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Frankreich nach der Wahl Ein Mann sieht seinen Schatten

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Der Schatten ist groß - der Mann auch? Emmanuel Macron am Louvre in Paris.

(Foto: REUTERS)

Mit seiner Wahl zum französischen Präsidenten steht Emmanuel Macron vor einer schier unlösbaren Aufgabe: Er soll das Land sanieren, seine Kritiker widerlegen - und den Franzosen das Vertrauen in den Staat zurückgeben. Scheitert er, wäre es die Stunde von Marine Le Pen.

Wer den neuen Präsidenten Frankreichs am späten Sonntagabend über den Vorplatz des Louvre schreiten sah, bekam den Eindruck, da sei ein Boxer auf dem Weg in den Ring. Mit erhobenem Kopf, starken Schultern und starrem Blick stellte sich Emmanuel Macron seinem Schicksal - und warf dabei einen Schatten, der weit größer war als er selbst. Ganz so wie die Erwartungen, die nun an ihn gestellt werden.

Als jüngster Präsident in der Geschichte seines Landes (abgesehen von Napoleon) soll er der Grande Nation eine Frischekur verpassen. Und auch wenn ihm an diesem Abend Tausende Anhänger vor dem Carrousel du Louvre zujubelten - die Zahl seiner Gegner ist fast schon übermächtig. Die Linken wollen ihn nicht. Die Konservativen eigentlich auch nicht. Und was die Sozialisten wollen, weiß keiner so genau. Dazu die historische Zahl: 4,2 Millionen. So viele Franzosen haben ungültige oder leere Wahlzettel abgegeben. Das sind 8,9 Prozent der Wahlberechtigten.

Emmanuel Macron kann sich wirklich nicht damit trösten, dass etwa ein Drittel seiner Wähler für ihn gestimmt hat, weil sie - neben aller Showeffekte - sein Programm gewählt haben. In den Augen vieler Franzosen hat der Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf vor allem heiße Luft produziert. Aber er war eben nicht Marine Le Pen. Und vielen reichte das, um ihm zu folgen. Zumindest vorerst. In den kommenden Wochen wird Macron im Eiltempo beweisen müssen, dass er der richtige Mann zur richtigen Zeit ist. Im Juni stehen in Frankreich die Parlamentswahlen an. Und bisher stellt die Bewegung des jungen Präsidenten, "En Marche!", keinen einzigen Abgeordneten. Das muss sich ändern. Schleunigst.

Macron braucht eine Mehrheit

Glaubt man den jüngsten Umfragen, sind viele Franzosen sogar gewillt, "En Marche!" im Parlament handlungsfähig zu machen. Das Institut Opinionway sieht das Potenzial der Bewegung in der Nationalversammlung derzeit bei 249 bis 286 Sitzen - von insgesamt 577. Doch noch immer ist weitgehend unklar, mit welchen Kandidaten "En Marche!" in den einzelnen Wahlkreisen antreten will. Macron selbst hatte versprochen, mindestens die Hälfte der Listenplätze mit Leuten aus der Zivilgesellschaft zu besetzen - obwohl denen wahrscheinlich jede politische Erfahrung fehlt. Seine Strategie, auf Risiko zu gehen, mag sich bisher als das richtige Mittel erwiesen haben. Aber über dem Projekt des neuen Präsidenten schwebt noch immer die Gefahr des Scheiterns. Und das hätte katastrophale Folgen.

Es ist schlicht fahrlässig, nach diesem Wahlsonntag in Frankreich die "Rettung Europas" zu feiern - denn seine Gegner waren nie stärker als heute. Mit knapp 34 Prozent der Stimmen weiß Marine Le Pen nun noch einmal drei Millionen Wähler mehr hinter sich als vor zwei Wochen bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl - und dies sind Franzosen, die nicht etwa aus einer Verlegenheit heraus, sondern gerade wegen ihrer fremden- und europafeindlichen Ideologie für die Front-National-Chefin gestimmt haben. Ihre Basis ist also nicht sehr viel kleiner als Macrons. Nur ist die Ausgangslage für Le Pen viel komfortabler. Nicht sie ist nun in der Bringschuld, ihre teils hanebüchenen Vorschläge zur Sanierung des Landes in die Tat umzusetzen. Man erinnere etwa an ihre Forderung, eine Doppelwährung einzuführen.

"Madame Frexit" kann warten

Stattdessen kann sich "Madame Frexit" - wie sie sich selbst nennt - darauf konzentrieren, die Reformpläne ihres Gegners zu zerreden. Schon im TV-Duell hatte sie mehr über Macron geschimpft als eigene Pläne erläutert. Grundsätzlich wirft sie ihrem liberalen Rivalen vor, eher der Wirtschaft dienen zu wollen als den Franzosen. Sollte Macron seine Pläne wahr machen - und etwa die Unternehmenssteuer senken sowie das Arbeitsrecht weiter lockern, spielt das Le Pen in die Hände. Zumindest dann, wenn sich parallel keine Erfolge auf dem Arbeitsmarkt einstellen. Verwässert Macron dagegen sein teils durchaus radikales Programm, wie das schon sein Vorgänger François Hollande getan hat, muss er sich Schwäche vorwerfen lassen.

Es wird nicht leicht sein für den 39-jährigen Präsidenten, seinen Gegnern die Argumente zu nehmen und gleichzeitig das Vertrauen der Franzosen in den Staat wiederherzustellen. Vielleicht ist die Metapher vom Boxer, der zum entscheidenden Kampf in den Ring steigt, gar nicht so weit hergeholt. Fakt ist: Frankreichs neuer Präsident wird mit Tiefschlägen rechnen müssen.

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Quelle: n-tv.de

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