er am Ziel. Zumal der "Buckeye State" die beste Serie aller US-Bundesstaaten vorweisen kann. Seit der Wahl 1964 wurde immer Präsident, wer in Ohio siegreich war.

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Wie zockt Boris Johnson mit dem Brexit? Wie funktioniert Nordkoreas Youtube-Propaganda? Und warum können Wurstbrote die Afrikanische Schweinepest verbreiten? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de