Politik

Rückkehr eines Verstoßenen Edathy teilt aus, einstecken mag er nicht

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(Foto: picture alliance / dpa)

Auf einen Rachefeldzug will Sebastian Edathy eigentlich verzichten. Dennoch belastet er Ex-BKA Chef Ziercke und seinen früheren Kollegen Hartmann schwer. Auch SPD-Fraktionschef Oppermann steht blöd da.

Sebastian Edathy muss lachen. "Ich habe keine E-Mail von Jörg Ziercke, wo drin steht: 'Hallo Herr Edathy, Ihre Akte ist jetzt gerade in Hannover.' So etwas gibt es nicht." Edathy öffnet die Augen jetzt weit und hebt bedauernd die Schultern. Gäbe es eine Mail des früheren BKA-Chefs, würde er sie zeigen, das sagt sein Blick. Aber es gibt sie eben nicht. Dabei ist es bemerkenswert genug, dass Edathy überhaupt hier ist.

Auf Einladung ist der frühere Bundestagsabgeordnete in die Bundespressekonferenz gekommen, nachdem er mehr als ein halbes Jahr untergetaucht war. Das Gebäude gleicht an diesem Tag einem Hochsicherheitstrakt. Polizisten und ein privater Sicherheitsdienst sichern das Haus. Der Saal ist mindestens so gut gefüllt wie bei den Besuchen der Kanzlerin. Als der kleine, adrett gekleidete Mann endlich erscheint, bricht Hektik aus. Minutenlang klicken die Kameras, während Edathy auf dem Platz vor dem Mikrofon Platz nimmt.

Der macht einen lässigen Eindruck, nickt einigen bekannten Gesichtern zu - als wäre nichts passiert. Edathy, gegen den wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt wird, ist zurück nach Berlin gekommen, um Stellung zu beziehen in eigener Sache. Und um die merkwürdigen Kommunikationsstränge offenzulegen, die seine Affäre im Februar an die Öffentlichkeit gelangen ließ. Er präsentiert sich dabei sowohl als Opfer als auch als reuiger Sünder. Edathy beginnt mit einer Geste. Er entschuldigt sich bei den Menschen, die er enttäuscht habe, "das tut mir aufrichtig leid". Er sei in Berlin, um einen konstruktiven Beitrag zur Beilegung "der Dinge" zu leisten.

Die Ziercke-Hartmann-Edathy-Kette

Was ist also passiert im Herbst 2013, bevor der Fall publik wurde? Edathy berichtet detailliert, direkt und schonungslos, so wie man ihn auch als Politiker und Chefaufklärer in der NSU-Affäre erlebt hat. Im November des vergangenen Jahres habe er von den Ermittlungen gegen jene Firma erfahren, bei der er Jahre zuvor Kunde war. Sorgen habe sich Edathy damals nicht gemacht. Die Filme habe er unter seinem Namen an seine Wohnanschrift bestellt. "Ich war ja überzeugt, dass es sich nicht um strafbare Vorgänge handelt." Doch in dem Glauben bleibt er nicht lange, denn Edathy erhält einen Hinweis, der in ihm Panik auslöst.

Am Abend des 15. November, beim SPD-Parteitag in Leipzig, sei er erstmals von seinem Parteikollegen Michael Hartmann angesprochen worden. Edathy erfährt: Sowohl BKA, als auch Innenminister Hans-Peter Friedrich und die SPD-Spitze sind im Bilde. Es ist der Anfang einer merkwürdigen Informationskette. Edathy zufolge stand der damalige BKA-Chef Ziercke über Monate in regelmäßigem Kontakt mit Hartmann, der habe wiederum ihn mindestens einmal in der Woche über die Ermittlungen informiert.

Zwei Personen belastet Edathy damit schwer: Ziercke steht im Verdacht des Geheimnisverrats, Hartmann im Verdacht der Strafvereitelung. In einer eidesstattlichen Erklärung versichert Edathy, Hartmann sei davon ausgegangen, dass "Ziercke wollte, dass ich im Bilde bin. Die SPD habe durch den Fall Jörg Tauss schon mal Schaden genommen." Ende Januar will Edathy über seinen Informanten erfahren haben, dass die Staatsanwaltschaft ein Verfahren einleitet. Dann habe er entschieden, sein Mandat niederzulegen. "Um mich selber zu schützen und Schaden von Parlament und Fraktion abzuwenden", wie er sagt. "Das mag im Nachhinein ironisch klingen."

Aber Edathy ist nicht bei allen Themen redselig. Was die von ihm bestellen Filme mit den nackten Knaben denn eigentlich zeigten, fragt ein Journalist. Edathy zwinkert jetzt sichtlich nervös mit den Augen, lässt sich aber nicht darauf ein. Nur so viel: Es sei moralisch falsch gewesen, die Filme zu bestellen, aber "was Menschen in ihrem Privatleben tun, geht niemanden etwas an, wenn es legal ist". Die Frage, ob er pädophil sei, verärgert ihn. "Ob ich pädophil bin oder Sie homosexuell: Mich geht es nichts an, was Sie sind und Sie geht es nichts an, was ich bin", blafft er. Edathy ist zwar kein Jurist, sondern Soziologe, das Timing für die juristischen Stanzen beherrscht der wortgewandte Niedersachse dennoch. "Ich werde mich nicht zu Details im laufenden Verfahren äußern", sagt er mehrfach.

"Der ist doch nicht mehr tragbar"

Edathy teilt lieber aus als einzustecken. Hartmann bescheinigt er zwar "menschlich beste Absichten". Dass der seiner Darstellung widerspricht, sei jedoch "unverschämt". Schlecht weg kommt auch Thomas Oppermann. Der heutige Fraktionschef habe ihm im November 2013 noch mehrere Ämter in Aussicht gestellt, Fraktionsvize oder parlamentarischer Staatssekretär hätte er angeblich werden können. Aber daraus wird nichts. Einige Wochen später habe Oppermann über Hartmann versucht, ihn zum Mandatsverzicht zu bewegen. Das ist pikant: Schließlich beharren Hartmann und Oppermann bisher darauf, nur über Edathys Gesundheitszustand, aber nicht über die Kinderporno-Vorwürfe gesprochen zu haben. Edathy erzählt noch mehr. Einmal sei Hartmann sogar von Oppermanns Büroleiter gefragt worden: "Wie geht das jetzt eigentlich weiter? Der ist doch nicht mehr tragbar."

Edathy erinnert sich an eine weitere "irritierende Situation". Bei der Kanzler-Wahl im Dezember 2013 habe er den Zählappell verschlafen, sei jedoch pünktlich zur Abstimmung eingetroffen. Hartmann habe ihm damals berichtet, dass Oppermann in der Fraktionssitzung auf ihn zugekommen sei. Mit der Frage: "Michael, wie kommentieren wir es den Medien, wenn sich Sebastian umgebracht hat?" Edathy macht eine kurze Pause, dann sagt er: Die früheren SPD-Fraktionschefs Müntefering und Struck "hätten sich nie so geäußert, aber Oppermann ja". Rechtlich bringt Edathy die SPD nicht in Bedrängnis, aber vor allem Oppermann steht schlecht da. Zurück bleibt das Bild einer Partei, die einen ihrer Genossen notfalls ohne Skrupel entsorgt - ähnlich wie in der US-Serie "House Of Cards".

Was bleibt nun von Edathys Auftritt? Der 45-Jährige teilt kräftig aus, bei unangenehmen Fragen weicht er aus. Zu den Opfern, dazu, ob die Kinder möglicherweise zu den Filmaufnahmen gezwungen worden seien, verweigert er die Auskunft. Wie es ihm geht? Die Frage stellt niemand, aber Edathy beantwortet sie dennoch ausführlich. Er habe einen hohen Preis gezahlt und müsse sich nun eine neue Existenz aufbauen. "Menschen sind froh, wenn sie ein soziales Umfeld haben und einen Beruf. Das alles habe ich jetzt nicht mehr." Er berichtet von den vielen Drohungen, darüber, dass er ins Ausland gegangen sei, weil seine Sicherheit nicht mehr gewährleistet war. Als ein Journalist fragt, wo er denn gewesen sei, blafft Edathy nur: "Das geht Sie, mit Verlaub, einen feuchten Kehricht an."

Quelle: n-tv.de