Politik

Interview zu Coronakrise Drohen den Kliniken italienische Zustände?

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In Norditalien sind die Kliniken mit der Zahl der Corona-Patienten hoffnungslos überfordert.

(Foto: AP)

Deutschland rühmt sich damit, eines der besten Gesundheitssysteme der Welt zu haben. Doch die Coronakrise könnte die Kliniken auch hierzulande an ihre Kapazitätsgrenzen bringen, warnt Bernd Mühlbauer. Der Experte für Gesundheitsmanagement hält nicht die Zahl der Intensivbetten für das Problem, sondern das fehlende Pflegepersonal. Mit ntv.de hat er über die aktuelle Versorgungslage, mögliche Szenarien in der Coronakrise und die Versäumnisse der Politik gesprochen.

ntv.de: Herr Mühlbauer, Sie haben berechnet, dass bei maximaler Auslastung der Klinikbetten und 14 Tagen Isolation für jeden Corona-Infizierten maximal 660.000 Patienten im Jahr behandelt werden können. Das klingt erstmal recht viel …

Bernd Mühlbauer: Ja, aber wenn man das auf die jeweilige Region und das Krankenhaus herunterbricht, dann ist das nicht sehr viel. Wir haben in Deutschland circa 1900 Krankenhäuser. Wenn Sie sich vorstellen, dass jedes davon pro Tag ein bis zwei Patienten aufnehmen müsste, ist das auf den Monat gerechnet schon eine enorme Belastung. Hauptaufgabe ist jetzt, dass wir die Zahl der Aufnahmen von Patienten in ein Krankenhaus reduzieren.

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Bernd Mühlbauer unterrichtet Gesundheitsmanagement an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen.

(Foto: WH/BL)

Da setzt die Bundesregierung ja schon an. Sie hat die Kliniken angewiesen, geplante Operationen - wenn möglich - zu verschieben. Reicht das aus?

Mein Argument ist vor allem die personelle Situation. Wenn man nicht genügend Kapazitäten aufgebaut hat, ist das problematisch. Verschiedene Berichte aus Norditalien zeigen, dass dort bereits eine Hierarchisierung der Versorgung von Patienten einsetzt. Man beurteilt die Patienten also nach ihrer Lebensprognose. Das kennt man vor allem von Katastrophen. Nach dieser Logik bekommt derjenige Patient das Intensivbett, der die größte Überlebenswahrscheinlichkeit hat. Und das ist natürlich schlimm.

Drohen in deutschen Kliniken auch Zustände wie in Norditalien?

Die Verhältnisse sind in beiden Ländern grundsätzlich unterschiedlich. Alleine die Krankenhausdichte ist in Italien sehr viel geringer als in Deutschland. Und man hat erst relativ spät auf die Corona-Pandemie geantwortet. Das heißt aber nicht, dass die Kapazitäten in Deutschland ausreichen. Statistisch gesehen hätte man 28.000 Intensivbetten. Aber die stehen gar nicht zur Verfügung, weil sie durch Patienten mit anderen Krankheitsbildern belegt sind. Wenn jetzt schlagartig an mehreren Orten eine relativ hohe Zahl an Corona-Patienten eintreffen würde, dann hätten wir bei der Aufnahmekapazität regional bei einigen Krankenhäusern schon massive Probleme. Wir könnten sie dann vor Ort gar nicht versorgen.

An deutschen Kliniken fehlen schon jetzt 17.000 Pflegekräfte. Steuern wir sehenden Auges auf den Kollaps zu?

Nicht unbedingt. Die Strategie der Kliniken könnte wie folgt aussehen: Ein Krankenhaus hat jetzt - mit etwa 70 bis 80 Prozent Auslastung - alle Fachabteilungen gut gefüllt, örtlich sogar mit einer höheren Auslastung über 90 Prozent. Da gibt es auch Bereiche, die gar nicht mit Corona-Patienten konfrontiert wären. Dort würde man im Ernstfall keine Patienten mehr aufnehmen und diese Betten umwandeln - in Isolierbetten zum Beispiel. Und das dort tätige Fachpersonal würde durchmischt werden mit Personal, das sich besonders gut mit infektiösen Krankheiten auskennt. Aber allein auf den Intensivstationen fehlen schon jetzt 4100 Pflegekräfte - ausgerechnet in dem Bereich, in dem wir sie gerade bräuchten.

Seit Jahren reden wir in Deutschland über den Pflegenotstand. Hat die Politik in der notwendigen Weise darauf reagiert?

Auf keinen Fall. Die Politik muss sich anrechnen lassen, dass es an dieser Stelle seit Jahrzehnten ein Versäumnis gibt. Man hat das Problem einfach in die Hände der Kliniken gelegt. Die Klinikleitung sollte dafür sorgen, dass sich an den Arbeitsbedingungen etwas ändert. Man hat den Schwarzen Peter weitergereicht. Die Folge davon ist, dass immer mehr Leute aus dem Pflegeberuf ausgestiegen sind. Und immer weniger junge Menschen lassen sich heute dafür gewinnen. Diese strategische Lücke wird durch den demografischen Wandel noch zusätzlich vergrößert. Maßnahmen zur besseren Vergütung von Pflegekräften und Budgetzuschläge, um mehr Pflegepersonal einstellen zu können, wurde den Krankenhäusern erst zur Verfügung gestellt, als der Arbeitsmarkt schon leergefegt war. Und auch das Einwanderungsgesetz wurde zu spät verabschiedet. Die Bundes- und häufig auch die Landespolitik, die Krankenhäuser, die Tarifpartner sind alle der Entwicklung verspätet hinterhergelaufen und haben Zeit verspielt. Jetzt wo es richtig brennt, rächt sich das.

Mehrere Bundesländer haben mittlerweile Schulschließungen angeordnet. Was passiert, wenn das Klinikpersonal zuhause bleiben muss, um die Kinder zu versorgen?

Das ist ein ungelöstes Problem. Die Eltern müssten eigentlich schon jetzt Entscheidungen für den Dienstplan in der nächsten Woche getroffen haben. Das schafft niemand. Dienstpläne werden in der Regel für die kommenden vier Wochen im Voraus entwickelt und das Personal geplant. Und wir sprechen ja von Zeiträumen, die über 14 Tage hinausgehen. Das wird ein Kellertreppeneffekt. Jetzt werden die Kitas und Schulen geschlossen, dann muss die Familie das aushalten. Einer muss aushelfen. Oma und Opa sollen es wegen der Ansteckungsgefahr nicht sein. Freunde und Bekannte müssen einspringen, beispielsweise auch im Rettungsdienst, in Alten- und Pflegeheimen, in Krankenhäusern, in ambulanten Diensten. Wenn die Arbeitsbefreiung nicht möglich ist, bleibt für manche nur noch die Krankschreibung. Und diese Mitarbeiter fehlen dann in der stationären und ambulanten Versorgung.

Was hätte man denn stattdessen tun sollen?

Man hätte jedem Krankenhaus frühzeitig einen Sockel an Personal für eine Notfallversorgung zugestehen müssen - ganz unabhängig von einer Inanspruchnahme. Das wäre die Reserve gewesen, auf die man in der jetzigen Situation hätte zurückgreifen können. Stattdessen werden jetzt diejenigen Mitarbeiter, die keine Kinder haben, durch Überlastung auch in eine schwierige Situation gebracht. Auch sie werden womöglich irgendwann ihre Fehlzeiten erhöhen müssen, weil sie sonst körperlich und geistig zusammenbrechen.

Ist denn auch denkbar, dass Kliniken schließen müssen?

Wenn sich in einem kleinen Krankenhaus, dass nur über wenige Ärzte verfügt, das Personal infiziert, dann müssten zumindest die gefährdeten Mitarbeiter in Quarantäne. Dies könnte den Personalbestand so stark verringern, dass in diesem Fall sogar ganze Krankenhäuser geschlossen werden müssten. Mit zu wenig Personal kann eine Klinik nicht betrieben werden. Die Patienten müssten auf andere Krankenhäuser verteilt werden, wenn nicht von wonanders her Personal zur Verfügung gestellt wird. Ob im Fall einer Corona-Epidemie eine solche Art der Solidarität erwartet werden kann, wird dann im Einzelfall zu sehen sein.

Die Bundesregierung verspricht jeder Klinik einen Bonus, wenn sie ein zusätzliches provisorisches Intensivbett schafft. Geht das denn so einfach?

Nein, so ohne weiteres geht das nicht. Dazu müssen erst einmal die notwenigen Anschlüsse für medizinische Gase oder wichtige Geräte vorhanden sein. Außerdem müssten Möglichkeiten zur Isolation geschaffen werden. Ist das der Fall, könnte man auch ein Ein- bis Zwei-Bett-Stationszimmer zu einem Isolierzimmer umrüsten. Dann bräuchte man dort aber auch noch Monitore, Beatmungsgeräte, Schleusen etc.. Und so einfach sind Beatmungsgeräte gar nicht mehr zu bekommen. Da geht es nicht nur um Lieferfähigkeiten, sondern auch um Preise. Das Beschaffungsamt des Bundesverteidigungsministeriums hat aktuell 10.000 Beatmungsgeräte bestellt und will sie im Laufe des Jahres an die Krankenhäuser verteilen. Sie sehen einerseits den Bedarf, andererseits die nur schrittweise Verfügbarkeit im Jahresverlauf.

In Deutschland sind Krankenhäuser auch Wirtschaftsunternehmen. Müssen wir da umdenken?

Die Krankenhäuser in Deutschland haben einen Investitionsbedarf von 7,4 Milliarden Euro. Tatsächlich werden zur Zeit aber nur 2,6 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Hier klafft eine große Lücke. Die Investitionskosten, die derzeit nicht finanziert werden, müssen sich die Krankenhäuser durch Überschüsse erwirtschaften. Und das tun sie dadurch, dass sie Kosten senken. Das gilt für private ebenso wie für gemeinnützige Kliniken. Das ganze Versorgungs- und Finanzierungssystem gehört auf den Prüfstand. Wir müssen umdenken und der Versorgungsfähigkeit wieder das Primat vor der Wirtschaftlichkeit verschaffen.

Was würden Sie jetzt tun, wenn Sie Jens Spahn wären?

Ich würde den überarbeiteten Pandemieplan vom Robert-Koch-Institut zur Hand nehmen und sicherstellen, dass die Krankenhäuser die Abläufe von der Aufnahme bis zur Entlassung eines Patienten durchgehen und sich schnellstmöglich der neuen Situation anpassen. Die Kliniken müssen ganz klar festlegen: Wann wird wer aufgenommen? Wie wird er behandelt? Wohin wird er intern verlegt? Wer hat die Entscheidungshoheit bei Aufnahme-, Verlegungs- und Entlassungsentscheidungen? Wie kann die Belastung der Neuaufnahmen intern so verteilt werden, dass die Belastung gleichmäßig auf alle Mitarbeiter und Berufsgruppen ist? Ganz viele interne Schnittstellen müssen zu Nahtstellen umgearbeitet werden.

Krankenhäuser, die sich derzeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, muss mit Überbrückungskrediten geholfen werden, damit sie nicht aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz gehen. Und damit die Mitarbeiter mit Kindern weiterhin zur Arbeit gehen können, sollten Kindergärten für die wichtigen Personalgruppen des Gesundheits- und Sozialwesens geöffnet bleiben. Erzieher aus Kindergärten sollten auch im Einzelfall von diesen Eltern angefordert werden können, damit sie Kinder zuhause betreuen können.

Mit Bernd Mühlbauer sprach Judith Görs

Quelle: ntv.de