Politik

Ex-NATO-General im Interview Domröse: "Putin wird Kiew austrocknen"

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Putin will in der Ukraine Tabula rasa machen, so Domröse.

(Foto: picture alliance / dpa)

Militärisch sind die ukrainischen Streifkräfte gegen Russland chancenlos, urteilt der frühere NATO-General Domröse. Er geht von einer Belagerung der Hauptstadt Kiew aus, die vor allem die Zivilbevölkerung treffen wird. Aber auch für die baltischen Länder ist die Gefahr groß, sagt er im ntv-Interview.

ntv: Russland und die Ukraine stehen sich militärisch gegenüber. Wie viele Soldaten, Panzer, Flugzeuge und Schiffe haben die beiden Länder jeweils?

Hans-Lothar Domröse: Russland hat über eine Million Soldaten, die Ukraine ungefähr 200.000. Darum geht es aber nicht. Russland ist eine Weltmacht, militärisch zumindest. Sie ist eine Hightech-Force. Von Satelliten, über Cybertechnologien, Landungsboote, Marine, Luftwaffe, Heereskräfte. Putin hat also, was man braucht, um einen Feldzug zu führen. Und das setzt er jetzt auch alles gleichzeitig ein.

Wie sieht das ukrainische Militär aus?

Das kann ich Ihnen im Detail nicht sagen. Als ich zuletzt da war, im Jahr 2014, war das im Wesentlichen alles russisches oder sowjetisches Material. Es sind auch die älteren Offiziere russisch geprägt und erzogen. Unterm Strich sind sie natürlich nicht modernisiert worden von Russland. Sie haben ein paar einzelne Abwehrwaffen, zum Beispiel aus England, die sicherlich gut sind. Aber das sind handgestützte Dinger auf der Schulter. Ich will damit sagen, es ist keine Hightech-Armee. Das ist gegen Russland nicht zu gewinnen. Alleine kann das kein einziges NATO-Land. Gegen eine Weltmacht ist man bedauerlicherweise immer unterlegen.

Wo genau sind die russischen Truppen stationiert und wie wird der Krieg jetzt verlaufen?

Ich glaube, Präsident Putin macht das geradezu klassisch. Wir müssen erstmal sehen, was die Absicht ist. Wir haben immer überlegt, was will Putin mit diesen 150.000-200.000 Truppen, die kreisförmig um die Ukraine stehen. Wir haben gedacht, es geht um den Donbas. Dann haben wir das Schauspiel mit den beiden Volksrepubliken miterlebt. Und dann haben wir seine fürchterliche Ukraine-Rede gehabt. Da war das erste Mal die Rede davon, dass Präsident Putin der Ukraine das Souveränitätsrecht abspricht. Er sagt also, sie haben im Grunde kein Lebensrecht. Das wäre so, als würden sie einem Nachbarn die Menschenrechte absprechen. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann spricht Präsident Putin von Entnazifizierung und Entwaffnung. Er will also Tabula rasa machen.

Wie macht er das militärisch?

Taktisch. Strategisch macht er das ganz richtig, ein Zangenangriff von allen Seiten, mit Luftschlägen, um zumindest bei der eigenen Truppe nicht unnötig Blut zu vergießen. Er setzt Cybertechnologien ein, das heißt, er legt etwa Industrieanlagen und Telefonnetze still. Er wird in Kürze die Luftherrschaft haben und kann sich dann, ganz gemächlich, auf dem Boden bewegen. Wir haben gesehen, wenn er die westlichen Flughäfen an der polnischen Grenze zerschlägt, dann wissen die Luftfahrzeuge gar nicht mehr, wo sie landen sollen. Über kurz oder lang, er wird sie enthaupten wollen. Strangulieren in Kiew. Alles andere so weit herunterwürgen, bis sich der militärische Arm nicht mehr bewegt. Das ist mein großes Bild. Er will die komplette Ukraine haben.

Auf welcher Grundlage will er das?

Präsident Putin strengt doch sehr die Geschichte an, in dem er sagt, er muss jetzt einmarschieren. Üblicherweise sagt man, ich muss einmarschieren, weil ich angegriffen wurde. Aber er hat die Frechheit zu sagen, er ist gar nicht angegriffen worden. Er müsse einmarschieren, um einen "Genozid" zu vermeiden. Als würden dort pausenlos irgendwelche russischen Bürger umgebracht werden, wie damals in der Nazizeit. Er greift zu diesem Vokabular, um die Nationalisten hinter sich zu bringen. Also zu einer Fake-Story. Damit ist er nach unserer Redensart ein Kriegsverbrecher.

Können Sie das von Ihnen angesprochene Bild der Enthauptung nochmal zusammenfassen?

Er wird die Hauptstadt umstellen. Ich verstehe die Menschen, die zu Tausenden raus aus der Stadt wollen. Er wird Kiew sozusagen austrocknen, wie im Zweiten Weltkrieg Warschau. Aushungern, auslagern, und irgendwann, nach 24 Stunden, nach einer Woche, nach zwei Wochen, kommt der letzte friedliche Bürger aus dem Keller raus, weil er Wasser braucht. Es ist tragisch. Wenn dann die Streitkräfte schon zerschlagen sind, die Kasernen, Panzer und Flugplätze kaputt, dann wird das arme ukrainische Volk in die Knie gezwungen. Irgendwann wird einer unterschreiben müssen, um noch mehr Schaden zu verhindern und sagen müssen, ich gebe auf. Das ist mein Schreckensszenario. Und dann wird irgendeine Marionette eingesetzt in Kiew, erlauben Sie mir den Begriff, irgendein Wladimir 2.0. Der wird dann sagen: "Endlich bin ich befreit. Das Morden hat ein Ende und jetzt können wir frei atmen." So etwa läuft das dann ab.

Wie lange wird die Ukraine durchhalten können?

Russland wird Geschwindigkeit aufnehmen, es wird Druck machen und versuchen, die Ukraine zu überrollen. In diesem Dahinsiechen wird der Angreifer so schnell wie möglich versuchen, in Kiew eine Regierung zu bilden. Mir fällt es momentan schwer, eine Prognose zu geben, aber das Ziel wird sein, das innerhalb einer Woche zu machen, womöglich schneller. Ich wünschte, es wäre anders, aber ich sehe da eher schwarz. Verzeihen Sie mir den Ausdruck: Es ist eine militärische Kunst, die die Russen beherrschen. Es wird fürchterlich.

Wie verlustreich wird der Krieg voraussichtlich?

Das hängt vom Widerstand ab. Wenn die sich ruckzuck ergeben, wenn die Übermacht so groß ist, dass sie quasi durchrollt, kann das innerhalb von 72 Stunden beendet sein. Und relativ unblutig. Jeder einzelne Mensch, der jetzt stirbt, ist einer zu viel. Ich bitte, das richtig einzuordnen. Aber Putins Ziel wird es sein, kein Blutbad anzurichten, sondern schnell durchzugehen. Präsident Selenskyj wird eines Tages, vielleicht sogar schon in wenigen Stunden, gezwungen sein, eine Entscheidung zu treffen.

Droht nach der ersten Phase denn jetzt eine Art Abnutzungskrieg?

Nein. Präsident Putin hat eine Million Soldaten, da gibt es noch keine Abnutzung. Bislang hält jeder trainierte Soldat das durch. Eine Abnutzung, also eine zweite Welle, kommt frühestens nach einer Woche. Das ist dann ein Automatismus, wie ein Zahnwerk rollt das ineinander über. Frische Kräfte lösen ermüdete Kräfte ab, die schlafen und kommen dann wieder. Und ehe wir gucken können, ist Putin schon durch.

Wie sinnvoll ist es, in der Ukraine Zivilisten mit älteren Waffen auszustatten? Ist das Symbolpolitik?

Ich bin nicht in der unglücklichen Position des dortigen Staatspräsidenten. Natürlich wird er sagen, alle Hände an die Waffen. All in, würde man das auf Englisch ausdrücken. Aber mit so einem bescheidenen Gewehr, bei untrainierten Menschen: Das ist Verzweiflung. Ich verstehe den Aufruf. Aber das ist keine geordnete Macht. Wir stehen einer sehr disziplinierten, sehr gut ausgebildeten, technisch hochgerüsteten Streitmacht gegenüber. Die Gewehrschützen sind brav, mehr nicht. Es tut mir im Herzen weh, das sagen zu müssen.

Wie gefährdet ist das Baltikum?

Sehr! Putin hat vor Weihnachten Forderungen an die NATO gestellt, auf die wir nicht eingehen können. Er fordert ein Rückrollen, auf die Zeiten von 1997. Das ist die Zeit, in der Deutschland vereinigt war und Polen und alle anderen Länder noch nicht in der EU waren, schon gar nicht in der NATO. Sie waren nicht im Warschauer Pakt, aber noch lange nicht im Westen. Da möchte er hin. Damit ist doch klar, wenn sich die Ukraine in irgendeiner Art auf Putinsche Weise geregelt hat, dann kommt der zweite Schritt, nämlich das 1997. Und damit ist das Baltikum in erster Linie gefährdet.

Welche Rolle spielt Kaliningrad dabei?

Kaliningrad ist eine Enklave und liegt zwischen Polen und Litauen. Es grenzt nicht an Weißrussland. Da ist ein in etwa 80 Kilometer langer Streifen dazwischen, wo die Polen nach Litauen fahren können, wo also das NATO-Gebiet verbunden ist. Das ist die nächste Gefahr, die sogenannte Solwaki Gap. Die Solwaki Gap ist gefährdet, weil eine Weltmacht wie Russland 80 Kilometer schnell besetzen kann. Genau in diesem Loch müssen die Amerikaner aufpassen. Also, wenn die Ukraine gemacht ist, setzt eine Beruhigung ein. Aber der Wunsch nach 1997 wird noch da sein. Deswegen müssen wir hellwach sein und gut ausgerüstete und gut ausgebildete Streitkräfte haben.

Wie gefährdet sind das Baltikum und die Menschen vor Ort?

Das Baltikum ist insofern sehr gefährdet, als es einerseits geografisch sehr klein ist. Man kann schnell durchfahren. Zweitens, ist es eine ehemalige Sowjetrepublik und gehört damit, nach Putins Verständnis, zu den Ländern, die eigentlich ihm gehören. Putin hat in seiner Rede der Ukraine ihre Souveränität abgesprochen. Morgen kann er Estland das Souveränitätsrecht absprechen, oder Litauen oder Lettland.

Was werden die nächsten Schritte für den Westen sein?

Das ist wie in jeder Partnerschaft. Sie können das Vertrauen haben oder sie können es verspielen. Präsident Putin hat, aus meiner Sicht, sein Vertrauen verspielt. Er hat hier, ohne einen erkennbaren Anlass, einfach einen Angriffskrieg gemacht. Das gehört eigentlich vors Kriegsgericht. Man kann ihm nicht trauen. Er hat das Minsker Abkommen, die friedliche Regelung im Normandie-Format, verletzt und mit Füßen getreten. Er hat Souveränitätsrechte mit Füßen getreten.

Was bedeutet das konkret?

Das heißt, wir werden sämtliche Verträge wahrscheinlich auf Eis legen. NATO-Russland-Rat, was will man denn da noch miteinander reden, mit einem Kriegsverbrecher? Den NATO-Russia-Founding -Act, also den Gründungsvertrag, den wir mit Russland im Zuge der deutschen Einheit geschlossen haben, wird vermutlich überprüft und ist im Grunde auch hinfällig. Dieser Präsident hat gegen alle Regeln verstoßen, die er selbst unterschieben hat. Auch der Helsinki-Prozess, das ist alles weg. Die Hoffnung oder die Illusion des Wandels durch Annäherung ist spätestens jetzt geplatzt. Wir müssen jetzt Realpolitik machen. Das beste Beispiel ist der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Rolf Mützenich. Er spricht vom Kriegsverbrecher, wollte im Sommer aber der Modernisierung der Bundeswehr nicht zustimmen. Man muss Klartext reden und das macht auch die Regierung.

Worauf müssen wir uns in Europa vorbereiten, wenn Putin tatsächlich in das Baltikum einmarschieren will?

Auf militärischer Seite müssen wir die Zeitlinien der Modernisierung der Bundeswehr verkürzen und beschleunigen. 2030 bis 2032 wollen wir voll ausgestattet sein. Das ist zehn Jahre zu spät. Wir müssen jetzt Gas geben. Nun bin ich mir darüber im Klaren, dass der Hubschrauber nicht wie der Polo im Schaufenster steht, wo man sagt, bitte einpacken, da nehme ich den Goldenen noch mit dazu. Was industriell möglich ist, muss man noch sehen. Aber wir wollen auch nicht überrannt werden, das ist ganz klar. Wir werden den Verteidigungshaushalt wahrscheinlich erhöhen müssen, weil High-Tech nun mal viel Geld kostet. Wir müssen das Geld aber irgendwo hernehmen. Das wird Verdrängungseffekte haben. Aber wenn die Streitmacht nicht ordentlich ausgerüstet ist, dann bringt das nichts. Wir müssen glaubhafte Abschreckung bringen, sonst überrollt Russland uns im Baltikum. Dann können wir Putin als Festredner zur Auflösung der NATO einladen. Das wollen wir nicht. Das will ich nicht.

Mit Hans-Lothar Domröse sprach Laura Maria Weber.

Quelle: ntv.de

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