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Interview mit WFP in Jordanien Eher sterben, als Flüchtling zu sein

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Shada Moghraby (r.) ist Pressesprecherin des Welternährungsprogramms in Jordanien.

Hunderttausende Syrer haben nicht genug zu essen, die Lebensbedingungen in den Nachbarländern Syriens verschlechtern sich dramatisch. Die Verzweiflung treibt viele nach Europa oder zu Islamisten, berichtet Shada Moghraby, Mitarbeiterin des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (englisch UN World Food Programme, WFP) n-tv.de.

n-tv.de: Das WFP hat die Lebensmittelhilfe für Hunderttausende syrischer Flüchtlinge drastisch reduzieren müssen. Was genau fällt weg?

Shada Moghraby: 229.000 Syrer erhalten derzeit keine Unterstützung mehr. Das passiert zugunsten derer, die noch weniger haben und ohne Hilfe nicht überleben könnten. Diese Hilfe für die Ärmsten mussten wir um die Hälfte reduzieren. Statt 20 jordanischer Dinar erhalten sie jetzt 10 (Anm. d. Red.: Das sind umgerechnet etwa 12,50 Euro) - für einen ganzen Monat. Diejenigen, die in Lagern leben, wurden dagegen von den Kürzungen ausgenommen, da sie komplett abhängig sind.

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Erreichen Sie denn wirklich alle, die bedürftig sind?

Laut jordanischer Regierung leben 1,4 Millionen Syrer in Jordanien. Viele davon waren aber vor dem Krieg schon zum Arbeiten in Jordanien und konnten dann nicht mehr zurück in ihre Heimat. Registriert bei den Vereinten Nationen sind 650.000. Das Ausmaß der Nahrungsunsicherheit bei diesen Menschen ist dramatisch gestiegen. Im vergangenen Jahr waren nach unseren Studien 48 Prozent der syrischen Familien extrem bedürftig. Dieses Jahr sind es 85 Prozent.

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Eine syrische Flüchtlingsfamilie in der jordanischen Hauptstadt Amman. Die meisten Flüchtlinge in Jordanien leben außerhalb der Lager. 85 Prozent sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

(Foto: REUTERS)

Wie reagieren die Menschen auf die Nachricht, dass sie nichts oder nur halb so viel erhalten?

Viele sind in so verzweifelter Stimmung, dass sie sagen, sie gingen lieber zurück nach Syrien, um zumindest in ihrem eigenen Land zu sterben. Einige sagten mir, sie wollten nach Europa gehen. Das ist in vielen Fällen nicht realistisch, aber der Gedanke ist da. Wenn ich sie frage, ob sie denn nicht die Nachrichten hörten darüber, wie viele Menschen im Mittelmeer ertrinken, sagen sie nur: "Wir sind hier doch auch schon tot."

Wie gehen die, die dennoch bleiben, mit der Situation um?

Ich erlebe herzzerreißende Szenen. Ich habe eine Mutter getroffen, die nicht mit ihrer Familie aß. Als ich sie fragte, warum sie denn nichts esse, behauptete sie, sie hole Fastentage vom Ramadan nach. Auf dem Tisch waren nur etwas Brot und ein paar Oliven. Als ich sie erneut fragte, sagte sie: "Ich habe meinen Kindern gesagt, dass ich faste, damit sie kein schlechtes Gewissen haben."

Was passiert, wenn das noch länger so weitergeht?

Die unterversorgten Flüchtlinge haben bereits in großer Zahl ihre Kinder wieder aus der Schule nehmen müssen, um sie illegal arbeiten zu lassen. (Anm. d. Red.: Erwachsene werden nach Syrien ausgewiesen, wenn sie illegal arbeiten, Kinder nicht.) Nur so kommen sie einigermaßen über die Runden. Es gibt viele Fälle von frühen Zwangsverheiratungen der Töchter, weil die Familie so einen Esser weniger hat und womöglich ein Brautgeld kassiert.

Haben Sie Informationen über Menschen, die tatsächlich aus einem Flüchtlingslager nach Europa geflohen sind?

Aus den Flüchtlingslagern eher nicht, denn dort ist die Grundversorgung ja da. Nach unseren Erkenntnissen sind die Kürzungen des WFP aber nicht der unmittelbare Grund für die Fluchtbewegung nach Europa. Die Lebensbedingungen haben sich insgesamt dramatisch verschlechtert. Auch andere UN-Organisationen mussten ihre Hilfe reduzieren. Es verlieren einfach immer mehr Flüchtlinge die Hoffnung, dass sie in ihre Heimat zurückkehren können. All das zusammen macht für viele Syrer ihr Dasein unerträglich und für manche eine Reise nach Europa zum letzten Strohhalm.

Sind Ihnen Fälle von Radikalisierung als Folge dieser hoffnungslosen Situation bekannt?

Klar ist: Je verzweifelter die Lage, desto eher werden Menschen anfällig für zum Beispiel islamistische Propaganda. Ich sehe so viele junge Menschen, in deren Augen einfach nur noch verlorene Hoffnung zu sehen ist. Sie dürfen nicht arbeiten, können auch nicht die bürokratischen Anträge bezahlen, um vielleicht eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Sie hängen nur rum. Wir laufen Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren. Wenn diesen jungen Leuten nicht dabei geholfen wird, zumindest ihr Gefühl von Würde zu behalten, dann werden wir in der Zukunft erleben, wie sie sich radikalisieren.

Wie nehmen Sie von Jordanien aus die europäische Asyldebatte wahr?

Was jetzt in Deutschland und anderen europäischen Staaten passiert, haben die Nachbarländer Syriens längst hinter sich. Jordanien ist ein Dritte-Welt-Land und wir müssen trotzdem mit der Situation und den Ressourcen klarkommen. Manchmal muss die Humanität eben vor der Vernunft kommen. Die Frage muss sein: Wie können wir die Flüchtlinge davor bewahren, zu ganz verzweifelten Mitteln zu greifen, wie können wir sie ernähren und irgendwie bei der Stange halten?

Mit Shada Moghraby sprach Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

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